Austausch und Japanaufenthalt, Studierendenberichte

Auslandsjahr an der Tsuda-Universität – Ein Bericht von Tabea Hoffmann

Ihr spielt mit dem Gedanken ein Auslandsjahr in Japan anzutreten? Bevor ihr euch aber entscheidet, möchtet ihr gerne ein paar Erfahrungen von Studierenden hören und euch über mögliche Herausforderungen und bevorstehende Eindrücke bei so einem Auslandsstudium informieren? In diesem Interview-Beitrag berichtet uns Tabea Hoffmann freundlicherweise über ihre Zeit an der Tsuda-Universität:

Wie liefen für dich die ersten Wochen nach Ankunft in Japan ab? Was erleichterte oder erschwerte für dich die Eingewöhnung vor Ort?

Tatsächlich war es nicht mein erster langer Aufenthalt in Japan, da ich 2018-2019 einen 10 Monate langen High School Austausch in Yokohama gemacht hatte. Ich wusste also schon, wie der Hase läuft und konnte mich problemlos in Japan, bzw. Tokyo, orientieren. Allerdings hatte ich mich als einzige Austauschstudentin nicht im Campus-Wohnheim, sondern in einem Sharehouse in Kokubunji einquartiert, wo ich plötzlich mit 11 anderen (chaotischen) Personen zusammenwohnte. Ich kam ca. zwei Wochen vor dem Semesterstart an, darum nutzte ich die Zeit mich in meiner neuen Nachbarschaft umzusehen und besorgte alles Notwendige für mein Sharehouse-Zimmer. Ins Kino ging ich sogar auch ein paar Tage nach meiner Ankunft, da es einen Rerun von dem Cherry Magic Film gab, wozu ich von Deutschland aus noch ein Ticket gekauft hatte. Wegen der Pandemie hatte ich meinen Aufenthalt um ein Semester verschoben und verpasste somit die erste Ausstrahlung im April.

Was gefiel dir an deiner Austauschuniversität und was gefiel dir eher weniger?

Besonders gefiel mir die Lage der Universität, da alle Austauschstudentinnen auf den Kodaira Campus etwas außerhalb vom Tokyo ‚Zentrum‘ geschickt wurden. Der kleine Campus ist umgeben von Grün und trotzdem gut an die nächsten großen Stationen wie Tachikawa, Kichijôji und Shinjuku angebunden. Jeden Morgen bin ich 40 Minuten zur Uni gelaufen und ein Großteil meines Weges verlief entlang eines kleinen Flusses, wo ich im Sommer die Zikaden rufen hören und im Herbst die wunderschönen roten Blätter bewundern konnte. Außerdem waren die Dozierenden ebenfalls alle supernett und hatten immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Probleme der Studentinnen. Und obwohl die Tsuda eine Frauenuniversität ist, hatte ich die Möglichkeit in einem gemischten Volleyball Circle mitzumachen, der in Zusammenarbeit mit der benachbarten Hitotsubashi Universität stattfand. Die Mitglieder, sei es von der Tsuda oder von der Hitotsubashi, haben mich wärmstens aufgenommen und integriert, und ich konnte dort ein paar wertvolle Freundschaften schließen.

Die Herbstblätter auf dem täglichen Fußweg zur Tsuda.

Wenig gefallen hat mir das Angebot der Japanisch Kurse, denn es wurden nur ein Anfänger-, ein Intermediate-, und zwei Fortgeschritten- Niveaus angeboten, in die man nicht so leicht wechseln konnte. Der Einstufungstest am Anfang des Semesters bestimmte vollends in welchen Kurs man eingeteilt wird und ich wurde auf Intermediate gestuft. Allerdings sollte ich auch Kurse zusammen mit reinen Anfängerinnen belegen, weshalb ich nicht wirklich viel Neues gelernt habe und teils Thematiken mitmachen musste, die an der HHU im SK1 gelernt werden….

Der Tsuda Campus im Sommer.

Welche Kurse hast du an deiner Austauschuniversität besucht?

An Japanisch Kursen belegte ich Kanji, Lesen, Keigo, und Grammatik. Daneben besuchte ich aus eigenem Interesse einen Kurs zu Australian Studies, der von einem britischen Dozenten geleitet wurde. Derselbe Dozent veranstaltete auch das Seminar „Japanese Studies in English“, an dem Austauschstudentinnen und japanische Studentinnen teilnahmen. Die zwei Englisch-Kurse fand ich ziemlich cool, da in Australian Studies ein paar Themen behandelt wurden, auf die ich bisher in meinem EF Anglistik noch nie gestoßen war. In Japanese Studies war es faszinierend die Perspektive des Dozenten zu erleben, da er seit Jahrzehnten in Japan lebt, sowie mit den Japanerinnen über kontemporäre Thematiken und Problematiken in der japanischen Gesellschaft in Gruppen zu diskutieren.

 

Wie bist du mit dem Japanisch-Niveau in den Kursen zurechtgekommen? Konntest du deine Japanisch-Kenntnisse im Alltag gut anwenden?

Wie oben schon angeschnitten, habe ich nicht wirklich etwas Neues gelernt. Eher andersrum: ich hatte mir ein höheres Niveau gewünscht, aber zu dem wurde ich leider nicht zugelassen. Im Alltag kam ich eigentlich gut zurecht und ich fühlte mich nicht unwohl oder unsicher. Nur anfangs musste ich mich – anders als die Studentinnen, die im Wohnheim wohnten – nach meiner Ankunft in Japan selbst im Bürgerbüro anmelden. Das schien mir doch etwas gruselig und damit ich keinen Fehler dabei mache, bat ich meine ‚Big Sister‘ Tutorin, ob sie mich begleiten könnte. Die Abmeldung, sowie Arztbesuche beim Orthopäden oder meine zwanzig Pakete bei der Post nachhause zu schicken erledigte ich aber eigenständig. Ich ging allein zum Karaoke, auf ein Konzert und trat sogar ein paar Reisen z.B. nach Fukuoka und Okinawa ohne Begleitung von Freund:innen an.

Tabea beim Einzel-Karaoke in Kokubunji.

Hast du irgendwelche Schockerlebnisse oder negativen Erfahrungen in Japan gemacht?

Ein Schockerlebnis, das mir bis heute in Erinnerung bleibt, war wohl meine erste chikan Erfahrung. Ich war gerade auf dem Nachhauseweg in der vollbepackten Bahn, und ein Typ neben mir geriet mit seinem Arm ständig ‚aus Versehen‘ an meine Brust, ich hatte aber keine Möglichkeit dem auszuweichen. Sobald die Bahn etwas leer wurde, stellte ich mich von ihm weg und ich merkte, wie ihm das überhaupt nicht passte. Gott sei Dank eskalierte die Situation nicht weiter und der Typ stieg ein, oder zwei Haltestellen weiter aus. Ich wurde schon öfters in Japan unangenehm angesprochen oder sogar einmal verfolgt, aber angefasst zu werden…das war das erste (und hoffentlich letzte) Mal.

Meine zweite negative Erfahrung war, dass ich mir kurz nach Neujahr tatsächlich zum allerersten Mal Corona einfing. Es war leider kein leichter Verlauf. Ich hatte hohes Fieber, konnte mich kaum bewegen und hatte Schwierigkeiten beim Atmen, sodass ich für zwei Wochen komplett ausgeknockt war. Zu der Zeit war mein Heimweh furchtbar und ich fühlte mich sehr allein, da sich niemand um mich kümmern konnte.

 

Gibt es einen Ort in Japan, wo du besonders gerne hingegangen bist oder den du empfehlen möchtest?

Als Fangirl war Ikebukuro natürlich meine zweite Heimat und ich schlenderte mit meinen Itabags mindestens einmal in der Woche durch die Straßen der Otome Road. Ich bin mir sicher, dass einige Verkäufer:innen der Mandarake, Lashinban und KBooks Stores mich erkannten. Wenn man also auf der Suche nach günstigem (oder auch teurem, seien wir ehrlich) Merchandise, 2nd Hand Manga oder dôjinshi ist, Ikebukuro ist die richtige Adresse! Abgesehen davon empfehle ich wärmstens den Shinjuku Gyoen zu den Kirschblüten und kôyô Zeiten und den Tachikawa Showa Kinen Park im Frühling, wo man wunderschöne Blumenbeete und bunte Wiesen genießen kann. Wenn es ums Reisen geht, kann ich jeder Person ans Herz legen Orte zu besuchen, die in einem Lieblingsanime oder einem Lieblings-dorama vorkommen. Bei meinen ‚Pilgerreisen‘ in Tokyo aber auch in Karatsu (Saga Präfektur) und auf Okinawa habe ich nicht nur die dargestellten Orte aus den Serien entdecken können, sondern auch verborgene Ecken und Cafés auf den Wegen dorthin.

Auf der Yuri!!! on Ice-Pilgerreise in Karatsu, Saga Präfektur.

Gibt es etwas, das du während deiner Zeit in Japan aus deiner gewohnten deutschen Umgebung vermisst hast? Zum Beispiel etwas Bestimmtes zu essen?

Ich bin mit Sicherheit nicht die Einzige, aber das deutsche Brot hat mir wirklich gefehlt. Shokupan ist schon lecker und zubereitet mit Erdbeermarmelade, darüber geschnippelte Bananen und für ein paar Minuten im Minibackofen gebacken war es ein köstliches Frühstück. Aber irgendwann konnte ich das süße Brot nicht mehr sehen und schmecken. Ich brauchte was herzhaft Salziges und eine Kruste, an der ich meine Zähne ausbeißen konnte. Eine deutsche Bäckerei gab es meines Wissens in der Nähe nicht, darum musste ich mich wacker bis zum Ende meines Aufenthalts geschlagen. Ein kleiner Trost war immerhin das riesengroße Glas Sauerkraut, das ich in meinem lokalen Supermarkt für ein paar hundert Yen gefunden hatte und zu meinen Bratkartoffeln mit Tofu und Frühlingszwiebeln mischte. Obendrein hatte ich während meines Aufenthalts die Hörspielreihe Die drei ??? für mich wiederentdeckt und hatte dadurch etwas Pause von der japanischen Sprache um mich herum; schließlich kann die ständige Konfrontation doch etwas anstrengend werden.

 

Neben der Gelegenheit deiner Japanisch-Kenntnisse praktisch anzuwenden, bist du auch für dein Bachelorarbeitsvorhaben nach Japan gegangen. Was genau war dein Forschungsthema?

Mein Forschungsprojekt hatte den Titel „Transkulturelle (Re)Zirkulation von Boys Love in Japan“. In einfachen Worten: ich wollte erforschen inwiefern das Boys Love Genre, das seinen Ursprung in Japan findet und von dort aus in alle möglichen Ecken des asiatischen Kontinents gereist ist, aus Ländern wie Südkorea, Taiwan, China und Thailand seinen Weg zurück nach Japan gefunden hat und wie diese neuen Flows von (pop-)kulturellen Gütern von Fans aufgenommen wurden. Zu meinem Glück hatten BL Medien aus dem Ausland, insbesondere Serien, Manhwa/Manhua und Romane, gerade während der Pandemie Anklang bei japanischen Fans gefunden. Darum erforschte ich in Läden wie Animate oder KBooks die ausländischen Titel vertreten waren und besuchte verschiedene Popup Stores, Cafés, und Ausstellungen. Dazu befragte ich drei Studentinnen der Tsuda zu ihrem BL Konsum und konnte eine gewisse Weltoffenheit bei allen feststellen. Leider ist das Thema noch zu neu, als dass ich es in meine Bachelorarbeit aufnehmen konnte (und ich hatte während meines Bachelorstudiums schon zu viel über BL gemacht), weshalb ich ein anderes Bachelorthema nehmen musste. Ich würde aber gerne jetzt im Masterstudium nochmal darauf zurückkommen und diese neue Globalität von BL erforschen, sowie die unterschiedlichen Darstellungen von Queerness und Geschlecht.

 

Abschließend möchte ich dich fragen, wie bewertest du den Entschluss für das Auslandsjahr für dich persönlich? Inwieweit hat es dich deiner Meinung nach in der persönlichen Entwicklung vorangebracht?

Das Auslandsjahr war die einzig richtige Entscheidung für mich und meinen Studienverlauf. Ich kann, sofern die Mittel vorhanden sind, jeder Person nur wärmstens empfehlen sich auf diese Reise zu begeben. In diesem Jahr lernte ich, dass ich auf mein Bauchgefühl vertrauen kann, etwas allein unternehmen manchmal viel mehr Spaß macht als mit einer Gruppe, und man immer versuchen sollte über den eigenen Schatten zu springen. Außerdem hat mir das Recherchieren für das Projekt erneut vor Augen geführt, wie viel Spaß die Forschung machen kann, und mich darin bestärkt das Studium mit meinen eigenen Interessen zu verknüpfen. 1000/10 would recommend.

 

Ein Interview mit Tabea Hoffmann (Auslandsjahr an der Tsuda-Universität).