Austausch und Japanaufenthalt, Studierendenberichte

Auslandsjahr in Nagoya – Ein Bericht von Ina Kieker

Ihr spielt mit dem Gedanken ein Auslandsjahr in Japan anzutreten? Bevor ihr euch aber entscheidet, möchtet ihr gerne ein paar Erfahrungen von Studierenden hören und euch über mögliche Herausforderungen und bevorstehende Eindrücke bei so einem Auslandsstudium informieren? In diesem Interview-Beitrag berichtet uns Ina Kieker freundlicherweise über ihre Zeit an der Nanzan-Universität:

Wie liefen für dich die ersten Wochen nach Ankunft in Japan ab? Was erleichterte oder erschwerte für dich die Eingewöhnung vor Ort?

Meine erste Woche war ziemlich mit Uni-Sachen vollgepackt. Ein Tag nach Einzug ins Wohnheim fand bereits der Placement-Test für den Japanischunterricht statt und die nächsten Tage folgten weitere Einführungsveranstaltungen sowie der Gang zum Einwohnermeldeamt. Dafür haben wir eine:n japanische:n Student:in zur Seite bekommen, die die Formulare für und mit uns ausgefüllt haben, wodurch die Angst vor dieser Aufgabe deutlich geringer war. Was mir die Eingewöhnung deutlich erleichterte war, dass dies bereits mein zweiter Besuch in Japan war. Somit kannte ich das Land schon ein bisschen und war am Anfang nicht von allem total überfordert.

Bild 1: „Die Willkommens-Zeremonie an der Uni“.

Was gefiel dir an deiner Austauschuniversität und was gefiel dir eher weniger?

Am besten war natürlich, dass mittwochs ganztägig frei war 😉. Ansonsten gefiel mir das Austauschangebot mit anderen Studierenden (japanisch sowie international) und die Unterstützung des Office, welches für die Austauschstudierenden zuständig ist. Bei Fragen konnte man sich immer an die Mitarbeiterinnen dort wenden, welche für die meisten Probleme eine schnelle Lösung gefunden haben. Außerdem das kostenlose Ticket für den Ghibli-Park sowie die quasi unlimitierte Anzahl an Shinkansen-Gutscheinen, die man bekommen konnte.
Weniger gut fand ich leider die Sprachkurse. Viermal die Woche für 200 Minuten täglich. Manchmal hat sich das sehr gezogen und war je nach Thema auch langweilig. Zudem haben wir im zweiten Semester kein Lehrbuch mehr benutzt, weshalb ich in diesem quasi keine neue Grammatik gelernt habe. Das fand ich schon etwas enttäuschend und hatte das Gefühl, mich gar nicht so sehr verbessert zu haben – meine Lehrerin behauptete am Ende allerdings das Gegenteil, also vertraue ich ihr da mal 😊
Die fehlenden Semesterferien sollte man denke ich auch erwähnen. Mir war das schon bei der Bewerbung klar, dass es an der Nanzan keine „normalen“ Ferien gibt, doch wirklich vermisst habe ich sie tatsächlich auch nicht. Es gibt zwischendurch trotzdem ein paar Wochen frei, nur eben keine zwei Monate am Stück. Mir hat die freie Zeit dort aber voll ausgereicht, was sicher auch daran liegt, dass ich bei meinem vorherigen Besuch schon einige Städte gesehen habe und zudem im Anschluss an den Austausch noch drei Wochen Urlaub dort gemacht habe.

Welche Kurse hast du an deiner Austauchuniversität besucht?

Einerseits natürlich den japanischen Sprachkurs. Im Wintersemester dann noch einen zur Religion Japans und japanischer Linguistik, im Sommersemester japanische Gesellschaft (Genderstudies), klassische japanische Literatur (aka Altjapanisch) und Kalligraphie. Religion, Linguistik und Gesellschaft waren auf Englisch, die anderen Kurse auf Japanisch.
Und teilweise auch den Deutschunterricht 😉

Wie bist du mit dem Japanisch-Niveau in den Kursen zurechtgekommen? Konntest du deine Japanisch-Kenntnisse im Alltag gut anwenden?

Insbesondere Sprachkurs 5 (es gibt 6 Level) im Sommersemester fand ich schon schwer, Level 4 im Wintersemester war noch okay. Ich hatte jedoch immer das Gefühl, dass ich eine der schlechteren Teilnehmerinnen war, insbesondere da in Kurs 5 teilweise Leute waren, die den N1 bereits bestanden hatten oder bereits seit über zehn Jahren Japanisch lernten. Die Gruppe war sehr gemischt und gab mir nicht das Gefühl, dass wir alle auf einem Niveau waren. Aber an sich waren die meisten Aufgaben gut machbar.
Im Alltag – bzw. außerhalb der Uni – habe ich leider nicht viel Japanisch gesprochen (am meisten noch mit meiner Tandempartnerin). Das liegt aber daran, dass ich viel alleine oder mit den anderen Austauschstudenten, anstatt mit Japaner:innen, unternommen habe. Aber sagen wir mal so: ich habe mich recht gut mit der Polizei verständigen können, als ich im Urlaub einen kleinen Zusammenstoß mit dem Mietwagen hatte 😊

Bild 2: „Eins der wöchentlichen Treffen mit meiner Tandempartnerin“.

Hast du irgendwelche Schockerlebnisse oder negativen Erfahrungen in Japan gemacht?

Na ja, besagter „Unfall“ und dann das Gespräch mit der Polizei war wohl mein größtes Schockerlebnis. Vor allem, als ich in der Wache in Nagasaki war und dort mit einem anderen Polizisten in Fukuoka telefoniert habe. Dieser sagte: „[Wenn du zurück nach Fukuoka kommst] 逮捕されるというわけでじゃない“. Zunächst musste ich nachschauen, was たいほ bedeutet und dachte mir dann: „Bitte lass es mich richtig verstehen, dass er gesagt hat ‚Es heißt nicht, dass du verhaftet wirst‘, und nicht ‚Es heißt, dass du verhaftet wirst‘“. Spoiler: Ich wurde nicht verhaftet. Aber das waren die wohl stressigsten 24 Stunden meines gesamten Aufenthaltes.

Bilder vom Alltag in Japan.

Gibt es einen Ort in Japan, wo du besonders gerne hingegangen bist oder den du empfehlen möchtest?

2022, nachdem ich (als die Grenzen noch zu waren und keine Touris in Japan waren, ich aber dort sein konnte) wäre meine Antwort „Kyoto“ gewesen. Jetzt, wo ich einmal im November und einmal im Mai dort war, ist es nicht mehr meine Antwort – einfach, weil Kyoto von Touristen absolut überlaufen ist.
Natürlich bin ich „gezwungen“ meine Empfehlung für Nagoya auszusprechen. Manche Leute finden die Stadt vielleicht langweilig, weil sie scheinbar nicht viel zu bieten hat, ich finde aber, dass sich Nagoya und Osaka da nicht viel nehmen. Also: Osaka finde ich (auch) langweilig. Generell ist die Region rund um Aichi sehr wichtig für Japans Geschichte – wer sich dafür also interessiert, ist dort gut aufgehoben.
Für tropische Gefühle empfehle ich Okinawa (wo ich auch unbedingt noch einmal hin möchte!!!). Hokkaido ist im Winter (offensichtlich) sehr weiß, aber wer Schnee mag, dem gefällt das vielleicht.
Ansonsten kann ich allen nur wärmstens Tōhoku empfehlen. Dort war ich auch 2022, aber es ist eine wirklich schöne Region, die auch viel zu bieten hat – nur keine Touristen. Wer also gerne weniger Touristen um sich haben möchte, für den sind Nagoya und Tōhoku die richtigen Ziele.

Bilder in den Universal Studios in Osaka und bei Capybara streicheln auf Okinawa.

Gibt es etwas, das du während deiner Zeit in Japan aus deiner gewohnten deutschen Umgebung vermisst hast? Zum Beispiel etwas Bestimmtes zu essen?

Brot. Ganz eindeutig Brot. Und günstiges Obst und Gemüse. Ich bin ein sehr wählerischer Esser und habe mir immer nur dieselben fünf Gerichte gekocht. Außerdem ein Backofen! Denn auch wenn das Wohnheim eine große Shared-Kitchen hatte, war diese auch nicht besser ausgestattet als die winzige Küche in meinem Zimmer. Ein Backofen hätte mir das Leben wahrscheinlich noch einmal erleichtert. Und zu guter Letzt: Nutella (auch wenn ich dank meiner Eltern – australisches!!! – Nutella hatte).

Neben der Gelegenheit deiner Japanisch-Kenntnisse praktisch anzuwenden, bist du auch für dein Bachelorarbeitsvorhaben nach Japan gegangen. Was genau ist dein Forschungsthema?

Mein Thema war „Wie wird Deutsch (im Fach Germanistik) an der Nanzan-Universität unterrichtet und wie stehen die Dozierenden und Studierenden zu der Lehrmethode und den Inhalten? Welche Verbesserungsmöglichkeiten gibt es?“

Gab es Hürden, die du bei der Umsetzung deines Forschungsthemas überwinden musstest?

Absolut. Ursprünglich hatte ich ein ganz anderes Thema – zum Tourismus – aber da nach meiner Ankunft in Japan die Regierungsseite, die meine Hauptquelle darstellte, überarbeitet wurde, konnte ich das Projekt nicht mehr wie geplant durchführen. Also habe ich mich für ein neues Thema entschieden und mir den Deutschunterricht an der Uni angesehen. Da ich jedoch von der Bachelor Plus Gruppe (und natürlich Herrn Ladurner) diesbezüglich unterstützt wurde, war das mein einziges großes Problem. Der fehlende Zugriff auf entsprechende Literatur hat jedoch zusätzlich dazu geführt, dass es jetzt im Nachhinein schwer ist, das Projekt in einen geeigneten theoretischen Rahmen einzufügen, weshalb ich es wahrscheinlich nicht für meine Bachelorarbeit verwenden werde. Dennoch war es sehr hilfreich, solch ein Projekt einmal durchgeführt zu haben.

Die Bilder zeigen den Mirai Tower und Oasis 21 in Sakae (Party-Distrikt) links und einen Besuch in Kanazawa bei zwei anderen MoJa-Austauschstudis.

Abschließend möchte ich dich fragen, wie bewertest du den Entschluss für das Auslandsjahr für dich persönlich? Inwieweit hat es dich deiner Meinung nach in der persönlichen Entwicklung vorangebracht?

Während meines ersten Japanbesuches hatte ich die endgültige Entscheidung getroffen, das Angebot der HHU anzunehmen und MoJa zu studieren (da ich vorher doch noch einige Zweifel hatte). Daher war klar, dass ich während des Studiums natürlich noch einmal nach Japan wollte – diesmal für einen längeren Zeitraum. Auch wenn mein Japanisch (selbstverschuldet) nicht so gut geworden ist, wie ich es mir gewünscht hätte, war der Aufenthalt dennoch die absolut richtige Entscheidung. Alleine schon die Durchführung des Forschungsprojektes hat mir gezeigt, wie aufwändig und intensiv Forschung tatsächlich ist. Das war eine gute Übung, für den Fall, dass ich noch den Master mache. Natürlich macht so ein Aufenthalt einen auch noch einmal ein ganzes Stück selbstständiger, da man womöglich das erste Mal alleine lebt, dann aber auch noch in einem fremden Land, das sich in vielen Sachen von Deutschland unterscheidet, ist. Ich denke, das hilft sehr dabei noch ein ganzes Stück „erwachsener“ zu werden. Wenn es also möglich ist, empfehle ich jedem, diese Erfahrung einmal zu machen. Und falls euch ein ganzes Jahr zu lang sein sollte: der Aufenthalt an der Nanzan beträgt „nur“ neun Monate 😉

 

Vielen Dank für das Interview, es freut mich zu hören, dass du einiges für die persönlich aus der Zeit in Japan mitnehmen konntest. Und natürlich auch, dass du nicht verhaftet wurdest. Nun wünsche ich dir viel Erfolg im weiteren Studienverlauf und bei den anstehenden Aufgaben bei der Fertigstellung deiner anstehenden Bachelorarbeit.

 

Ein Interview mit Ina Kieker (Auslandsjahr an der Nanzan-Universität).