{"id":8227,"date":"2011-06-06T15:49:15","date_gmt":"2011-06-06T14:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=8227"},"modified":"2015-05-12T14:48:21","modified_gmt":"2015-05-12T12:48:21","slug":"pressespiegel-deutschland-und-die-katastrophe-in-japan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=8227","title":{"rendered":"Pressespiegel: Deutschland und die Katastrophe in Japan"},"content":{"rendered":"<p>Es wurde viel dar\u00fcber diskutiert, welches Bild von Japan angesichts der Katastrophe in den deutschen Medien verbreitet wird. Viele Artikel und Fernsehbeitr\u00e4ge zeugten davon, dass das Verst\u00e4ndnis der japanischen Kultur sich auf wenige Stereotype beschr\u00e4nkt. So war zum Beispiel von &#8222;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/weltgeschehen\/article12865458\/20-Kamikaze-gegen-die-Hoellenmaschine-Fukushima.html\">20 Kamikaze gegen die H\u00f6llenmaschine Fukushima<\/a>&#8220; die Rede (<em>Die Welt<\/em>, 17.3.), von dem &#8222;<a href=\"http:\/\/www.stern.de\/magazin\/heft\/stern-nr-13-24032011-das-unglaubliche-volk-1666460.html\">unglaublichen Volk<\/a>&#8220; (Stern-Titel, 24.3.), es wurde festgestellt, dass <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/0,1518,752401,00.html\">&#8222;die Menschen in Tokio auf ihr geliebtes Sushi verzichten&#8220;<\/a> m\u00fcssten (<em>Spiegel Online<\/em>, 22.3.) und als kulturelles Muster zum Verstehen der derzeitigen Lage wurden die Gozilla-Filme anempfohlen: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/12\/Japan-Film-Monster?page=1\">&#8222;Wer die Duldsamkeit und Ruhe der Japaner im Umgang mit der gegenw\u00e4rtigen Katastrophe begreifen will, sollte sich die Monsterfilme dieses Landes anschauen.&#8220;<\/a> (<em>Die Zeit<\/em>, 17.3.)<\/p>\n<p>Viele Fachleute sehen in dieser stereotypen Berichterstattung eine Gefahr f\u00fcr die deutsch-japanischen Beziehungen. Prof. Dr. Reinhard Z\u00f6llner (Universit\u00e4t Bonn) brachte seine Emp\u00f6rung in einem Artikel in der <em>Welt<\/em> zum Ausdruck (28.3.), den er sehr deutlich folgenderma\u00dfen betitelte: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article12985489\/Apokalypse-jetzt-Wir-Deutschen-sollten-uns-schaemen.html\">&#8222;Apokalypse jetzt! Wir Deutschen sollten uns sch\u00e4men.&#8220;<\/a> In dem Seminar zu den deutsch-japanischen Beziehungen, das Stephanie Klasen und ich dieses Semester geben, haben wir uns diese Berichterstattung Anfang des Semesters etwas genauer angesehen, wollten gemeinsam mit den Studierenden aber auch versuchen herauszufinden, ob sich bereits erste Anzeichen daf\u00fcr finden lassen, wie das &#8222;deutsche Verhalten&#8220; in der jetzigen Situation in Japan aufgenommen wird.<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr haben wir die beiden japanischen Zeitungen <em>Yomiuri Shinbun<\/em> und <em>Asahi Shinbun<\/em> nach Artikeln durchsucht, die \u00fcber das Erdbeben im Zusammenhang mit Deutschland berichten (Auswertung bis 28. M\u00e4rz). Dabei fiel auf, dass dem Thema der deutschen Atompolitik, den damit in Zusammenhang stehenden Demonstrationen und der Wahl in Baden-W\u00fcrttemberg die ausf\u00fchrlichsten Artikel gewidmet wurden. In einem eigenen Artikel wurde erw\u00e4hnt, dass deutsche Autobauer Teile, die aus Japan geliefert werden, auf Strahlenbelastung \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Themen waren au\u00dferdem, dass Deutschland seine Botschaft nach Osaka verlegte und dass die Lufthansa den Flughafen Narita nicht mehr anflog.<\/p>\n<p>Immer wieder tauchte in den Berichten eine Pumpe aus Deutschland auf, die von der deutschen Firma &#8222;Putzmeister&#8220; gestellt wird und helfen soll, die Lage in den Atomkraftwerken unter Kontrolle zu bringen. \u00dcberraschend prominent wurde \u00fcber die Reaktion von deutschen Fu\u00dfballvereinen berichtet, die ihr Mitgef\u00fchl zum Ausdruck brachten und teilweise Benefizspiele organisierten. Erw\u00e4hnung fanden auch der Kondolenzbesuch Angela Merkels in der japanischen Botschaft und das Sonderkonzert der D\u00fcsseldorfer Symphoniker in der Tonhalle. In zwei Artikeln, die weiter unten in \u00dcbersetzung vorgestellt werden, wurden auch die Reaktionen der deutschen Presse thematisiert. Der Einsatz des THW wurde nur am Rande erw\u00e4hnt, in Artikeln in denen insgesamt \u00fcber die Hilfe durch ausl\u00e4ndische Kr\u00e4fte berichtet wurde. Deutschland war au\u00dferdem in einigen pers\u00f6nlichen Erfahrungsberichten pr\u00e4sent, die ebenfalls in den Zeitungen abgedruckt wurden. Da berichtete zum Beispiel eine japanische Austauschstudentin, die sich derzeit in Deutschland befindet, \u00fcber ihre Gef\u00fchle, oder ein Japaner, der in M\u00fcnchen die Tschernobyl-Katastrophe miterlebt hatte, erinnerte sich an seine Erfahrungen.<\/p>\n<p>Zwei der Artikel wurden von Master-Studiereden (zum Teil ausschnittsweise) \u00fcbersetzt und k\u00f6nnen daher hier wiedergegeben werden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Yomiuri Shinbun, 17.3.2011 (Ausschnitt)<\/em><\/p>\n<p><strong>&#8222;Die Krise in Japan&#8220; \u2013 Die Welt ist aufmerksam<\/strong><\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>In Deutschland fallen \u00fcbersensible Nachrichtensendungen ins Auge, die den Atomunfall von Fukushima als &#8222;Wiederkehr von Tschernobyl&#8220; bezeichnen oder die nun wieder Fernsehbilder von der Katastrophe in Tschernobyl zeigen.<\/p>\n<p>Am 16. M\u00e4rz hatte <em>Die Welt<\/em> als Top Thema &#8222;Tokyo in Todesangst&#8220;*. Im Artikel wurde davon berichtet, wie Frauen, Kinder und Ausl\u00e4nder aus der Hauptstadt fl\u00fcchteten und die Regale in gro\u00dfen Superm\u00e4rkten durch Hamsterk\u00e4ufe geleert worden waren. [\u2026]<\/p>\n<p>Im Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde am 16. M\u00e4rz getitelt: &#8222;Absichtliche Manipulation von Informationen hat in Japan Tradition&#8220;**. Es wurde darin unter anderem die Vertuschung bei einer R\u00fcckrufaktion von Mitsubishi in der Vergangenheit angef\u00fchrt und es wurde kritisiert, dass mit Tepco in der jetzigen Situation &#8222;die Verschweige-Taktik in Japans Unternehmen einen dramatischen Tiefpunkt erreicht&#8220; habe. Dar\u00fcber hinaus wird sogar ein einseitiges Urteil \u00fcber die Wesensart des japanischen Volk abgegeben: &#8222;Viele Japaner [\u2026] [haben den Grundsatz:] Nichts h\u00f6ren, nichts sehen, nicht sagen, Gesichtswahrung ist alles, der Preis daf\u00fcr scheint fast egal zu sein [\u2026].&#8220;<\/p>\n<p>In einer Sendung des \u00f6ffentlichen Fernsehsenders ARD wurde ein junger Deutscher, der schnell aus Japan zur\u00fcckgereist war, dazu befragt, weshalb die Japaner nicht in Panik ausbr\u00e4chen: &#8222;Die japanischen Medien vermitteln nicht die Wahrheit. Ausl\u00e4nder, die Zugang zu ausl\u00e4ndischen Medien haben, fliehen (weil sie die richtigen Informationen erhalten haben) nach S\u00fcden oder verlassen das Land.&#8220;<\/p>\n<p>* <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/politik\/article12841234\/Tokio-in-Todesangst.html\">hier <\/a>nachzulesen<\/p>\n<p>**hier ist <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubB08CD9E6B08746679EDCF370F87A4512\/Doc~EEFE6C719A302450691DD94C58F82B3CC~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">dieser <\/a>Artikel gemeint, der allerdings am 15. M\u00e4rz erschienen ist. Der Satz &#8222;absichtliche Manipulation von Informationen hat in Japan Tradition&#8220; findet sich dort so nicht, die anderen Zitate sind aber klar identifizierbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Yomiuri Shimbun, 17.03.2011<\/em><\/p>\n<p><strong>Deutschland: Misstrauen gegen\u00fcber der japanischen Regierung<\/strong><\/p>\n<p>Berlin: Es fiel in letzter Zeit auf, dass von deutscher Seite aus die Explosion des Atomkraftwerkes Nr. 1 in Fukushima und die Feuersch\u00e4den betreffend Misstrauen in den Nachrichten vorherrscht.<\/p>\n<p>Die Hilfsorganisation \u201ehumedica\u201c holte am 14.3. eilig ihr f\u00fcnfk\u00f6pfiges Team aus dem Krisengebiet. Der Pressesprecher Steffen Richter \u00e4u\u00dferte sich gegen\u00fcber den Medien wie folgt: \u201eDie japanische Regierung verbirgt und untersch\u00e4tzt die Fakten. Es erinnert an den Atom-GAU von Tschernobyl.\u201c* Kanzlerin Merkel wiederholte in einem Interview mit Journalisten: \u201eDie Informationen aus Japan widersprechen sich.\u201c Regierungssprecher Seibert erkl\u00e4rt in einer regul\u00e4ren Pressekonferenz zwar \u201eWir haben Verst\u00e4ndnis angesichts dieser verheerenden Sachlage. Dies ist keine Kritik an der japanischen Regierung\u201c, aber es herrscht kein Zweifel, dass sich unter der Regierung Irritation breit macht bez\u00fcglich der japanischen Vorgehensweise.<\/p>\n<p>Es wurde die Frage laut, warum die Japaner, wo sie doch die Atombombenabw\u00fcrfe von Hiroshima und Nagasaki erfahren haben, ein Atomkraftwerk an so einer gef\u00e4hrlichen Stelle errichteten.<\/p>\n<p>*<a href=\"http:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/panorama\/Einsatz-abgebrochen-Deutsche-Helfer-kehren-aus-Japan-zurueck-id14278546.html\">Der deusche Wortlaut<\/a>: \u201eDas gr\u00f6\u00dfte Problem ist die schlampige Informationspolitik der japanischen Regierung, die die Fakten verschleiert und herunterspielt. Das erinnert an Tschernobyl.\u201c<\/p>\n<p><em>Vielen Dank an: Katharina H\u00fclsmann, Slim Klai, Lara Pecelin, Annika Raue<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wurde viel dar\u00fcber diskutiert, welches Bild von Japan angesichts der Katastrophe in den deutschen Medien verbreitet wird. Viele Artikel und Fernsehbeitr\u00e4ge zeugten davon, dass das Verst\u00e4ndnis der japanischen Kultur sich auf wenige Stereotype beschr\u00e4nkt. So war zum Beispiel von &#8222;20 Kamikaze gegen die H\u00f6llenmaschine Fukushima&#8220; die Rede (Die Welt, 17.3.), von dem &#8222;unglaublichen Volk&#8220; (Stern-Titel, 24.3.), es wurde festgestellt, dass &#8222;die Menschen in Tokio auf ihr geliebtes Sushi verzichten&#8220; m\u00fcssten (Spiegel Online, 22.3.) und als kulturelles Muster zum Verstehen der derzeitigen Lage wurden die Gozilla-Filme anempfohlen: &#8222;Wer die Duldsamkeit und Ruhe der Japaner im Umgang mit der gegenw\u00e4rtigen Katastrophe begreifen will, sollte sich die Monsterfilme dieses Landes anschauen.&#8220; (Die Zeit, 17.3.) Viele Fachleute sehen in dieser stereotypen Berichterstattung eine Gefahr f\u00fcr die deutsch-japanischen Beziehungen. Prof. Dr. Reinhard Z\u00f6llner (Universit\u00e4t Bonn) brachte seine Emp\u00f6rung in einem Artikel in der Welt zum Ausdruck (28.3.), den er sehr deutlich folgenderma\u00dfen betitelte: &#8222;Apokalypse jetzt! 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