Austausch und Japanaufenthalt
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Trip to Japan

(Ein Beitrag von Christoph Winnefeld)

Freunde der klassischen Musik werden wohl der Überschrift dieses (Reise-)Berichts eine Anlehnung an eine Dokumentation der Berliner Philharmoniker, deren „Trip to Asia“, entlesen. Wie es Sir Simon Rattle darin eingangs formuliert, ist es die Suche nach dem Einklang, die das Orchester treibt – namhaft in die Ferne –, um sich schließlich selbst zu finden. Es ließe sich demnach an dieser Stelle gleichsam beschreiben, wie ich meiner selbst, in der Ferne, habhaft wurde, doch das ist eine Geschichte, die Sie nicht zu lesen und ich nicht zu schreiben gewillt bin.

Erlauben Sie mir stattdessen, Sie, in medias res, zum Moment der Abnabelung, der Bewusstwerdung, zu führen, als ich mich mit kleinem Gepäck und großen Erwartungen am Gate eines Flughafens wiederfand. Eben wie Japan, während der vorausgegangenen Jahre meines japanologischen Studiums, eine Idee oder besser ein Konstrukt aus gesammeltem Wissen gewesen war, so war es auch der Gedanke, in Japan zu leben, zu studieren, den ich zu begreifen hatte. Und tatsächlich war es eine taktile Erfahrung, nach der ich mich sehnte. Gelebte Kultur vollzieht sich meist unartikuliert, wie nach einem Skript, das wir alle kennen. Es stellt sich uns schlicht nicht die Frage, wie, das heißt nach welchem Prozedere, wir morgens dem Bäcker die Brötchen entringen können. Sobald es jedoch heißt, Kultur zu repräsentieren oder beispielsweise einem “Fremden” zugänglich zu machen, wird diese wort- und prestigeträchtig.

Einmal angekommen, musste ich feststellen, dass sich mir die “Kultur Japans” im Handumdrehen zu artikulieren begann: J-Pac (Japan Programm at Chiba). Die Universität Chiba bietet dem internationalen Studenten die Möglichkeit, sich, durch eine Auswahl an englischsprachigen Kursen, Zugang zur japanischen Kultur zu verschaffen. Neben Einführungen in Architektur und cuisine, bieten sich für praxisorientierte Studenten gleichwohl Einblicke in Japans wirtschaftliche Rolle innerhalb globaler Märkte, doch Berührungen mit japanischen Studenten bleiben rar. Der Komfort des Austauschprogramms ist verführerisch, notwendige credit points lassen sich dort, wo sich eine helfende und im Umgang mit internationalen Studenten geschulte Hand stets in greifbarer Nähe befindet, sammeln und somit unsichere Gewässer umschiffen. Dementsprechend fühlt sich dagegen meine erste Vorlesung auf Japanisch tatsächlich nach kaltem Wasser an. Jedes unsanfte Erwachen durch einen kalten Guss, den ich während meiner Zeit an der Universität Chiba erleben musste, war wohl zweifellos durch sprachliche Inkompetenzen meinerseits begründet. Es waren jedoch beispielsweise Schlummerstunden in jenen Hörsälen, wie sie sonst nur japanische Studenten erleben dürfen, die mir Berührungspunkte waren, und liebe Erinnerungen sind. Der Komfort der Universität, den man als internationaler Austauschstudent erleben darf, so muss ich an dieser Stelle bemerken, begründet sich jedoch auf dem unermüdlichen Engagement vieler großartiger Persönlichkeiten.

Raten will ich Ihnen nun, sollten Sie sich mit dem Gedanken tragen, Japan für sich begreifbar zu machen, zur Unbehaglichkeit – wenn man so will zur Abwegigkeit. Der Winter führt mich in die Berge, die ich auf schmalen Landstraßen und proportional schmalen Sitzplätzen ländlicher Reisebusse passiere, und schließlich ist es an einem Busbahnhof, bzw. bei einem Kaffee – den ich zunächst per Ticket (shokken) lösen musste – das ich eine Realität der Reise bemerke: irgendwo unterwegs, ging nun auch mir das Skript verloren. Egal wie sehr ich versuche, dieses ersehnte taktile Rendezvous mit Fingerspitzengefühl zu versehen, muss ich doch feststellen, dass sich jeder Zusammenstoß wie ein Gewahrwerden der eigenen Unbeholfenheit anfühlt. Ich habe das Gefühl, meine Identität, und somit die Zugänglich- bzw. Unzugänglichkeit zu japanischem Leben, auf der Haut zu tragen. Ich werde gelesen, denke ich, als der Andere. Meine Sehnsucht hatte sich, ohne dass ich es bemerkt hätte, artikuliert, hatte sich zu einem Verstehen-wollen ausgewachsen, fußte wohl auf jenen großen Erwartungen, die ich im Gepäck hatte, und nahm mir nun die Sicht.

Tiefer in den Bergen, wahrscheinlich auf der Suche nach einem Perspektivenwechsel, finde ich ein altes ryokan. Die Füße, die gerade noch durch frisch gefallenen Schnee gestoben waren, tauchen nun in heißes Wasser, treffen schließlich rauen Stein und ruhen. Gegen den Nachthimmel zeichnen sich Silhouetten schwarzer, schattenhafter Bäume, formen einen Wald. Habe ich mich nun selbst gefunden, oder eben nur das wonach ich gesucht habe? Langsam durchdringen Schneeflocken die, aus dem heißen Wasser aufsteigenden, Dampfsäulen, bevor sie hörbar mit der Wasseroberfläche verschmelzen und ich bin sicher, auf Japanisch gibt es eine Lautmalerei für diesen einen Klang.

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