{"id":8767,"date":"2011-06-09T08:25:25","date_gmt":"2011-06-09T07:25:25","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=8767"},"modified":"2015-05-12T14:47:38","modified_gmt":"2015-05-12T12:47:38","slug":"literarische-schwerkost-und-leichte-pianoklange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=8767","title":{"rendered":"Literarische Schwerkost und leichte Pianokl\u00e4nge"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Studentin Maria Hermann berichtet von einem Vortrag \u00fcber \u00d4e Kenzabur\u00f4, den Michiko Mae in der Japan-Woche Ende Mai gehalten hat. <\/em><\/p>\n<p><strong>Der japanische Schriftsteller \u00d4e Kenzabur\u00f4 stand im Mittelpunkt eines Vortrages von Prof. Dr. Michiko Mae am 25. Mai in der D\u00fcsseldorfer Zentralbibliothek. Im Rahmen des Programms \u201eTokyo \u2013 D\u00fcsseldorf und zur\u00fcck, eine transkulturelle Reise\u201c stellte sie den Literaturnobelpreistr\u00e4ger vor, den seine Kenner hierzulande bei seinem Besuch der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1990 und bei einer Lesungen im japanischen Kulturinstitut in K\u00f6ln 2008 auch schon live erleben konnten.<\/strong><\/p>\n<p>Unterst\u00fctzt wurde Frau Prof. Dr. Mae bei ihrem Vortrag von Bernt Hahn, einem erfahrenen Schauspieler und Sprecher, der die oftmals sehr schwerm\u00fctigen Passagen, die dem Werk &#8222;Eine pers\u00f6nliche Erfahrung&#8220; entnommen wurden, lebendig und spannend vorlas.<\/p>\n<p>Den Abend wortw\u00f6rtlich ausklingen lie\u00df Yuko Kasahara an ihrem Piano und spielte St\u00fccke von \u00d4e Hikari, dem behinderten Sohn von \u00d4e Kenzabur\u00f4.<\/p>\n<p>Bevor man zu den Eckdaten im beachtlichen Lebenslauf des preisgekr\u00f6nten Autors, \u00d4e Kenzabur\u00f4, kommt, ist es sinnvoll, sich ein Bild von seinem gegenw\u00e4rtigen Einfluss zu machen und von den literarischen Wurzeln, die \u00d4es Reflexionen zur gegenw\u00e4rtigen Lage Japans, vor allem in Bezug auf das Ungl\u00fcck von Fukushima, fundieren.<\/p>\n<p>In seinem Essay-Band \u201eHiroshima-Notizen\u201c (<em>Hiroshima n\u00f4to<\/em>), geschrieben 1964, thematisiert \u00d4e die Nachkriegszeit in Japan. Er beruft sich auf Zitate und Interviews von \u00dcberlebenden des Atombombenabwurfs auf Hiroshima.<\/p>\n<p>Wodurch entstand das Interesse des Literaten an eben dieser Thematik? Alles l\u00e4uft auf den 15. August 1945, dem Datum der bedingungslosen Kapitulation Japans und Radioansprache des Tenn\u00f4 Hirohito, hinaus. \u00d4e kritisiert die Freisprechung des Tenn\u00f4 von der Schuld und Verantwortung am desastr\u00f6sen Krieg. Au\u00dferdem verarbeitet er im Essay den Kult um Mishima Yukio, einem japanischen Schriftsteller und Regisseur, der 1970 seppuku auf Grund eines fehlgeschlagenen coup d&#8217;\u00e9tat, welcher die Machtrestauration des Tenn\u00f4, der durch die Amerikaner entw\u00fcrdigt worden ist, als Zielsetzung verfolgte, beging.<\/p>\n<p>Zudem wirft \u00d4e im Essay Offiziellen und Literaten vor, sie w\u00fcrden Kriegsverbrechen verschweigen und vergessen wollen und dass dies der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung in keinerlei Weise zu Gute k\u00e4me, welches wiederum den Prozess der Demokratisierung unterbinde. Auf der anderen Seite jedoch meint \u00d4e, dass allgemein die Neigung im Menschen best\u00fcnde solche grausamen Tatsachen beiseite zu kehren. Daher ist es immer fundamental wichtig, den Autor aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.<\/p>\n<p>Diese Problematik hat sich der Autor als Schuld auferlegt, weshalb Themen wie Kriegsschuld, die Atombombenabw\u00fcrfe, aber auch gegenw\u00e4rtige politische und gesellschaftskritische Diskurse die Ausgangspunkte \u00d4es literarischer Werke bilden, im Mittelpunkt steht dabei in der Regel das Motiv der Verantwortung.<\/p>\n<p>\u00dcber den Vorfall in Fukushima argumentiert \u00d4e, es sei der gr\u00f6\u00dfte Verrat an den Opfern von Hiroshima. Gleicherma\u00dfen wie am Anfang seines Werdegangs zum Schriftsteller kritisiert er das Tenn\u00f4-System, welches er nach wie vor f\u00fcr ein Symbol des Rechtsradikalismus h\u00e4lt.<\/p>\n<p><em>Zum Lebenslaufs des Schriftstellers:<\/em><\/p>\n<p>\u00d4e Kenzabur\u00f4 wurde am 31. Januar 1935 im Dorf \u00d4se der Pr\u00e4fektur Ehime auf Shikoku geboren.<br \/>\nEr legt, trotz seines gro\u00dfartigen Werdeganges zum renommierten Literaten, gro\u00dfen Wert auf seine Wurzeln. So h\u00e4lt er stark an dem f\u00fcr seinen Geburtsort typischen lokalen Dialekt fest, so berichtete Frau Prof. Dr. Mae, die \u00d4e pers\u00f6nlich auf der Frankfurter Buchmesse getroffen hatte.<\/p>\n<p>Er studierte ab 1956 an der T\u00f4dai Universit\u00e4t franz\u00f6sische Literatur, wodurch seine Weltanschauung stark von Jean-Paul Sartre gepr\u00e4gt wurde, insbesondere die Existenzphilosophie und ihre Topoi, wie Angst, Verzweiflung aber eben auch die Verantwortung spiegeln sich in \u00d4es Werken wider. So behandeln die \u201eHiroshima-Notizen\u201c Nuancen des Lebens wie Nihilismus, Hoffnungslosigkeit, berufend auf die provokative und groteske Darstellung von Sexualit\u00e4t des Menschen.<\/p>\n<p>In T\u00f4ky\u00f4 f\u00fchlt sich \u00d4e nicht besonders wohl. Er bezeichnet die Gro\u00dfstadt als einen Ort, an dem st\u00e4ndig die Einengung und Entfremdung von Menschen stattfindet, sich selbst eingeschlossen.<\/p>\n<p>Mit nur 23 Jahren erhielt \u00d4e 1958 den Akutagawa-Preis f\u00fcr sein Prosawerk \u201eDer Fang\u201c (Shiiku).<\/p>\n<p>1963 wird sein geistig behinderter Sohn \u00d4e Hikari geboren, der im Leben \u00d4es einen Wendepunkt einleitet:\u00a0 \u00d4e schreibt 1964 den Roman, um den es sogleich gehen wird, \u201eEine pers\u00f6nliche Erfahrung\u201c (Kojinteki na taiken), dessen Protagonist \u00d4es Alter Ego ist, der sich durch seine Physiognomie den Kosenamen Bird einhandelt, und anders als \u00d4e selbst seinen behinderten Sohn als eine Bereicherung in seinem Leben sch\u00e4tzt, sondern sich vor seinem scheinbar irreparabel gesch\u00e4digtem neugeborenen Kind in Eskapaden fl\u00fcchtet.<\/p>\n<p><em>Das Werk \u201eEine pers\u00f6nliche Erfahrung\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Traum von Bird ist es einmal nach Afrika zu reisen. Dieser Wunsch symbolisiert f\u00fcr ihn Freiheit, da er an der Schwelle zwischen seiner Jugend und der Verantwortung als Vater steht. Verantwortung zu \u00fcbernehmen, f\u00e4llt Bird nicht einfach. So wird erz\u00e4hlt, dass er bereits die Eheschlie\u00dfung mit seiner Frau als eine Art K\u00e4fig sieht, der ihn eines Teils seiner Freiheit beraubt hat, dessen T\u00fcr aber noch offen steht. Mit der Geburt seines Kindes, so f\u00fcrchtet Bird, wird sich das Tor zur Freiheit allerdings endg\u00fcltig schlie\u00dfen und damit seinen Traum von der Afrikareise begraben. Jene verinnerlichte Verbitterung und Verzweiflung Birds durchzieht seine 25 Jahre Lebenserfahrung wie ein roter Faden: der Protagonist war zun\u00e4chst als Lehrer angestellt, jedoch kein besonders vorbildlicher oder zielstrebiger seiner Art. Im Gegenteil: Bird war nicht selten betrunken, oft mehrere Wochen am St\u00fcck. Indessen bricht er seinen Doktor-Kursus ab, verliert seine Stelle als Lehrer. Sein ganzer Charakter ist von einer grunds\u00e4tzlichen Unzufriedenheit gepr\u00e4gt.<br \/>\nAls Birds Kind mit einer Anomalie auf die Welt kommt, redet er sich ein, er k\u00f6nne nicht f\u00fcr das behinderte Kind sorgen, und flieht vor seiner Verantwortung.<\/p>\n<p>Bird versucht auch nicht sein Kind in Schutz zu nehmen, er wirkt teilnahmslos, als der Arzt im Krankenhaus ihn bez\u00fcglich des Zustandes des Neugeborenen konfrontiert und dies in einer absurden Art und Weise tut. Er bezeichnet das Kind als ein Ding, ein Monster, dessen geistliche F\u00e4higkeiten der einer Pflanze entsprechen. Es wird erl\u00e4utert, dass das Neugeborene eine Anomalie in Form einer\u00a0 Gehirnhernie (Hirnbruch) aufweist. Bis zum Schluss des Romans hat der Sohn Birds keinen Namen, wird stets als ein Gegenstand bezeichnet. Nur einmal zeigt der Protagonist Gef\u00fchle, die man ann\u00e4hernd als Mitleid bezeichnen k\u00f6nnte, f\u00fcr sein Kind. Er weint, weil ihn die Verletzung am Kopf des Jungen an den Krieg erinnert, genauer an die Kriegsgefallenen, die schwere Kopfverletzungen davon trugen. Abgesehen davon sieht Bird im Kind nur ein Hindernis, ein Monster, das ihm seine Freiheit g\u00e4nzlich entzogen hat. Es bleibt ihm nichts anderes \u00fcbrig als die Flucht vor seiner Herausforderung ein behindertes Kind aufzuziehen. Zeitweise f\u00fcttert Bird den Jungen nur mit Zuckerwasser, in der Hoffnung, sein Kind w\u00fcrde sterben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter lernt Bird eine Frau namens Himiko kennen. Sie ist geschieden und befindet sich ebenfalls auf der Flucht vor der Niedergeschlagenheit des allt\u00e4glichen Lebens und der Realit\u00e4t. Obwohl sie vom Erz\u00e4hler als eine einf\u00fchlsame Person beschrieben wird, beruht ihrer Beziehung zu Bird wohl weniger auf Stabilit\u00e4t und einem mitleidvollen Miteinander, sondern eher auf einer Komplizenschaft.<\/p>\n<p>Dass Himiko Birds Exzesse nur sch\u00fcrt, wird besonders daran deutlich, als Bird seinen Arbeitsplatz auf Grund eines Alkoholrausches verliert. Ethisch fragw\u00fcrdig und bei dem Epitom seiner Verantwortungslosigkeit angelangt, der sich Bird nicht g\u00e4nzlich bewusst ist, handelt der Protagonist und holt sein Kind aus dem Krankenhaus, bevor es einer Operation unterzogen werden konnte und bringt es zu einem Abtreibungsarzt, der ein Bekannter Himikos ist.<\/p>\n<p>Einen Bogen zum Humanismus hin, spannt \u00d4e Kenzabur\u00f4 in seinem Roman, als Bird pl\u00f6tzlich die Erkenntnis hat, dass es im Grunde nichts gibt, wovor er fliehen m\u00fcsste. Von seinem Sinneswandel angetrieben spricht Bird mit Himiko, die jedoch keinerlei Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihn zeigt. Ganz im Gegenteil: sie ist schockiert, bezichtigt Bird des Verrats an ihr, sollte er das Kind nun vom Abtreibungsarzt zum Krankenhaus bringen wollen,weiterhin, wenn das Kind dabei umk\u00e4me und dies sowohl auf Bird als auch sie zur\u00fcckfallen w\u00fcrde. Doch Bird nimmt das Risiko auf sich, sollte das Kind auf dem Weg sterben und er damit des Mordes angeklagt werden. Zum ersten Mal erscheint der Protagonist selbstbewusst.<br \/>\nAuch die Erinnerung an den gemeinsamen Traum von Himiko und ihm nach Afrika zu fahren, l\u00e4sst Bird nicht an seinem Vorhaben zweifeln. Ebenso scheitert der Versuch Himikos kl\u00e4glich, Bird daran zu erinnern, wovor er die ganze Zeit geflohen ist und impliziert, dass selbst, wenn die Operation gelinge und das Kind diese \u00fcberlebe, so w\u00e4re dessen Existenz immer noch sinnlos. DochBird ist sich dessen bewusst, dass er dieses Leben, welches er so leichtfertig wie einen Gegenstand behandelt hatte, erzeugt hat, dass er die Verantwortung f\u00fcr sein Kind tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Zum Schluss wird der essentielle Gedanke bez\u00fcglich der Erkenntnis der subjektiven Freiheit des franz\u00f6sischen Philosophen Sartre in \u00d4e Kenzabur\u00f4s Roman durch Bird pointiert erl\u00e4utert: der Protagonist beteuert, es bliebe ihm ohnehin nichts anderes \u00fcbrig, als sich seiner Verantwortung zu stellen. Seine neu erlangte Freiheit m\u00f6chte Bird nun dadurch zum Ausdruck bringen, als dass er es sich vorgenommen hat, Reisef\u00fchrer zu werden. Fast schon ironisch, wenn man bedenkt, dass er derjenige war, der verloren und ziellos vor einem scheinbar zu gro\u00dfen Problem, sich in die Sackgassen des Lebens und des menschlichen Wesens verirrt hatte.<\/p>\n<p><em>Maria Hermann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Studentin Maria Hermann berichtet von einem Vortrag \u00fcber \u00d4e Kenzabur\u00f4, den Michiko Mae in der Japan-Woche Ende Mai gehalten hat. Der japanische Schriftsteller \u00d4e Kenzabur\u00f4 stand im Mittelpunkt eines Vortrages von Prof. Dr. Michiko Mae am 25. Mai in der D\u00fcsseldorfer Zentralbibliothek. Im Rahmen des Programms \u201eTokyo \u2013 D\u00fcsseldorf und zur\u00fcck, eine transkulturelle Reise\u201c stellte sie den Literaturnobelpreistr\u00e4ger vor, den seine Kenner hierzulande bei seinem Besuch der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1990 und bei einer Lesungen im japanischen Kulturinstitut in K\u00f6ln 2008 auch schon live erleben konnten. 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