Malte Henze studiert bei uns seit 2024 am Institut Modernes Japan im Bachelor. 2025 war er für ein Praktikum auf Taramajima und hat auf einem Wagyū-Kälberzuchtbetrieb ausgeholfen. Mehr dazu erfahrt ihr untenstehend in seinem Bericht:
Die Anfrage einer ehemaligen Chefin aus meiner Working-Holiday-Zeit in Japan, ob ich denn nicht Interesse hätte, auf ihrem Betrieb auf Taramajima zu arbeiten, lehnte ich zwar ab, entschloss mich aber zu einem einmonatigen Praktikum auf der besagten Insel. Meine ehemalige Chefin war zuvor in einen Wagyū-Kälberzuchtbetrieb eingestiegen und war nun auf der Suche nach Personal. So befand ich mich Anfang März 2025 auf dem Weg zur kleinen Insel Taramajima in der Präfektur Okinawa(多良間島), die etwa 20 Minuten Flug von Miyakojima (宮古島) entfernt in der Präfektur Okinawa (沖縄県) liegt. Schon die ausgelassene und durchaus familiäre Stimmung im Eingangsbereich des erstaunlich kleinen Flughafengebäudes gab einen Vorgeschmack dessen, was mich auf der Insel erwarten würde. Nach einem herzlichen Willkommen fuhren wir direkt zu den Wirtschaftsbaracken des Betriebs, und die Arbeit ging sofort los.
Da ich selbst von einem kleinen gemüse- und ackerbaulichen Betrieb komme, ist mir das Interesse an der Landwirtschaft quasi mit in die Wiege gelegt worden. Auch wenn ich erst kurz zuvor im Herbst 2024 meine Ausbildung im Bereich Gemüsebau abgebrochen hatte, vermisste ich schon wenige Monate später die frische Luft und die praktische Arbeit. So war ich heilfroh direkt anpacken zu können und zu Abwechslung mal nicht irgendwo in den Betontrümmern der ULB eingesperrt zu sein.
Zuckerrohrfelder auf Taramajima.
Zu meinen Aufgaben gehörte vor allem das Füttern der Rinder. Jeden Tag zweimal mussten rund 80 Rinder mit Heulage und Kraftfutter versorgt werden. Dazu kamen noch Ergänzungsmittel wie Zink. Da der Betrieb insgesamt eher heruntergekommen war und die Heulage daher von Hand verteilt werden musste, nahm die Fütterung jeden Tag etwa drei bis vier Stunden in Anspruch. Den Rest der Arbeitszeit erledigte ich meist Pflege-und Instandhaltungsaufgaben wie zum Beispiel das Mähen von Wegrändern, das Zurückschneiden von Bäumen und Hecken, das Reinigen der Viehtränken usw. Mein persönliches Highlight war die Heuernte.
Auf dem Betrieb waren außer mir noch vier weitere Personen tätig: ein festangestellter Mitarbeiter, der nebenbei noch seine eigene kleine Landwirtschaft auf der Insel betrieb, eine Praktikantin aus Tokyo sowie zwei Betriebsleiterinnen, die sich mit dem Aufenthalt auf der Insel abwechselten und natürlich ich.
Der Arbeitstag begann um sechs und endete gegen halb sechs. Da wir aber ausgiebige Pausen machten und ohnehin niemand zur Eile antrieb, war das gut auszuhalten. Dazu kam das immer reichliche und ausgesprochen leckere Essen, das mein Praktikum beinahe in ein Schlaraffenland verwandelte. So gab es einmal Wagyū-Yakiniku bis zum Umfallen, natürlich vom eigenen Rind. Das Einzige, was mir ab und zu zu schaffen machte, war mein morgendlicher Brummschädel, denn wir ließen den Abend kaum je ohne mehrere Dosen Bier und/oder Wein ausklingen.
Mutterkuhstand.
Neben den fachlichen Einblicken in den Betrieb erfuhr ich auch viel über das Inselleben und die Inselpolitik. Taramajima ist eine etwa 19 km² große Insel, ungefähr auf halber Strecke zwischen Miyakojima und Ishigakijima (石垣島). Da die Insel kaum 1.000 Einwohner hat, kennt dort jeder jeden und jedes Gerücht machte schnell die Runde. Als ich zum Beispiel einen Brief geschrieben und auf dem Postamt abgegeben hatte, bekam meine Chefin kurz darauf einen Anruf, weil ich einen Fehler bei der Adressierung gemacht hatte. Wer ich war und wo ich arbeitete, hatte sich offensichtlich schon herumgesprochen. Was mich allerdings fast am meisten überraschte, war der eigenartige Umgang mit dem Gesetz. Das lag wohl nicht zuletzt daran, dass es auf der Insel ohnehin nur einen Polizisten gab, der Gerüchten zufolge zudem die Anweisung hatte, im Zweifelsfall die Polizei auf Miyakojima anzurufen und nicht selbst aktiv zu werden.
Die einzige Ampel der Insel.
Ich kann Landwirtschaftspraktika in Japan sehr empfehlen, da diese einen guten Rahmen bieten, um sowohl Japanisch zu lernen als auch einen unmittelbaren Einblick in die Lebensrealität der jeweiligen Region zu bekommen. Japanisch ist auf den allermeisten Betrieben die Kommunikationssprache, man kommt also nicht darum Japanisch zu lernen. Im Rahmen meines Working-Holiday-Jahres habe ich viele Teile Japans auf diese Weise erkundet. Allerdings ist es nicht ganz einfach, an solche Praktika zu kommen. Ich zum Beispiel habe fast alle Praktikumsplätze durch Weiterempfehlungen der jeweiligen Betriebsleiter gefunden. Außerdem ist die Arbeit in der Landwirtschaft oder im Gemüsebau oft mühsam und, wenn überhaupt, eher schlecht bezahlt. Das ist natürlich nicht überall so und sehr betriebsabhängig, trotzdem ist es oft gut machbar, solange man kein großes Problem mit Überstunden hat und auch gelegentlich bereit ist das Wochenende durchzuarbeiten. Die Rinder haben schließlich auch sonntags Hunger, und der Regen wartet auch nicht, bis das Heu geerntet ist.
Mein Aufenthalt auf Taramajima war echt super. Fachlich habe ich einiges über die Rinderhaltung gelernt und sogar etwas über den Zuckerrohranbau. Darüber hinaus konnte ich den zwar verhältnismäßig kühlen Frühling auf Taramajima genießen, meine Japanisch-Kenntnisse ausbauen und Einblicke in das Inselleben gewinnen. Nicht zuletzt konnte ich auch meine Reisekosten erheblich senken, da ein Teil von meinem Arbeitgeber übernommen wurde.
Ein Bericht von Malte Henze.

