Highlights, Institutsleben

Prof. Annette Schad-Seifert im Interview

Annette Schad-Seifert ist seit 2006 Professorin für Modernes Japan an unserem Institut. Nach ihrem Abitur studierte sie Japanologie mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung sowie Religionswissenschaften in Berlin. Im Anschluss promovierte sie schließlich über Fukuzawa Yukichi, einen frühen Denker der Aufklärung in Japan. Frau Prof. Schad-Seifert arbeitete unter anderem an den Universitäten Berlin und Leipzig sowie am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo. Ihre Forschung beschäftigt sich mit modernen Identitäts- und Geschlechterfragen in Japan. Das Interview wurde von Dr. Ludgera Lewerich geführt.

Erste Begegnung mit Japan – Als Austauschschülerin im Homestay

Direkt zu Beginn, wie kam es eigentlich zu Ihrem Interesse an Japan und schließlich zu der Entscheidung, das auch zu studieren?

Ich komme aus dem Raum Düsseldorf, bin in Haan geboren und aufgewachsen. Als Schülerin, mit etwa 16 Jahren, hatte ich Kontakt zu einer Familie, in der der Vater Japaner und die Mutter Deutsche war. Die Familie hatte fünf Kinder und suchte eine Babysitterin. Ich bin dann regelmäßig dorthin gegangen und habe die Familie auch privat gut kennengelernt.

Der Vater, Herr Hirata, fragte mich irgendwann, ob ich nicht Lust hätte, nach dem Abitur nach Japan zu gehen. Das war Ende der 1970er Jahre – ich habe 1981 Abitur gemacht – und begann schon davor, Japanisch an der Volkshochschule in Düsseldorf zu lernen. Natürlich nur in begrenztem Umfang, aber immerhin. 1981 bin ich dann tatsächlich im Rahmen eines Homestays nach Japan gegangen.

Wie lange waren Sie im Rahmen dieses Homestays in Japan, und wo genau?

Ich war ein halbes Jahr dort. Zuerst zwei Monate in Tokyo, im Stadtteil Nerima-ku, bei einer Familie, und danach vier Monate in der Nähe von Nagoya, in Aichi-ken, genauer gesagt in Kariya. Beide Familien waren geschäftlich über den Rotary-Club verbunden.

Die Väter waren jeweils Inhaber eines Subkontraktunternehmens – das eine von Canon, das andere von Toyota. Dadurch hatten die Familien auch die finanziellen Möglichkeiten, jemanden im Rahmen eines Homestays aufzunehmen. Ich war ja noch keine Studentin, also wirklich einfach eine Austauschschülerin.

Und was haben Sie in dieser Zeit gemacht? Haben Sie in den Familien mitgeholfen oder eher Sprachkurse besucht?

Ich habe auch im Haushalt mitgeholfen, aber daneben viel unternommen. Ich durfte in einer der Firmen ein kleines Praktikum machen und habe an privaten Sprachschulen Japanischunterricht genommen – sowohl in Tokyo als auch später in Nagoya. Außerdem habe ich Kalligrafie-Kurse besucht und versucht, alles mitzunehmen, was ging.

Als ich nach Japan kam, konnte ich praktisch kein Japanisch. Als ich zurückkehrte, konnte ich immerhin ein bisschen – es war noch sehr begrenzt, aber ich hatte ein Fundament.

Gibt es etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist von diesem ersten Aufenthalt?

Ja, die zweite Familie, bei der ich gelebt habe, ist mir bis heute sehr wichtig – das ist wie meine japanische Familie. Der Vater ist leider früh mit 55 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, an Überarbeitung, fast karōshi-ähnlich. Danach hat zunächst die Mutter das Geschäft übernommen, heute führen es der älteste Sohn und die älteste Tochter, die ungefähr in meinem Alter sind. Mit dieser Familie bin ich bis heute eng verbunden.

Dort habe ich Japan sehr nah kennengelernt – mit all seinen schönen, aber auch schwierigen Seiten. Ich muss aber sagen, dass der Aufenthalt bei der ersten Familie problematisch war. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber rückblickend würde ich sagen, sie waren nicht wirklich bereit, mit jemandem aus einer anderen Kultur unter einem Dach zu leben. Sie waren sehr traditionell eingestellt und hatten irgendwann Schwierigkeiten mit mir.

Ich war ja erst 19 Jahre alt, also nach japanischem Recht noch nicht volljährig, und habe mich auch mit Freunden aus der Sprachschule getroffen – wir haben manchmal Bier oder Whiskey getrunken, und das gab dann Ärger (lacht). Das kann man ruhig erzählen, als Beispiel für interkulturelle Missverständnisse, die auftreten können, wenn man jung nach Japan geht.

Studium in Berlin – Der Weg in die Japanologie

Und nach Ihrer Rückkehr – war Ihnen da schon klar, dass Sie Japanologie studieren möchten?

Nein, zunächst wollte ich Logopädie studieren. Ich habe mich beworben, aber die Wartezeiten waren lang – das war damals ein sehr gefragter Studiengang. Mein Vater war übrigens strikt dagegen, dass ich Japanologie studiere. Trotzdem bin ich nach Bochum und Berlin gefahren, um mir die Japanologien dort anzusehen.

Bochum hat mich von der Umgebung her nicht angesprochen – die Universität ist ja ein typisches Beispiel brutalistischer Architektur. Die Beratung durch Professor Lewin war allerdings sehr freundlich. In Berlin dagegen hat mich die Atmosphäre sofort überzeugt. Das Institut befand sich damals in Dahlem, in einer alten Villa in der Podbielskiallee, und die Räume hatten einen ganz besonderen Charme. Außerdem lebte mein älterer Bruder bereits in Berlin, zu dem ich ein enges Verhältnis habe.

Also habe ich mich an der Freien Universität Berlin eingeschrieben, im Wintersemester 1982. Mein Vater war nicht begeistert, aber ich habe mich bewusst für diesen Weg entschieden – auch, weil ich dort sofort einen Studienplatz bekommen habe.

Wie kam es dann dazu, dass Sie an der Universität geblieben sind – also promoviert und später dort gearbeitet haben?

Das war eigentlich nicht geplant. Man muss verstehen, dass wir damals zur sogenannten Post-68er-Generation gehörten. Wir waren eher systemkritisch und hatten keine klaren Karrierepläne. Aber ich war immer ein sehr akademischer Mensch, und ich habe mich in der Universität gut zurechtgefunden.

Mit dem Japanischunterricht kam ich gut klar – ich hatte ja schon Vorkenntnisse – und auch mit den anderen Fächern. Irgendwann fragte mich mein Professor, ob ich studentische Hilfskraft werden wolle. So fing es an. Ich arbeitete ihm in Forschungsprojekten zu, bekam erste Einblicke in wissenschaftliche Arbeit, und das hat mir sehr gefallen.

1989 habe ich meinen Magisterabschluss gemacht – nach 13 Semestern, was damals ganz normal war. Während meines Urlaubs nach dem Abschluss rief mich mein Professor an und bat mich, mich sofort bei ihm zu melden. Er bot mir dann eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an – völlig überraschend für mich, aber wohl auch, weil ich vorher schon Hilfskraft bei ihm gewesen war.

Ich begann also dort zu arbeiten, promovierte nebenbei, allerdings zu einem anderen Thema als mein Doktorvater. Er war Politikwissenschaftler, kein Japanologe, und so wurde meine Arbeit zur politischen Ideengeschichte Japans – ein Thema an der Schnittstelle zwischen Japanologie und Politikwissenschaft.

Wissenschaftliche Laufbahn – Zwischen Berlin, Leipzig, Tokyo und Düsseldorf

Bild: Die heute emeritierte Professorin Itsuko Teruoka (Wirtschaftswissenschaften, Universität Tokyo) kam 1986 als Gastprofessorin an die Japanologie der FU Berlin; das Foto zeigt sie mit den Studierenden ihres Hauptseminars – mittig davon Professorin Schad-Seifert.

Sie waren also erst in Berlin, dann in Leipzig und später in Düsseldorf. Gab es für Sie Unterschiede zwischen diesen Instituten – gerade, weil Berlin und Leipzig ja ältere Einrichtungen sind als Düsseldorf?

Ja, durchaus. Die Freie Universität Berlin wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unter amerikanischem Einfluss gegründet, stark nach dem Modell der Area Studies. Eigentlich war geplant, dass es gar keine klassische Japanologie mehr geben sollte, sondern nur Japanforschung, eingebettet in sogenannte Mutterdisziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie oder Geschichtswissenschaft.

Ganz so kam es dann aber nicht. Schließlich entstand doch wieder ein Ostasiatisches Seminar mit Japanologie, Sinologie und Koreanistik. Trotzdem war die Japanologie an der FU Berlin die erste in Deutschland, die eine deutlich sozialwissenschaftliche Ausrichtung hatte – auch personell.

Ich würde deshalb sagen, ich bin keine klassisch ausgebildete Japanologin. Ich habe zwar noch Bungo gelernt, aber nicht den gesamten traditionellen Kanon. Mein Studium war stark von sozial- und politikwissenschaftlichen Ansätzen geprägt. Ich gehöre also zu einer der ersten Generationen, die stärker sozialwissenschaftlich orientierte Japanforschung betrieben haben.

Dann kam der Mauerfall 1989, und die Humboldt-Universität wurde wieder in das gesamtdeutsche Hochschulsystem integriert. Es gab also plötzlich zwei Japanologien in Berlin. Dadurch lernte ich auch die Ost-Berliner Kolleginnen und Kollegen kennen, darunter meine spätere Chefin und Freundin Steffi Richter, die erste Lehrstuhlinhaberin in Leipzig.

Leipzig hatte eine besondere Geschichte: Es war die älteste Japanologie Deutschlands, gegründet im Kaiserreich, später in der DDR aber komplett abgewickelt. Nach der Wende wurde sie mit Unterstützung der Japan Foundation neu aufgebaut – kein völliger Neubeginn, aber ein Wiederaufbau im übertragenen Sinn. Daran war ich direkt beteiligt.

Gemeinsam mit Steffi Richter konnten wir das Profil des Instituts neu ausrichten, stark beeinflusst von den Modern Cultural Studies – also der modernen Kulturwissenschaft. Diese Zeit war für mich unglaublich bereichernd. Ich habe dort sehr viel gelernt und profitiert und bin der Wiedervereinigung in diesem Sinne bis heute dankbar.

Wann sind Sie dann nach Düsseldorf gekommen?

Ende 2006. Davor war ich noch zwei Jahre am Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) in Tokyo – das war eine sehr wichtige Phase für mich. Ich war dort als Postdoc von 2005 bis Ende 2006. Schon 2003 hatte ich Düsseldorf kennengelernt, weil ich dort eine Lehrstuhlvertretung übernommen hatte – die Stadt und das Umfeld haben mir sofort gefallen. Ich habe mich dann auf die Professur beworben: beim ersten Mal, auf die Stelle von Michiko Mae, wurde ich noch abgelehnt, aber bei der zweiten Bewerbung auf die W2-Professur hat es dann geklappt.

Was ist vielleicht ein “little known fact” über die Arbeit als Professorin, den die meisten Leute gar nicht wissen, was aber so zu Ihrem Alltag gehört?

Ja, also, ich muss dazu sagen, dass mir vorher, vor dem Schritt in die Professur, sehr vor der Arbeitsbelastung gegraut hat. Man muss schon sagen, die Arbeitsbelastung ist erheblich, weil wir eben nicht nur Lehre machen, sondern auch Selbstverwaltung, Ämter übernehmen müssen und so weiter. Generell ist die Arbeit an der Universität natürlich eine selbstbestimmte Arbeit, wir dürfen unsere Forschungsinhalte und die Lehrinhalte selbst auswählen. Und das gibt uns eine große kreative Freiheit. Zudem ist die Arbeit an so einem relativ überschaubaren Institut, wie das in Japanologien üblich ist, eine ganz andere als wie z.B. in den Sozialwissenschaften.

Zu “little known facts” würde ich sagen: man wächst mit seinen Aufgaben. Ich würde auch jetzt vor allen Dingen weiblichen Akademikerinnen die Botschaft mitgeben wollen: Wenn irgendwo euch sich eine Tür öffnet, steckt den Fuß hinein. Lass die Tür nicht zugehen! Es ist nicht so, dass ich jetzt an die Tür gewummert hätte: “Mach mir auf!” oder so – so war ich nicht. Ich habe es mir auch nicht immer so zugetraut Professorin zu werden. Aber man wächst mit seinen Aufgaben. Man wächst da hinein und es ist letztlich zu schaffen.

Japanologie heute – Identität, Forschung und Zukunft des Fachs

Jetzt haben Sie ja gerade schon angedeutet, dass man eine gewisse Freiheit bei Forschungsschwerpunkten hat. Und bei Ihnen ist es ja so, dass Sie sich mit vielen unterschiedlichen Themen auseinandersetzen z.B. demografischer Wandel, soziale Schichten, Womenomics, Männlichkeitsbildern…. was motiviert Sie auch über so eine lange Zeit – meistens ja Jahre – sich damit zu beschäftigen?

Vor dem Hintergrund der Modern Cultural Studies interessieren mich im Grundsatz, wie moderne Identitäten entstehen. Wir leben in einer Welt von Umbrüchen, Industrialisierung, Globalisierung und so weiter, wo Identitätspolitik ein wichtiges Thema ist. Und es geht sozusagen um die Frage, wie reflektieren sich solche Brüche? Wie definieren sich Menschen? Wie definieren sich Menschen auch vor normativen Leitbildern und wie verändern sie sich? Schon bei meiner Doktorforschung an Fukuzawa Yukichi, einem Aufklärer, der schon zum Ende des 19. Jahrhunderts die Modernisierung Japans zum modernen Nationalstaat begleitet hat, ging es schon um “danshiron” – also Theorien oder Debatten über japanische Männer. Das fand ich schon sehr interessant. Und mir geht es dann weiter um Fragen wie, was ist das männliche Ernährer-Modell? Welche Sozialpolitik möchte das überwinden, mit welchen Mitteln, und wie erfolgreich ist sie damit? Mein Doktorvater hat mich mal als “Fundamentalistin” tituliert – nicht negativ oder religiös gemein, sondern im Sinne davon, dass ich ein sehr gutes Sitzfleisch und einen sehr langen Atem habe, um an Themen zu bleiben.

Warum lohnt es sich, sich auch auf einer individuellen Ebene mit Japan oder Japanologie zu beschäftigen? Was kann man aus so einem Studium mitnehmen?

Naja, Japan zum Beispiel ist ja die einzige Industrienation außerhalb Europas, die auch schon früh einen Entwicklungsweg gegangen ist. Die sich natürlich an Europa orientiert hat, oder am “Westen”, aber sich sozusagen unter eigenen Maßstäben modernisiert hat. Ich persönlich finde es sehr interessant, sich mit Kulturen oder eben Ländern zu beschäftigen, die außerhalb des europäischen Kontextes liegen. Das ist sehr bereichernd. Darüber hinaus erwirbt man ja auch eine Expertise, die von hohem Wert ist. Nicht zuletzt Japanischkenntnisse zu haben ist von hohem Wert und ich denke, dass die Gesellschaft das auch wertschätzt, wenn man diese Expertise besitzt.

Gleichzeitig ist es ein Nischenfach, das muss man auch schon dazu sagen. Wenn ich mich dazu entschließe Japanologie zu studieren, ist das kein Mainstream-Fach, und dann ist das eben meine Entscheidung, aber ich fand das sehr lohnend.

Wenn Sie so in die Zukunft blicken – Sie haben ja auch erzählt, Sie waren an vielen Instituten gewesen – gibt es irgendwelche Entwicklungen, die Sie sich für das Fach wünschen würden oder die Sie vielleicht auch selber sehen?

Ja, als ich in Leipzig zusammen mit Steffi Richter war, wollten wir eigentlich die Japanologie im klassischen Sinne abschaffen – das gebe ich ganz offen zu. Wir wollten Area Studies im Sinne der Cultural Studies schaffen, also sowas wie Transcultural Studies. Weil in Leipzig gibt es ja eine große asien-wissenschaftliche Fakultät. Letztlich haben wir das ja jetzt hier in Düsseldorf ein bisschen verwirklicht. Wir haben in der Fakultät fächerübergreifende Studiengänge, wie z.B. Transkulturelle Studien, das finde ich gut, aber es ist auch eine hohe Herausforderung. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass diese Identität der Fächer dabei erhalten bleiben muss. Aber ich finde es sehr lohnend, fächerübergreifende Inhalte, Forschung und Lehre anzubieten. Da sehe ich auch die Herausforderung für die Japanologie in der Zukunft.

Letzte Frage, wo findet man Sie denn, wenn Sie nicht im Büro oder Zuhause am Schreibtisch sitzen?

Ja, also draußen in der Natur. Ich bin ein sehr bewegungsfreudiger Mensch und ich gehe gerne wandern und walken. Und ich mache gerne Campingurlaub.

 

Ein Interview mit Prof. Annette Schad-Seifert.