{"id":7824,"date":"2011-02-23T16:00:16","date_gmt":"2011-02-23T15:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=7824"},"modified":"2020-07-02T23:24:58","modified_gmt":"2020-07-02T21:24:58","slug":"berlinale-nachlese-kazoku-x-household-x","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=7824","title":{"rendered":"Berlinale-Nachlese: Kazoku X (&#8222;Household X&#8220;)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kazoku X ist einer der Filme, die den unge\u00fcbten Berlinale-Zuschauer auf die Geduldsprobe stellen: Man sieht, wie eine Frau die Wohnung sauber macht, die Platzsets auf dem Tisch akkurat ausrichtet, sich ein Glas Wasser einschenkt. Ein Mann im Anzug sitzt sp\u00e4t abends im Caf\u00e9 und studiert Computer-B\u00fccher. Ein junger Mann arbeitet nachts auf einer Baustelle und muss sich sagen lassen, dass er die Kehrbewegungen falsch ausf\u00fchrt. Die Kamera l\u00e4sst sich sehr viel Zeit, eine dreik\u00f6pfige japanische Familie bei ihren t\u00e4glichen Verrichtungen zu beobachen. Es gibt kaum Dialoge und keine Musik, die das allt\u00e4gliche Nebeneinander der drei Menschen untermalen w\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/berlinale_kazoku.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7852\" title=\"berlinale_kazoku\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/berlinale_kazoku.jpg\" alt=\"\" width=\"471\" height=\"294\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/berlinale_kazoku.jpg 589w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/berlinale_kazoku-300x187.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 471px) 100vw, 471px\" \/><\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Wie Kurosawa Kiyoshis <em>Tokyo Sonata<\/em> (2008) ist <em>Kazoku X<\/em> ein Film, der sehr deutlich zeigt, welche Auswirkungen mangelnde Kommunikation auf das Leben in einer Familie haben kann. W\u00e4hrend sich in <em>Tokyo Sonata<\/em> die Familienmitglieder aber zumindest noch zum Essen an einen Tisch setzen, um sich anzuschweigen, kommt es in <em>Kazoku X<\/em> nicht ein einziges Mal dazu, dass Vater, Mutter und Sohn zusammen essen. Der Esstisch \u2013 eigentlich das Zentrum des Familienlebens \u2013 wird nur noch von der Mutter genutzt, die als Gesellschaft lediglich den Fernseher hat. Ihrem Mann und ihrem Sohn bietet sie immer wieder etwas zu Essen an, das hei\u00dft im \u00fcbertragenen Sinne ihre m\u00fctterliche Zuneigung. Die beiden sind jedoch in ihren eigenen Problemen gefangen und lehnen diese F\u00fcrsorge ab.<\/p>\n<p>In Ihrem Ringen um Aufmerksamkeit durchbricht die Mutter schlie\u00dflich die t\u00e4gliche Routine. Im Supermarkt kauft sie, die sonst eine Wissenschaft aus dem Kochen gemacht hat, sich gro\u00dfe Mengen Fertiggerichte \u2013 und schaut sich beim Einladen der Waren in ihren Einkaufskorb wie eine Verbrecherin um. Die Platzsets liegen nicht mehr im rechten Winkel auf dem Esstisch, die Blumen vertrocknen &#8230; die Ver\u00e4nderungen deuten sich subtil an.<\/p>\n<div id=\"attachment_7856\" style=\"width: 184px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/berlinale_Autogramm.jpg\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7856\" class=\"size-full wp-image-7856 \" title=\"berlinale_Autogramm\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/berlinale_Autogramm.jpg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"77\"><\/a><p id=\"caption-attachment-7856\" class=\"wp-caption-text\">Autogramm des Regisseurs Yoshida K\u00f4ki<\/p><\/div>\n<p>In einer wundersch\u00f6nen Plansequenz zeigt der Regisseur Yoshida K\u00f4ki, wie die Mutter mit prallgef\u00fcllten Supermarktt\u00fcten durch ihre Wohnsiedlung mit den elend gleichen H\u00e4usern l\u00e4uft. Die Menschen auf der Stra\u00dfe sind laut, fr\u00f6hlich, besch\u00e4ftigt. Die Mutter aber l\u00e4uft, als gehe sie das alles nicht an, sie geht am Leben vorbei und das Leben an ihr.<\/p>\n<p><em>Kazoku X<\/em> wirkt wie eine bitterb\u00f6se Obduktion des klassischen Mittelschichts-Familienmodells. Das Elend eines Salaryman-Lebens wird ebenso deutlich gezeigt wie die Abgr\u00fcnde, die eine Hausfrau erwarten k\u00f6nnen. Durch den Sohn kommen auch noch die Probleme von jungen Menschen ins Spiel, die sich in prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen befinden und keine Zukunftsperspektiven sehen. Der 30-j\u00e4hrige Regisseur erkl\u00e4rte allerdings bei der Berlinale, dass sein Hauptanliegen weniger Gesellschaftskritik gewesen sei als das Verarbeiten pers\u00f6nlicher \u00c4ngste. Er selbst werde vielleicht bald eine Familie gr\u00fcnden und habe Angst, dass es ihm so gehen k\u00f6nnte wie der &#8222;Familie X&#8220; in seinem Film: &#8222;Das X k\u00f6nnte auch f\u00fcr Yoshida stehen, was Sie gesehen haben k\u00f6nnte einmal meine eigene Gegenwart werden.&#8220;<\/p>\n<p>Yoshida sieht die Mutter in seinem Film auch als Sklavin des sogenannten <em>sekentei <\/em>\u4e16\u9593\u4f53, des \u00e4u\u00dferen Scheines, der gegen\u00fcber dem Umfeld, der Nachbarschaft, gewahrt werden muss. So achtet sie peinlichst genau darauf, dass ihre M\u00fcllt\u00fcten ordentlich verschlossen sind, damit die Nachbarin die \u00dcberreste der &#8222;s\u00fcndigen&#8220; Fertiggerichte nicht sehen kann. Neben der gesellschaftlichen Kontrolle qu\u00e4lt die Mutter auch das eigene Haus, das so sehr den Konventionen entspricht. &#8222;Das Haus ist f\u00fcr mich ebenso ein Protagonist wie die anderen Figuren&#8220;, erkl\u00e4rte Yoshida.<\/p>\n<p>Yoshida arbeitete f\u00fcr den Film mit einem <a href=\"http:\/\/pff.jp\/jp\/scholarship\/works020.html\">Stipendium des Pia Film Festivals<\/a>, das er 2008 mit seinem Film <em>Sh\u00f4rei X<\/em> (&#8222;Symptom X&#8220;) gewonnen hat. Es gelingt ihm in <em>Kazoku X<\/em>, die Eint\u00f6nigkeit und Tristesse des Familienlebens sehr eindrucksvoll in Bilder zu bannen. F\u00fcr manche Berlinale-Zuschauer wohl etwas zu lebensnah, denn nicht wenige verlie\u00dfen den Saal vorzeitig oder fluchten anschlie\u00dfend \u00fcber den Film.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kazoku X ist einer der Filme, die den unge\u00fcbten Berlinale-Zuschauer auf die Geduldsprobe stellen: Man sieht, wie eine Frau die Wohnung sauber macht, die Platzsets auf dem Tisch akkurat ausrichtet, sich ein Glas Wasser einschenkt. Ein Mann im Anzug sitzt sp\u00e4t abends im Caf\u00e9 und studiert Computer-B\u00fccher. Ein junger Mann arbeitet nachts auf einer Baustelle und muss sich sagen lassen, dass er die Kehrbewegungen falsch ausf\u00fchrt. Die Kamera l\u00e4sst sich sehr viel Zeit, eine dreik\u00f6pfige japanische Familie bei ihren t\u00e4glichen Verrichtungen zu beobachen. Es gibt kaum Dialoge und keine Musik, die das allt\u00e4gliche Nebeneinander der drei Menschen untermalen w\u00fcrde. 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