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Karate-Dō auf Okinawa

Weiter geht es in unserer Interviewreihe über die Forschungsprojekte des zweiten Bachelor Plus Jahrgangs. Heute sprechen wir mit Thilo Böwer über seine Forschung zu Karate auf Okinawa.  

Wer eine Kampfkunst betreibt weiß, dass heutzutage oft ein Unterschied zwischen einer sportlichen und einer traditionellen Ausrichtung der jeweiligen Kampfkunst gemacht wird. Dieses Phänomen lässt sich bei fast allen Kampfsystemen beobachten, so auch im japanischen Karate. Hier wird z.B. mittlerweile zwischen Sport-Karate und Karate-Dō unterschieden. Während seines einjährigen Studienaufenthaltes auf Okinawa hat Thilo Böwer im Rahmen seines BA+ Projektes Karate-Dō auf Okinawa – Sport oder Budō? regelmäßig am Karatetraining eines lokalen Dōjō teilgenommen und mit Karate Praktizierenden und Lehrenden Interviews geführt.

BA+: Herr Böwer, wie sind Sie auf Ihr sportliches Thema gekommen?

Da ich bereits seit einigen Jahren selbst Karate betreibe, hatte ich daran natürlich ein großes persönliches Interesse. Durch das Auslandsjahr bot sich also zum ersten Mal die Gelegenheit, Karate so kennenzulernen, wie es auf Okinawa seit langer Zeit praktiziert wird. „Seit langer Zeit“ würde ich allerdings mit einem Fragezeichen versehen, denn in Deutschland hatte ich während des Studiums bereits einige bekannte Theorien wie die der „invented tradition“ kennengelernt und mir dann überlegt, ob Karate sich im dem Zusammenhang als vernünftiges Forschungsobjekt eignen würde. Und ja, es gab durchaus sehr interessante Aspekte, die es sich vom wissenschaftlichen Standpunkt her zu erforschen lohnte. So kam ich zu meinem Thema.

BA+: Lief das Karatetraining in Japan denn anders ab als Sie es von Deutschland her gewohnt waren?

Ich habe in Deutschland bisher immer im Verein in meiner Heimatstadt Ochtrup trainiert. Weitere Gelegenheiten, ein Training kennenzulernen, das sich vom gewohnten Training unterscheidet, boten sich auf größeren Lehrgängen. Auf Okinawa besuchte ich vor allem das Training im Jundōkan. Es handelte sich um denselben Karatestil Gōjū-Ryū, den ich auch zuvor in Deutschland betrieben hatte. Trotzdem gab es kleine und größere Unterschiede. So waren z.B. die Kata, die die Grundlage eines jeden Stils bilden, leicht verschieden zu denen, die ich in Deutschland geübt hatte. Etwas, was auch sofort ins Auge fiel, war der besondere Ort, an dem trainiert wird. Also nicht wie in Deutschland in einer Turnhalle, sondern in einem eigens für das Karate Training erbauten Dōjō. Eine Sache, die man ebenfalls in Deutschland vergeblich sucht, ist das Hōjō Undō (karatespezifisches Krafttraining). Darüber hinaus habe ich viele Unterschiede in der Art und Weise des Lehrens, bei der Organisation und dem Aufbau des Trainings, den Trainingszeiten, dem Verhalten im Dōjō, dem Ablauf von Prüfungen usw. feststellen können. Also kurz gesagt: Ja, das Karatetraining hier auf Okinawa lief in vielen Bereichen anders ab, als ich es von Deutschland her gewohnt war. Dazu sollte man allerdings sagen, dass das Training sich grundsätzlich von Verein zu Verein, von Dōjō zu Dōjō unterscheidet.

BA+: Welche Besonderheiten gibt es beim Karatetraining auf Okinawa und wie hat sich Ihr Karate durch den Aufenthalt auf Okinawa verändert?

Eine „Besonderheit“ war sicher, dass ich auf Okinawa viel mehr trainiert habe als in Deutschland. Training findet an sechs Tagen die Woche, jeweils für fünf Stunden statt. Natürlich muss man nicht jeden Tag die volle Zeit da sein. Aber der Punkt ist, dass man die Möglichkeit dazu hat. Das Training ist außerdem generell anders strukturiert. In Deutschland trainiert man z.B. zwei Mal die Woche, jeweils 90 Minuten. Dies ist auch dadurch bedingt, dass es keine Dōjō gibt. Diese 90 Minuten trainiert man dann nicht, sondern man „wird trainiert“. Es gibt also jemanden, der Übungen vormacht, die nachgemacht werden, oder Übungen werden ansagt usw. Auf Okinawa hingegen wird den Trainierenden Eigenverantwortung zugetraut. Es ist also quasi ein „freies Training“. An drei Stunden in der Woche ist ein Gruppentraining angesetzt, bei dem unter Anleitung von einem hochrangigen Sensei, ähnlich wie in Deutschland, Partnerformen und Bunkai geübt werden. Im Jundōkan wird sehr großer Wert auf eine spezielle Gymnastik (Jumbi Undō) gelegt. Mindestens 30 bis 60 Minuten wird diese auf jeden Fall als erste Übung ausgeführt. In Deutschland ist dies allein schon durch die Hallenzeiten von 90 Minuten ein Ding der Unmöglichkeit. Jumbi Undō und korrekte Gymnastik ist auch das erste, was man als Neuling lernt. Eine weitere Besonderheit sind natürlich die Kata. Die Kata haben hier einen besonderen Stellenwert im Karate. Alle anderen Übungen wie Gymnastik, Krafttraining usw. sollen auf die Kata vorbereiten, die Kata verfeinern und verbessern. Auf mein Karate hat sich das Training hier in dem Maße ausgewirkt, dass meine Bewegungen feiner und genauer geworden sind. Auch das Wissen, dass die Sensei während des Trainings mit mir teilten, hat mir geholfen, die Bewegungen und die Kata besser zu verstehen und somit meinen Umgang mit diesen verändert.

Karatemuseum_2

Karatemuseum, Nishihara

BA+: Während Ihrer Zeit auf Okinawa haben Sie ja auch ein Karatemuseum besucht. Was kann man sich darunter vorstellen und was wird dort ausgestellt?

In Nishihara gibt es ein Dōjō unter der Leitung von Herrn Tetsuhiro Hokama. Herr Hokama unterrichtet abends Karate in seinem Dōjō im Erdgeschoss eines mehrstöckigen, knallgelben Gebäudes. Eine Etage darüber hat Herr Hokama eine Art Sammlung alter Trainingsgeräte, Waffen, Dokumente, Fotos von berühmten Karate Lehrern usw. zusammengetragen. Dieser Bereich ist das berühmte Karatemuseum von Okinawa. Es ist zwar sehr überschaubar, aber auch ungemein interessant. Allerdings kommen viele Leute, die die Ausstellung einmal gesehen haben, nicht nur wegen der Ausstellungsstücke wieder, sondern vielmehr wegen Herrn Hokama, der im Laufe der Zeit ein wirklich beeindruckendes Wissen zu Karate und dessen Geschichte angesammelt hat.

Karatemuseum - Hojo Undo_2

Karatemuseum, Nishihara

BA+:  Wir sind sicher, dass auch Sie auf Okinawa ein umfangreiches Wissen zu Karate zusammengetragen haben und sind schon gespannt auf Ihre Bachelorarbeit! Herr Böwer, vielen Dank, dass Sie uns von Ihren Erfahrungen erzählt haben!

 

4 Kommentare

  1. Skrzypek Vinzenz sagt

    Ich habe mit großer Interesse die Einträge gelesen. Selten bekommt man solche Informationen aus „erster Hand“. Finde es sehr gut. Danke. Würde sehr gerne auch die Bachelorarbeit von Herrn Böwer lesen. Seit langer Zeit denke ich daran, eine Zeit(3-6 Monate) in Japan zu verbringen und mich mit Karate auf Okinawa zu beschäftigen und Trainieren. Ich bin 57 und mein ganzes Leben interessiere mich für Karate (3 DAN Shotokankarate).Das sind jetzt meine erste Schritte in der Richtung : konkrete Informationen über die Möglichkeiten solcher Reise zu sammeln. Vielleicht könnten mir dabei auch Informationen von den Anderen Teilnehmer/innen der Studienreise nach Japan behilflich sein. Wenn ich die Namen lese dann vermute ich 🙂 eine ähnliche wie meine Mentalität und Verständnis von Frau Blazejak und Szawerski. Ich selbst komme aus Polen und lebe seit 1988 in Deutschland. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.
    dankeschön

  2. Michiko Uike sagt

    Hallo Herr Skrzypek!
    Vielen Dank für Ihren netten Kommentar! Ich habe ihn an unseren Studierenden Herrn Böwer weitergeleitet.
    Viele Grüße
    M. Uike-Bormann

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