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Reisfelder statt High-Tech: Junge Idealist/innen sollen ländliche Regionen Japans retten

Saftige Wiesen, malerische Berglandschaften und ein beschaulicher Öko-Lifestyle ganz nach den eigenen individuellen Wünschen – Die japanische Regierung verbreitet idyllische Bilder vom Leben auf dem Land, um junge Menschen dazu zu bewegen, in strukturschwache Regionen zu ziehen. Dort sollen sie dann zur Revitalisierung der von Überalterung, Entvölkerung und Strukturschwäche besonders betroffenen Gegenden beitragen. Unsere Mitarbeiterin Ludgera Lewerich hat in Japan mit Frauen und Männern gesprochen, die diesem Ruf gefolgt sind. Ihre Anfang des Jahres fertiggestellte Doktorarbeit zeigt: Junge Stadt-Land-Migranten, in Japan auch „I-Turner“ genannt, suchen in ländlichen Regionen nach Selbstverwirklichung, Gemeinschaft und oft nach Befreiung aus einem vorher als einengend oder unerfüllt empfundenen Leben. Die Kampagnen der Regierung bedienen diese Sehnsüchte erfolgreich, sind aber kein Allheilmittel für Gemeinden auf dem Land, die mit Überalterung und schwacher Infrastruktur zu kämpfen haben.

Ama – ein entlegener Leuchtturm der Revitalisierung?

Ludgera Lewerich beim Kochen für die lokale Community in Ama

Ihre Forschung hat Ludgera Lewerich in entlegene Regionen geführt, zum Beispiel in die kleine Stadt Ama auf der Insel Nakanoshima, für die man drei Stunden mit der Fähre über das japanische Meer fahren muss – wenn diese nicht gerade wegen schlechten Wetters ausfällt. Diese Insel mit ihren etwa 2300 Einwohnern hat es seit Anfang der 2000er Jahre geschafft, hunderte von Menschen anzulocken, die sich trotz – oder gerade wegen – des einfachen Lebensstils dort niedergelassen haben. Zu diesem Erfolg beigetragen haben ein innovationsfreudiger Bürgermeister, eigens eingerichtete Praktikums-Programme, die Vermarktung lokaler Produkte wie das „Sazae-Curry“ und nicht zuletzt eine intelligent orchestrierte Image-Kampagne. Die Stadt Ama gilt heute in Japan als ein Aushängeschild erfolgreicher regionaler Revitalisierung und taucht in Reden des Premierministers ebenso auf wie in Hochglanzzeitschriften, die das Leben auf dem Land propagieren. Die jungen Neuzuzügler scheinen erfolgreich von diesem Bild beeinflusst. Die 27-jährige Hana berichtet: „Also, dass Ama eine großartige Stadt ist, hatte ich schon gehört.“ Gestiegen ist die Gesamtbevölkerungszahl trotzdem noch nicht, zu hoch ist die Überalterung, zu niedrig die Geburtenrate – aber seit einigen Jahren scheint sie sich zumindest zu stabilisieren.

Nur wenige Gemeinden können profitieren

In ihren Gesprächen mit jungen Menschen, die bewusst nach Ama oder an andere ländliche Orte gezogen sind, fand Ludgera Lewerich vieles wieder, was sie aus den Publikationen der Regierung und der Massenmedien herausgearbeitet hatte: Die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten, alternativen und nachhaltigen Lebensstil, die Suche nach Gemeinschaft und der Wunsch, eigene Ideen zu verwirklichen. So erzählt der 29jährige Takeshi, der in einem Revitalisierungsprojekt arbeitet; „Ich dachte, in Ama kann ich wachsen. Ich habe mich glaube ich für Ama entschieden, weil ich hier ein Ziel sehen konnte.“ Und die 31jährige Michiko beschreibt: „Also, es ist irgendwie so, als sei ich inmitten einer großen Familie.“

Die japanische Regierung schafft es mit ihrer Kampagne offensichtlich, die Bedürfnisse der jungen I-Turner anzusprechen und mit positiven Bildern zur Umsetzung ihrer Pläne zu ermutigen. Sie macht es sich damit, wie Lewerich erläutert, aber auch leicht: Die Regionen sollen erblühen, das soll aber möglichst ohne viel Zutun der Regierung passieren. So entstehen idealisierte Bilder eines Landlebens, die oft der Realität widersprechen. Das stößt auch bei manchen auf Kritik: „Ama ist zu berühmt geworden.“ meint Naomi und kritisiert, dass nun vor allem Absolventen und Absolventinnen prestigeträchtiger Universitäten nach Ama kämen. So fehle es an Diversität und zudem werde so die Kluft zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen größer. Sie ergänzt: „Die durchschnittlichen i-turner wollen nach Ama kommen, (…) weil sie viel von den guten Seiten gehört haben. Wenn man die ganzen Informationen von den Internetseite im Kopf hat, die beschreiben, was es hier alles für tolle Sachen gibt, dann ist der Schaden groß, wenn es Nachteile gibt.“

Für die jungen Stadt-Land-Migranten ist es risikoreich alles hinter sich zu lassen, und nicht wenige leben auf dem Land zwar nachhaltiger, aber am Existenzminimum. Und, das wird in Lewerichs Dissertation ebenfalls klar, die Stadt Ama bleibt eine Ausnahme, die von ihrer Rolle als Leuchtturm der Revitalisierung lebt. Für die I-Turner ist nicht gleich jedes beliebige Dorf ein Eldorado, und langfristig werden nur einige wenige Gemeinden wirklich von den jungen Migranten profitieren können.

Elisabeth Scherer

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