Ihr spielt mit dem Gedanken ein Auslandsjahr in Japan anzutreten? Bevor ihr euch aber entscheidet, möchtet ihr gerne ein paar Erfahrungen von Studierenden hören und euch über mögliche Herausforderungen und bevorstehende Eindrücke bei so einem Auslandsstudium informieren? In diesem Interview-Beitrag berichtet uns Annika Struck freundlicherweise über ihre Zeit an der Sophia-Universität:
Wie liefen für dich die ersten Wochen nach Ankunft in Japan ab? Was erleichterte oder erschwerte für dich die Eingewöhnung vor Ort?
Die ersten Wochen liefen im Nachhinein besser als ich vorher gedacht hatte. Da ich etwas früher vor meinen Einzugstermin in mein Wohnheim eingereist bin, konnte ich mich die ersten Tage erstmal in Ruhe an Japan, vor allem an Tokyo, gewöhnen. Tokyo ist zunächst etwas überwältigend mit den vielen Menschenmassen, dem öffentlichen Verkehrssystem und den vielen „ungeschriebenen“ Verhaltensregeln. Man kann sich aber relativ schnell anpassen. Die Eingewöhnung vor Ort wurde mir vor allem durch Freunde und Bekannte erleichtert, die entweder schonmal in Japan waren oder wie ich, sich auch vor Ort einleben mussten. Der Austausch mit anderen, die in der gleichen Situation sind, ob nun bereits bekannte Freunde oder Menschen, die man im Wohnheim trifft, ist äußerst nützlich in den Anfangswochen. Deswegen würde ich sagen, dass Kontakte knüpfen, am besten auch mit Japaner*innen, am hilfreichsten ist. Ein bisschen schwierig für mich war die Anmeldung im Einwohnermeldeamt zu Beginn. Da mein Student Support der Sophia Universität keine Zeit hatte musste ich da allein hingehen, wovor ich allein wegen meinem damaligen Japanisch-Level etwas Angst hatte. Die Mitarbeiter in den Ämtern vor Ort waren aber sehr zuvorkommend und auch wenn sie kein Englisch sprechen konnten, war die Verständigung problemlos. Man muss sich nur auf sehr viel Papierkram am Anfang einstellen.
Was gefiel dir an deiner Austauschuniversität und was gefiel dir eher weniger?
Die Sophia Universität hatte viele Punkte, die mir sehr gefallen haben. Die Lage, mitten in Tokyo, war super erreichbar und da die Universität so zentral gelegen war, konnte man nach der Uni noch viel im Umkreis unternehmen. Der Campus war ebenfalls sehr schön und nicht allzu groß, so dass z.B. der Gebäudewechsel zwischen den Kursen nicht viel Zeit in Anspruch genommen hat. Außerdem war die Organisation seitens der Uni, ob nun Stundenplanerstellung oder die Benutzung der Uni-Netzwerke sehr transparent.
Was mir nicht so gut gefallen hat, war z.B. mein Student Support, die Studentin, die mir zu Beginn zugeteilt wurde, um mir zu helfen. Leider hatte ich das Gefühl, dass mein Student Support nicht wirklich Zeit für mich hatte und mir nicht helfen konnte. Das ist aber nicht die Regel, da Freunde von mir sehr hilfreiche Supporter bekommen habe. Da hatte ich wahrscheinlich einfach Pech.
Eine Sache, die ich etwas „nervig“ fand, war der Ansturm auf die Mensen zur Mittagspause. Da es einen festen Slot für die Mittagspause gab, haben sich die Mensen oft gestaut und man musste sehr lange Schlange stehen. Dafür war das Essen aber sehr gut und günstig und es gab sogar vegane Optionen, was in Japan nicht so gängig ist.
Foto 1: Campus der Sophia Universität
Foto 2: Wohnheimzimmer im 中野坂上
Welche Kurse hast du an deiner Austauchuniversität besucht?
Ich habe die Sprachkurse „Intensive Japanese 2“ im ersten Semester und „Japanese 4“ im zweiten Semester an der Sophia Universität besucht. Durch das Bachelor Plus Programm musste ich zunächst den Intensivkurs belegen, um auf meine CP zu kommen. Der Intensivkurs war immer von Montag bis Freitag von 9 Uhr bis 12:30 Uhr. Japanisch 4 war an 4 Tagen der Woche von jeweils 9 Uhr bis 10:40 Uhr.
Darüber hinaus habe ich Seminare vom „Department of German Studies“ belegt, vom Inhalt sehr ähnlich zu den KTM/STM Kursen an der HHU. Davon habe ich pro Semester jeweils 2 Seminare belegt, die einmal die Woche stattfanden. Darunter waren Seminare, wie „Studies in German Society“, „Cultural Studies: German speaking and Japanese cultures in comparison”, “General and applied linguistics” und “Comparative cultural studies”.
Wie bist du mit dem Japanisch-Niveau in den Kursen zurechtgekommen? Konntest du deine Japanisch-Kenntnisse im Alltag gut anwenden?
Am Anfang hat sich alles ein bisschen so angefühlt, als würde man „ins kalte Wasser“ geschmissen werden. Denn auf einmal gab es keine Option mehr auf Deutsch oder Englisch auszuweichen, denn in Sprachkursen wurde alles, wirklich ALLES, auf Japanisch durchgeführt. Wenn man ein Wort nicht versteht, dann erklärt die Lehrperson dies auf Japanisch. Wenn man den Inhalt eines Textes wiedergeben soll, dann nur auf Japanisch. Zu Beginn war es etwas schwierig aber man gewöhnt sich da so schnell dran, dass man wirklich gute Fortschritte machen kann. Inhaltlich gab es z.B. im Intensivkurs Überschneidungen bei der Grammatik, was ganz gut war, weil man so nochmal einiges vertiefen konnte. Was Vokabeln und Kanji angeht musste man diese sehr schnell auswendig lernen.
Ein Seminar des German Studies Instituts war eigentlich auf Deutsch ausgezeichnet, so wie die meisten Seminare des Instituts. Da aber hauptsächlich Japaner*innen das Seminar besuchten und nur drei Deutsche daran teilnahmen, war es zu ca. 80% auf Japanisch. Da es um Themen wie Überalterung, das Pflegesystem Japans und Migration ging, war der Kurs sprachlich eine kleine Herausforderung.
Im Alltag konnte ich meine Sprachkenntnisse gut anwenden, vor allem auf Reisen in ländlicheren Gebieten Japans konnte man Japanisch noch intensiver anwenden. Ebenfalls habe ich versucht mit japanischen Studierenden der Sophia Kontakte zu knüpfen. So habe ich mich wöchentlich immer einmal zum gemeinsamen Mittagessen getroffen, was auch sehr geholfen hat mein Japanisch zu verbessern.
Foto 3: Lerntreffen oft in Cafés
Hast du irgendwelche Schockerlebnisse oder negativen Erfahrungen in Japan gemacht?
Als ich mit Freunden zusammen essen war, habe ich eine negative Erfahrung gemacht. Wir warteten bei Hamasushi (ein Sushi Restaurant) nachdem wir unser Ticket gezogen hatten, um aufgerufen zu werden zum Tisch zu gehen. Es war äußerst voll, da es Samstag war und ich hatte direkt schon gemerkt, dass meine Freundesgruppe und ich von ein paar Personen angestarrt wurden. Als wir dann endlich aufgerufen wurden, wollten wir gerade zum Tisch gehen als dann eine Freundin von mir, die vor mir an den noch wartenden Menschen vorbei ging, auf einmal von einem älteren Mann ein Bein gestellt bekommen wurde. Wir waren erstmal komplett überfordert mit der Situation und konnten erst im Nachhinein reflektieren, dass wir gerade eine Erfahrung mit einem ぶつかり男 gemacht haben. Solche Männer rempeln bewusst junge Frauen an, um ein Machtgefühl zu bekommen. Diese Erfahrung war definitiv ein Schockerlebnis.
Gibt es einen Ort in Japan, wo du besonders gerne hingegangen bist oder den du empfehlen möchtest?
In Tokyo waren besonders Nachbarschaften etwas weiter entfernt vom Zentrum gute Orte, wo ich immer mit Freunden hingegangen bin. 下北沢(しもきたざわ)oder 自由が丘 (じゆがおか) kann ich für coole Cafés und süße kleine Läden sehr empfehlen.
Mein absolutes Highlight war aber auf jeden Fall meine Reise nach Hokkaido im Winter. Zusammen mit Freunden bin ich in ein kleines Dorf eine Stunde außerhalb 旭川(あさひかわ)gereist, wo wir dann in einem 旅館 mit 温泉 übernachtet haben. So viel Schnee habe ich noch nie in meinem Leben gesehen und mitten zwischen den Schneebergen in heißen Quellen zu baden ist definitiv eines meiner schönsten Erinnerungen. Ich empfehle an Orte zu reisen, die nicht so bekannt sind! Da man Japanisch spricht hat man einen Riesenvorteil, den man auf jeden Fall nutzen sollte. Deswegen bin ich so viel herumgereist, wie es zeitlich möglich war. Vom Norden 北海道bis in den Süden 九州, 宮崎 und natürlich ein Abstecher nach 沖縄 durfte auch nicht fehlen. Wenn man darüber hinaus Interesse an anderen Ländern in Ostasien hat, empfehle ich auch sehr dies von Japan aus zu planen. Im Februar bin ich z.B. für eine kurze Zeit nach Südkorea geflogen, da die Flugpreise von Japan aus sehr günstig sind.
Foto 4: Besuch eines 祭りim Sommer (Yukata an der Uni beim jährlichen Yukata-Verkauf gekauft)
Gibt es etwas, das du während deiner Zeit in Japan aus deiner gewohnten deutschen Umgebung vermisst hast? Zum Beispiel etwas Bestimmtes zu essen?
Definitiv die Lebensmittelpreise! Essengehen ist sehr günstig, aber Einkaufen war wirklich immer recht teuer. Besonders frische Lebensmittel, so wie Obst und Gemüse waren im Vergleich zu Deutschland sehr teuer. Deswegen habe ich am meisten frisches Obst vermisst, da ich es nicht eingesehen habe für einen Apfel 3-4€ zu zahlen. Dazu muss man aber auch sagen, dass ich ja in Tokyo gewohnt habe, wo die Preise auch einfach etwas teurer sind als an anderen Orten Japans.
Neben der Gelegenheit deine Japanisch-Kenntnisse praktisch anzuwenden, bist du auch für dein Bachelorarbeitsvorhaben nach Japan gegangen. Was genau ist dein Forschungsthema?
Mein Forschungsthema bezog sich auf Modewerbung, die an Frauen gerichtet ist und die Empfindung von den herrschenden Schönheitsidealen in Japan. Dies habe ich teilweise durch Beobachtung von Werbung aber auch durch qualitative Interviews mit Japanerinnen an meiner Uni erforscht. Das hat erstaunlich gut funktioniert und ich habe viele Erkenntnisse aus den Interviews ziehen können. Da ich die Interviews auf japanisch durchgeführt habe, war das zunächst eine Überwindung meinerseits aber meine Interviewpartnerinnen waren super zuvorkommend, was mir die Nervosität sehr genommen hat. Als nächsten Schritt werde ich meine Forschungsergebnisse in meine Bachelorarbeit einbringen, die ich ab dem nächsten Semester beginnen werde.
Gab es Hürden, die du bei der Umsetzung deines Forschungsthemas überwinden musstest?
Nicht wirklich. Nur vielleicht sprachliche Hürden, wo ich z.B. die Interviewfragen mehrmals angepasst habe. Aber die Umsetzung hat in meinem Fall wirklich sehr gut funktioniert. Ich denke die Vorbereitung durch das Bachelor Plus Kolloquium und die Begleitung durch Herr Ladurner hat den ganzen Prozess sehr unterstützt. Allein aus diesem Grund würde ich das Bachelor Plus Programm durchaus empfehlen.
Abschließend möchte ich dich fragen, wie bewertest du den Entschluss für das Auslandsjahr für dich persönlich? Inwieweit hat es dich deiner Meinung nach in der persönlichen Entwicklung vorangebracht?
Ganz klar: Für mich war das Auslandsjahr an der Sophia Universität eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich habe mich dadurch unglaublich weiterentwickelt, persönlich, wie auch natürlich sprachlich. Ich denke eine Zeit im Ausland zu leben ist super vorteilhaft für die eigene Entwicklung. Ich habe so viel erlebt, so viele Orte gesehen, mit so vielen Personen geredet, so dass ich immer positiv auf diese Erfahrungen zurückblicken werde. Eine „once in a lifetime“ Erfahrung, die mich sehr geprägt hat. Es ist ein großer Schritt, die Entscheidung zu treffen, in Japan zu studieren und zu leben, aber sicherlich ein Schritt, den man nicht bereut. Solange man die Möglichkeit hat ein Auslandsjahr zu machen würde ich es immer empfehlen.
Ein Interview mit Annika Struck (Auslandsjahr an der Sophia-Universität).
