Austausch und Japanaufenthalt, Studierendenberichte

Auslandsjahr an der Nanzan-Universität – Ein Bericht von Jasmin Pätzold

Ihr spielt mit dem Gedanken ein Auslandsjahr in Japan anzutreten? Bevor ihr euch aber entscheidet, möchtet ihr gerne ein paar Erfahrungen von Studierenden hören und euch über mögliche Herausforderungen und bevorstehende Eindrücke bei so einem Auslandsstudium informieren? In diesem Interview-Beitrag berichtet uns Jasmin Pätzold freundlicherweise über ihre Zeit an der Nanzan-Universität:

Wie liefen für dich die ersten Wochen nach Ankunft in Japan ab? Was erleichterte oder erschwerte für dich die Eingewöhnung vor Ort?

Ich habe mit einer japanischen Schülerin und 4 weiteren Austauschschülerinnen in einem Sharehouse gewohnt, das von der Universität organisiert wurde. Unsere Nachbarn waren unsere „Caretaker“, ein älteres Ehepaar, dass uns 6 Studentinnen unglaublich lieb empfangen hat und alle notwendigen Erledigungen (Einkauf, Rathausbesuche, Bank, Bahnkarte usw) mit uns zusammen gemacht hat. Sie haben uns auch wichtige und schöne Orte der Gegend gezeigt und damit eine super Grundlage gegeben, die Nachbarschaft selbst zu erkunden. Das Sharehouse war mit der Bahn etwa 20 Minuten entfernt von der Uni und es hat sich weniger als Studentenleben angefühlt, sondern mehr wie eine WG in der Stadt, was mir richtig gut gefallen hat. Zudem waren meine Mitbewohnerinnen unglaublich süß und gemeinschaftlich, sodass wir immer gemeinsam abends ferngesehen haben, gekocht haben und morgens zusammen zur Uni gegangen sind. Wir haben auch jeden Monat eine Party unter uns gehabt und alle 3 Monate einen großen Tagestrip an einen Ort gemacht, der uns interessiert hat. Auch an der Uni gab es zum Anfang auch richtig viele Events, durch die man einander kennenlernen konnte.
Zusammen zu sein und solche Unterstützung zu haben, hat mir sehr geholfen, mich an Nagoya zu gewöhnen.

Jasmin im Share House mit ihren Mitbewohnerinnen und ihren „Caretakern“.

 

Was gefiel dir an deiner Austauschuniversität und was gefiel dir eher weniger?

Was mir am meisten an der Nanzan gefiel war, wie gut sie auf Austauschschüler:innen ausgerichtet war. Es gab sehr viele Orte, an denen man sich austauschen konnte und ich habe durch die Angebote sehr viele Freunde gefunden, mit denen ich bis heute immer noch super viel rede. Es gab einen „国際交流サークル“ (Internationale Austausch-AG), wo sehr viele Events geplant wurden wie Picknicks, Weihnachtsparties oder auch richtige Clubparties, ich konnte mein Sozialleben super genießen und trotzdem ordentlich am Unterricht teilnehmen, was wirklich das „best of both worlds“ war.

Auch die Uni selbst bot ein sehr vielseitiges Programm. Jeden Mittwoch gab es für uns keinen Unterricht, stattdessen wurden Tagestrips angeboten, zum Beispiel zu Erdbeerfeldern oder zum Ise-Tempel (einer der historisch wichtigsten Tempel für Japan) in Mie, für wirklich geringe Preise (ich glaube maximal 2 Tsd. Yen, wenn es ein aufwendigerer Trip war). Ich habe nicht an allen Events teilgenommen, weil ich oft selbst schon mittwochs unterwegs war, aber die, wo ich dabei war, waren echt spaßig.

Der einzig negative Punkt, der mir zur Uni einfällt, ist, dass der Zeitplan für Austauschschüler:innen mehr auf Amerikaner ausgerichtet war. Das bedeutete, dass ich kein volles Jahr bleiben konnte, sondern „nur“ 9 Monate. Zudem waren wir teilweise in der Uni, während die Japaner:innen Ferien hatten, was manchmal etwas langweilig werden konnte. Manche meiner europäischen Freundinnen haben nach Ende des Programms ihr Visum dann zu einem Besucher-Visum geändert und sind noch länger geblieben. Ich habe mich entschieden, nach den 9 Monaten direkt wieder nach Hause zu gehen. Damit war ich zwar mitten im Semester und konnte nicht wirklich an Kursen teilnehmen, hatte aber etwas mehr Zeit, mich wieder an Deutschland zu gewöhnen (und etwas Geld konnte ich damit auch sparen 🙂 ).

 

Welche Kurse hast du an deiner Austauschuniversität besucht?

Ich war Teil des IJP (intensive japanese program), was bedeutete, dass ich, bis auf Mittwoch, jeden Tag drei Stunden Japanischunterricht hatte. Dazu war es eine Vorgabe, dass wir mindestens 6 weitere CP durch andere Kurse erarbeiteten. Ich habe mich für Seminare entschieden, die mein Interesse am meisten geweckt haben, weil diese auch die meisten Credit Points gegeben haben und ich nicht zuuuu viel nur in der Uni sitzen wollte, sondern auch etwas Japan entdecken wollte.
Ich habe in meinem ersten Semester einen Kurs zu „Japanese Popculture“ und „Japanese Cinema“ belegt. In Popkultur haben wir mit einer japanischen Professorin über japanische kulturelle Punkte gelernt, diskutiert, mit unserer eigenen Kultur verglichen und dann diese Punkte in Anime widergespiegelt analysiert. Wir haben über Honne und Tatemae geredet, indem wir uns „Die Tagebücher der Apothekerin“ angeguckt haben und japanische Freundschaften mithilfe von „Haikyuu!!!“ tiefer analysiert haben.

Bild aus dem Unterricht zu „Japanese Popculture“.

In dem Kino Kurs hatten wir einen amerikanischen Dozenten, der uns über das Semester an einem Zeitstrahl des japanischen Kinos entlanggeführt hat. Von alten Samurai-Filmen, Yakuza-Romantisierung, politisch gefüllten Erotika bis hin zu Horror und modernen Indie Filmen. Jede Woche haben wir politische und geschichtliche Hintergründe zum jeweiligen Genre bekommen, Filmausschnitte angesehen und abschließend auch immer etwa 30 Minuten eines besonders bemerkenswerten Werks geschaut. Auch wenn ich nur knapp die Horrorsitzung überlebt hatte (Ju On du lebst in meinen dunklen Ecken), war es ein mega cooler Kurs, der mir sehr viele neue Filme gezeigt hat, auf die ich sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre. (Funeral Parade of Roses und The Cure, schauts euch an, wenn ihr die Zeit findet!!)

Im zweiten Semester hatte ich einen Kurs zu Linguistik und einen zu „Political Advertising“.

In Linguistik haben wir mit einem japanischen Professor der Linguistik Inhalte aus seiner Forschung gelernt, sowie ein paar einfache linguistische Prozesse mit Fokus auf der japanischen Sprache. Wir haben auch über den Einfluss Japans auf andere Sprachen (zum Beispiel in Taiwan) diskutiert und allgemein habe ich ein paar Sachen dabei gelernt, die ich heute noch in meinem Kopf behalte.

In Politcal Advertisment war unsere Lehrerin eine taiwanesische Professorin, die in Amerika studiert hatte und momentan für taiwanesische Politiker deren Werbespots plante und drehte. Unglaublich herzlich und interessiert an jedem an uns hat sie uns jede Woche Fragen gegeben, die wir in Bezug auf unser Land/unsere Kultur beantworten sollten, und dann gesammelt diskutiert haben. Ich habe dort gelernt, dass Amerikaner in ihren politischen Werbespots offiziell lügen und ihre Gegner mit Lügen schlecht reden durften, außerdem konnte ich einige Ähnlichkeiten zwischen Hongkong und Deutschland feststellen. Der Kurs war geprägt von Austausch und vielen anregenden Diskussionen. Wir haben uns auch andere Werbung angeschaut und Grundlagen zu Werbung gelernt, was ich immer noch sehr wertschätze, weil das doch auch für die Zukunft ein sehr guter Skill ist. Zudem habe ich jetzt Kontakte zu einer scheinbar sehr einflussreichen Frau in Taiwan’s politischer Werbelandschaft (ihre Worte), also ist das auch ein super Vorteil neben allem, was ich gelernt hatte.

 

Wie bist du mit dem Japanisch Niveau in den Kursen zurechtgekommen? Konntest du deine Japanisch-Kenntnisse im Alltag gut anwenden?

Wir wurden anfangs eingeteilt in unsere jeweiligen Sprachlevel und haben dann intensiv 180-minütige Unterrichtseinheiten gehabt. Der Unterricht war ähnlich zu den Kursen an der HHU, nur dass wir viel mehr präsentieren und diskutieren mussten. Es hat aber immer großen Spaß gemacht, weil die Sprachdozent:innen immer abwechslungsreichen Unterricht anboten und uns sehr intensiv förderten.
In meinem Alltag musste ich mich sehr stark auf mein Japanisch verlassen. Die Kurse an der HHU waren eine stabile Grundlage, was Grammatik und Leseverständnis angeht. Die täglichen drei Stunden Unterricht in Japan halfen vor allem das Sprechen einzuüben, was für den Alltag echt super war. Dazu konnte ich durch Events von Studis in sicherer Umgebung weiter üben und mich ausprobieren und mein Japanisch damit noch mehr verbessern.

 

Hast du irgendwelche Schockerlebnisse oder negativen Erfahrungen in Japan gemacht?

Das einzig Negative, das mir passiert ist, war, dass ich für ein paar Tage ins Krankenhaus musste wegen einer ziemlich blöden Mandelentzündung. Das hat aber auch keine Woche lang gedauert und ich konnte danach problemlos wieder mein Leben leben. Außerhalb davon hatte ich wirklich das Glück, immer mit lieben und offenen Menschen zu reden und sie kennenzulernen.
Natürlich gab es Leute, mit denen man nicht so klar kam oder von denen man mal auf einer Party komisch angesprochen wurde, aber das würde ich weniger an Japan festmachen wollen.

 

Gibt es einen Ort in Japan, wo du besonders gerne hingegangen bist oder den du empfehlen möchtest?

So viele!! Ich gebe euch hier mal nur zwei Orte, auch wenn das mega schwer ist, sich zu entscheiden.
Als Erstes würde ich die Komeda Cafés empfehlen. Komeda ist eine Kette, die aus der Präfektur Aichi kommt, aber man findet die Cafés wirklich überall in Japan. Das Besondere an Komeda ist, dass man bis 11 Uhr morgens das „Morning Set“ bestellen kann. Das heißt, man bezahlt für sein Getränk und bekommt dann gratis leckeres getoastetes Brot mit Aufstrich nach Wahl dazu.
Direkt neben meinem Sharehouse gab es einen Komeda und im Sommer bin ich vor dem Unterricht immer hingegangen, habe einen Milchtee mit dem Set bestellt und bin dann zur Uni los. Wenn ich verreiste, war Komeda immer eine Konstante in meinem Leben und selbst am Flughafen war meine letzte Mahlzeit ein Komeda Frühstück!
Dann ein kleiner „hidden gem“ in Nagoya, den ich allen Ghibli-Fans ans Herz legen möchte: Das „Mori Café Kodama“. Das ist ein kleines Café in der Stadtmitte, das Getränke und Essen ganz im Stil Ghibli verkauft!! Unglaublich süß und mit richtig viel Liebe vorbereitet. Ihr müsst da nur vorher über Instagram reservieren meine ich, das geht aber superschnell und es ist es sowas von wert!!

Bild vom Frühstück im nahegelegenen Komeda Café.

Gibt es etwa, das du während deiner Zeit in Japan aus deiner gewohnten deutschen Umgebung vermisst hast? Zum Beispiel etwas Bestimmtes zu essen?

Ziemlich sicher Brot. Einfach normales, nicht süßes, sondern herzhaftes Brot. Aber das ist auch die typische Antwort, oder?

 

Neben der Gelegenheit deine Japanisch-Kenntnisse praktisch anzuwenden, bist du auch für dein Bachelorarbeitsvorhaben nach Japan gegangen. Was genau ist dein Forschungsthema?

Mein Forschungsthema ist der Ghibli Park in Aichi. Damals habe ich etwas Forschung zum Image von Ghibli gemacht, also inwiefern die eigentlich kapitalistische, profitorientierte Ausrichtung von Themenparks vereinbar ist mit dem Image Ghiblis, das nach Experten ein eher auf die Kunst fokussiertes, demütiges Gedankengut umfasse. Dafür habe ich den Park zweimal besucht und intensive beobachtende Forschung durchgeführt, aber ich glaube ich werde die Ausrichtung meiner Forschung für den Bachelor noch einmal etwas anpassen.

 

Gab es Hürden, die du bei der Umsetzung deines Forschungsthemas überwinden musstest?

Ich möchte ehrlich sagen, ich dachte damals nicht, dass mein Thema überhaupt akzeptiert werden würde. Mein Forschungsvorhaben war, den Park zu besuchen, ihn mir anzugucken und vielleicht vergleichsweise in einen anderen Themenpark zu gehen. Und trotzdem habe ich es geschafft, yay!
Was für mich dann zunächst schwierig war, war das Thema ernst zu nehmen und mich wirklich mit der Forschung auseinanderzusetzen, weil das erst etwas später eingesunken bei mir ist (lacht). Aber sobald ich mich dann zusammengerissen hatte, klappte das Forschen sehr gut und ich habe auch viele (für mich) interessante Punkte gefunden.

 

Abschließend möchte ich dich fragen, wie bewertest du den Entschluss für das Auslandsjahr für dich persönlich? Inwieweit hat es dich deiner Meinung nach in der persönlichen Entwicklung vorangebracht?

Ich bin tatsächlich auf einem persönlichen Level unglaublich viel in Japan gewachsen. Ich hatte das Glück, dass bis auf meinen kurzen Krankenhausaufenthalt alles immer richtig gut bei mir lief und ich viel reisen und erleben konnte.
Ich war zum ersten Mal so weit weg von zuhause, umgeben von Leuten, die mich noch nicht kannten, und habe mir vorgenommen, das Jahr vollkommen positiv auszunutzen. Ich war bei allen Events dabei, habe immer viel mit Leuten geredet und da ich in der Nähe der Uni gewohnt hatte, konnte ich auch immer länger mit Leuten unterwegs sein, was mir gezeigt hat, wie immens viel Spaß das doch macht. Ich bin also viel extrovertierter und selbstbewusster zurückgekommen und möchte den Lifestyle auch weiter hier ausleben! Und mein Japanisch ist natürlich besser geworden, sodass ich es auch jetzt immer noch mit meinen Freund:innen problemlos nutzen und üben kann.

 

Ein Bericht von Jasmin Pätzold (Nanzan-Universität Nagoya).