Cedric Frese studiert seit April 2022 Modernes Japan im Master an der HHU in Düsseldorf. Seinen Bachelor hat er vorher an der RUB in Wirtschaft und Politik Ostasiens gemacht – mit Fokus auf Japanisch und Wirtschaft. Fürs Auslandsstudium ging’s erst an die Mie-Universität (im Bachelor) und später an die Kyūshū-Universität (im Master). Aktuell beschäftigt er sich mit dem sogenannten Takeshima-Konflikt. Und ganz nebenbei spielt er auch noch Matches gegen einen der besten Karuta-Spieler der Welt …

Was ist eigentlich Kyōgi-Karuta?
Der Sport Kyōgi-Karuta (競技かるた, zu Deutsch etwa „Wettbewerbs-Karuta“ oder „Kompetitives Karuta“) ist ein Kartenspiel, das auf der ogura hyakunin isshu (小倉百人一首) basiert. Dies ist eine der bekanntesten japanischen Gedichtsanthologien, die aus hundert Gedichten von hundert Dichtern besteht. Hierbei sitzen sich zwei Spieler:innen gegenüber und versuchen, so schnell wie möglich die entsprechende Spielfeldkarte zu dem gerade vorgelesenen Gedicht zu erwischen. Die Spieler:innen starten mit jeweils 25 Karten und wer als erster die Karten auf 0 bringt, gewinnt.
Im folgenden Interview berichtet Cedric Frese (Mitglied der Karuta-AG der HHU) darüber, wie er zum Karuta kam und gibt Einblick in einen sehr faszinierenden Nischensport. Falls dieser Blogeintrag euer Interesse geweckt haben sollte: Kommt gerne jeden Montag und Mittwoch ab 16:30 zur Karuta-AG im Raum 24.21.03.61 oder schaut auf unserem Instagram vorbei (hier).

Wie bist du das erste Mal mit Karuta in Kontakt gekommen und was hat dich dazu bewegt, mit dem Sport anzufangen?
Den ersten Kontakt mit Karuta hatte ich durch den Anime Chihayafuru, den ich vor gut zwei Jahren das erste Mal geschaut habe. Der hat es mir damals wirklich angetan und ich fand das Prinzip hinter Karuta ziemlich interessant. Zu der Zeit stand bereits fest, dass ich im Herbst 2023 mein Auslandsjahr an der Kyūshū-Universität in Fukuoka machen würde. Da habe ich einfach mal ein bisschen recherchiert und festgestellt, dass es dort tatsächlich einen Karuta-Club gibt. Auf der Homepage war sogar ein Mitgliederverzeichnis, in dem auch ein deutscher Name stand! Da dachte ich mir: „Cool, das will ich auf jeden Fall mal ausprobieren.”
Als ich dann endlich Ende September in Fukuoka angekommen war und mich ein paar Wochen eingelebt hatte, kontaktierte ich den Club über Instagram und bin gleich die Woche darauf zum Schnuppertraining gegangen. Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich dann regelmäßig mitgemacht habe und kurze Zeit später dem Club beigetreten bin.
Du warst also Mitglied in einem japanischen Karuta-Club – wie sah dort der Trainingsalltag aus?
Training war immer 4x die Woche, Mo/Mi/Fr von 17:00 bis 21:30 und am Sonntag von 13:00 bis 21:30. Wochentags wurden 3 Spiele gemacht und am Sonntag, falls genug Leute da waren, auch mal 5-6. Klingt erst mal heftig, allerdings war es jedem selbst überlassen, wann und für wie viele Spiele man kommen möchte. Es gab echt motivierte Leute, die bei jeder Einheit dabei waren, aber auch andere, die nur gelegentlich vorbeigeschaut haben. Die Atmosphäre war also eher ein bisschen lockerer, wie in einem circle statt einem richtigen bukatsu.

Wie populär ist Karuta eigentlich in Japan?
Karuta ist selbst in Japan ein Nischensport. Durch Chihayafuru hat Karuta zwar an Bekanntheit gewonnen und auch die Anzahl der Spieler:innen ist angestiegen, aber verglichen mit klassischen Sportarten ist es bei weitem nicht so bekannt. Es gibt auch keine professionellen Karuta-Spieler:innen. Selbst die beiden besten Spieler:innen, der Meijin (名人) und die Queen (クイーン), können allein mit Karuta kein Geld verdienen.
Welche Unterschiede siehst du im Vergleich zu anderen Sportarten und was macht Karuta für dich persönlich besonders?
Für mich ist das Tolle an Karuta, dass es auf der einen Seite den physischen Sport- und den Denksportaspekt vereint und auf der anderen Seite von jedem gleichermaßen kompetitiv gespielt werden kann – ganz gleich welches Geschlecht, jung oder alt, groß oder klein. Jede körperliche Eigenschaft kommt mit ihren Vor- und Nachteilen.
So begeistert du von Karuta sprichst, klingt es, als hättest du schnell deinen Platz darin gefunden. Gab es auf der anderen Seite auch Phasen, in denen du gezweifelt hast, ob Karuta wirklich das Richtige für dich ist?
Tatsächlich nicht so wirklich. Anfangs war es natürlich noch ein bisschen schwer, mit den Leuten aus dem Club warm zu werden und ordentliche Gespräche zu führen. Beim Badminton zum Beispiel waren die Leute von Anfang an alle ein bisschen lockerer und haben auch am Anfang schon viel mit mir gequatscht und sich auch nicht wirklich darum gekümmert, dass ich um einiges älter war. Beim Karuta hat man schon gemerkt, dass die Senpai-Kōhai-Beziehung etwas strenger ist. Alle haben mir gegenüber immer Keigo benutzt und mich natürlich auch mit “-san” angesprochen. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich es geschafft habe, dass zumindest einige damit aufgehört haben.
Das einzige Mal, dass ich wirklich gezweifelt habe, war im August letzten Jahres, als ich direkt in der ersten Runde beim D-Turnier (in Karuta gibt es Spielstärken von Rang E bis A) in Wakayama rausgeflogen bin. Zu der Zeit habe ich im Training schon regelmäßig gegen B- und C-Spieler:innen gewonnen und eigentlich kaum mehr gegen Leute auf D-Niveau verloren. Außerdem lief es in der Woche vor dem Turnier richtig gut, denn ich habe fast alle Spiele im Training gewonnen und viele meinten noch zu mir, dass ich in Wakayama problemlos gewinnen würde.
Hinzu kam, dass ich dachte, dass es die letzte Möglichkeit wäre, vor meiner Rückkehr nach Deutschland noch zum C-Rang aufzusteigen – das war bis dato immer mein Ziel gewesen. Dadurch habe ich mich selbst stark unter Druck gesetzt. In Wettkämpfen war ich sowieso eigentlich eher schwächer und konnte nie so wirklich gut mit Druck umgehen. Das hat mich schon ziemlich runtergezogen und ich habe gedacht, dass Wettkämpfe vielleicht einfach nichts für mich sind und überlegt, nur noch aus Spaß zu spielen. Zum Glück bin ich aus dem Loch aber wieder rausgekommen.
Das klingt nach einer echt schwierigen Phase… Sicherlich gab es aber auch genügend Erfolgsmomente, an die du dich gerne zurückerinnerst. Was fällt dir da spontan ein?
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, weil das der erste Moment war, in dem ich dachte: “Das könnte mir gut liegen.” Genau eine Woche, nachdem ich das erste Mal beim Training reingeschnuppert habe, habe ich gegen jemanden gespielt, der den Tag zuvor erst beim Turnier in Kumamoto in den D-Rang aufgestiegen war. Ich habe das Match irgendwie im Unmeisen (運命戦 die finale Spielsituation, in der beide Seiten nur noch eine Karte übrig haben) gewonnen. Mein Gegner war natürlich sichtlich geschockt, dass er gegen einen absoluten Anfänger verloren hat, der die Woche davor das erste Mal Karuta-Karten in der Hand gehabt hatte.
Viele MoJa-Studis kennen sicher das Gefühl, dass das Auslandsjahr viel zu schnell vorbeigeht. Wie war das für dich – plötzlich Japan zu verlassen und ohne das regelmäßige Karuta-Training dazustehen? Glaubst du, du hättest ohne die AG an der HHU vielleicht sogar ganz mit dem Spielen aufgehört?
Bereits als ich nach Japan gegangen bin, habe ich mitbekommen, dass eine AG an der HHU gegründet wurde. Auf Instagram habe ich auch immer mal wieder reingeschaut. Mein Plan war es, bei der AG mitzumachen, wenn ich zurück in Deutschland bin. Ich hatte aber schon die Sorge, dass die AG eventuell gar nicht mehr aktiv ist, da im Sommersemester nicht so regelmäßig Updates gepostet wurden, wie noch im Wintersemester zuvor. Als dann zum Wintersemester wieder Termine und Infos online gestellt wurden, war ich sehr froh und erleichtert. Ohne die AG wäre es, denke ich, sehr schwer für mich geworden, mit Karuta weiterzumachen. Es kann sehr gut sein, dass ich sogar wirklich ganz aufgehört hätte.
Seit Herbst 2024 bist du Teil der neu gegründeten Karuta-AG an der HHU. Wie ist es für dich, plötzlich selbst in der Rolle des senpai zu sein?
Auf jeden Fall sehr ungewohnt. Ich spiele ja selbst noch nicht so lange und auch wenn ich für die kurze Zeit, die ich spiele, ganz gut bin, fällt es mir ziemlich schwer, ordentliche Tipps zu geben. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich mich im Spiel meist stark auf mich selbst konzentriere und bisher kaum darauf geachtet habe, was mein Gegenüber eigentlich macht – also wo Fehler passieren und warum. In letzter Zeit versuche ich, dahingehend bewusster zu sein und ich denke, dass es auch schon besser geworden ist. Letztendlich hilft es auch mir selbst dabei, Karuta besser zu verstehen und die Spiele und Spielertypen besser analysieren zu können.
Im Frühling 2025 warst du wieder in Japan – und zwar zum Karuta-Spielen. Wie sah dein Aufenthalt dort konkret aus?
Ich habe den Aufenthalt so ein bisschen um die beiden Turniere in Matsuyama (20.3.2025) und Kagoshima (23.3.2025) herum geplant, damit ich an beiden teilnehmen kann. Ein Freund von mir hat mich freundlicherweise bei sich wohnen lassen, weshalb ich sehr nah am Campus der Kyūshū-Uni war. So konnte ich relativ einfach zum Training gehen.
In der Zeit vor den Turnieren war ich an vier Tagen beim Training und habe insgesamt 16 Matches gespielt. Nach Matsuyama bin ich dann mit einem Freund gefahren und wir haben einen kleinen Roadtrip draus gemacht. Glücklicherweise konnte ich direkt in Matsuyama das C-Rang-Turnier gewinnen und zum B-Rang aufsteigen.
Leider war das Turnier in Kagoshima nur drei Tage später, weshalb es nicht mehr möglich war, noch den Antrag auf die Höherstufung einzureichen und dann schon im B-Rang antreten zu dürfen. Ich bin dann trotzdem einfach zum Support mitgefahren, da ich den Trip schon länger mit ein paar Freunden geplant hatte. Letztendlich war es auch mal ganz entspannt, ohne die Anspannung beim Turnier einfach nur zuzuschauen, auch wenn ich natürlich lieber selbst gespielt hätte.
Zurück in Fukuoka war ich dann vor meiner Abreise noch vier Tage in Folge beim Training und habe in der Zeit noch 14 Matches gespielt.

Letztes Jahr bei den Meisterschaften um den höchsten Titel im Karuta – den meijin – hat Jimi Sōjirō aus deinem ehemaligen Karuta-Team gewonnen. Wie war es für dich, während deines Aufenthalts gegen einen der besten Karuta-Spieler der Welt anzutreten?
Es war sehr nervenaufreibend. Auch wenn es nur ein Trainingsmatch war, will man natürlich so viel wie möglich aus dem Spiel mitnehmen und gleichzeitig sein bestes Karuta zeigen. Das erste Mal, dass ich gegen Jimi gespielt habe, war vor circa einem dreiviertel Jahr, als er noch nicht Meijin* war. Schon damals war ich sehr aufgeregt und habe anfangs ein, zwei unnötige Fehler gemacht. Das wollte ich dieses Mal unbedingt besser machen.
Letztendlich hat es leider nicht so geklappt, wie ich wollte. Auch bei diesem Spiel war ich zu Beginn ein bisschen aufgeregt und habe einen unnötigen Fehler gemacht, konnte mich danach aber besser ins Spiel reinfinden. Nach einiger Zeit waren wir sogar fast gleichauf, weil Jimi-kun ebenfalls einen Fehler gemacht hat. Von dem Punkt an hat er aber ein paar Gänge hochgeschaltet und trotz der Tatsache, dass er weiterhin unglaublich viele Fehler gemacht hat (ich glaube, am Ende waren es insgesamt 7, was in einem Match unfassbar viel ist) hat er mich einfach überrollt und mich mit seinen Fehlern angesteckt. In Retrospektive hat es aber richtig viel Spaß gemacht und auch wenn mir meine Grenzen deutlich aufgezeigt wurden, hat es mir Selbstvertrauen gegeben. Vor allem, weil ich gegen den besten Karuta-Spieler der Welt ein paar richtig gute Aktionen hatte.
*Jimi Sōjiro war Meijinok von 2025-26 und hat den Titel mittlerweile an Masayoshi Kawase

Zum Abschluss noch ein kleiner Blick in die Zukunft: Glaubst du, es könnte irgendwann auch einen nicht-japanischen Meijin geben?
Es ist definitiv nicht unmöglich, aber es scheint mir doch sehr unwahrscheinlich. Um in diese Sphären vorzudringen, muss man jahrelang ungemein viel trainieren, am besten natürlich auch mit starken Gegner:innen, und selbst dann schaffen es nur einige wenige. Es gibt ein paar Ausnahmen, die erst in der Uni mit Karuta angefangen haben und in ein paar Jahren auf dem Meijin-Niveau sind. Aber der Großteil der wirklich starken Spieler:innen fängt schon in der Schulzeit an. Ich denke, das wäre für Nicht-Japaner nur möglich, wenn sie beispielsweise während der Uni-Zeit für mehrere Jahre in Japan leben und dort ein gutes Trainingsumfeld haben. Gerade für Leute, die erst mit Karuta anfangen, wenn sie bereits Vollzeit arbeiten, ist es nahezu unmöglich.
Gleichzeitig nimmt aber die Anzahl an guten nicht-japanischen Karuta-Spielern immer weiter zu. Dieses Jahr allein haben es zwei Nicht-Japaner zum A-Rang geschafft und das in einem zeitlich ziemlich kurzen Abstand. Der erste ist im Januar aufgestiegen und der zweite im März beim Turnier in Kagoshima, bei dem ich auch zugeschaut habe. Soweit ich weiß, sind das die ersten beiden Nicht-Japaner in der Geschichte, die nicht in Japan geboren und aufgewachsen sind und den A-Rang erreicht haben. (Quelle: Der US-Amerikaner, der im Januar A-Rang geworden ist haha).
Weitere Einblicke erhaltet ihr auf dem Reel auf dem Modernen Japan-Instagram Account, wo er direkt über sein letztes Turnier, dem kokumin bunka-sai berichtet.
Ein verfasster Bericht von Marcel Kübert.
