{"id":7822,"date":"2011-02-25T15:29:19","date_gmt":"2011-02-25T14:29:19","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=7822"},"modified":"2020-07-17T12:38:26","modified_gmt":"2020-07-17T10:38:26","slug":"berlinale-2011-heavens-story-von-zeze-takahisa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=7822","title":{"rendered":"Berlinale 2011: Heaven&#8217;s Story von Takahisa Zeze"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?attachment_id=7825\" rel=\"attachment wp-att-7825\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7825 size-large aligncenter\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/P1100643-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"469\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/P1100643-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/P1100643-300x225.jpg 300w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/P1100643-768x576.jpg 768w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/P1100643-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/P1100643-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Einen japanischen Preistr\u00e4ger gab es auf der Berlinale 2011 dann doch noch. Der vier Stunden und 38 Minuten lange epische Spielfilm <em>Heaven\u00b4s Story <\/em>des Regisseurs Takahisa Zeze gewann gleich zwei Auszeichnungen: den FIPRESCI (International Federation of Film Critics) und den NETPAC-Preis (Network for the Promotion of Asian Cinema).<\/p>\n<p>Verdiente Auszeichnungen f\u00fcr einen Film, der es schafft den Spannungsbogen trotz einer solchen L\u00e4nge bis zum Ende zu halten und der dabei seinen Figuren immer gen\u00fcgend Raum gibt, um sich zu entfalten. Takahisa Zeze revolutionierte in den 90er Jahren als einer der &#8222;Pink Shitenn\u00f4&#8220; (die vier &#8222;Himmelsk\u00f6nige&#8220; des Pink) den japanischen Pink-Film und nutzen diesen als experimentelle Spielwiese. Gelungene Beispiele daf\u00fcr finden sich auch in <em>Heaven\u00b4s Story. <\/em>Zu erw\u00e4hnen ist insbesondere die Parallelmontage von Geburt und Tod gegen Ende des Films. Die Vielfalt der filmischen Mittel von wackliger Handkamera \u00fcber Animationssequenzen schafft ein teilweise wundersch\u00f6nes, teilweise herausforderndes Gesamtkunstwerk &#8211; herausfordernd vor allem, wenn die Kamera bei emotionalen Szenen in extremer Nahaufnahme auf den Gesichtern bleibt und dem Zuschauer keine Fluchtm\u00f6glichkeit l\u00e4sst. Und <em>Heaven\u00b4s Story <\/em>ist ein sehr emotionaler Film: In wenigen japanischen Filmen wird so viel gebr\u00fcllt und getobt wie in diesem. Zeitspr\u00fcnge und die Schar an Charakteren machen es dem Zuschauer auch nicht gerade leichter der Handlung zu folgen.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der verschiedenen Handlungsstr\u00e4nge, die die Figuren miteinander verbinden (wie die F\u00e4den an denen Marionetten h\u00e4ngen, nur dass hier die F\u00e4den nicht von einem gro\u00dfen Puppenspieler gehalten werden, sondern hier alles mit jedem verkn\u00fcpft ist), stehen drei Trag\u00f6dien. Die Familie der kleinen Sato wird in ihrem eigenen Wohnzimmer von einem jungen Mann niedergestochen, der sich seiner Strafe durch Selbstmord entzieht. Tomoki Sato verliert Frau und Kind als ein anderer junger Mann, Aikawa, Tomokis Frau erschl\u00e4gt und vergewaltigt und seine kleine Tochter ertr\u00e4nkt. Sato sieht im Fernsehen, wie Tomoki dem M\u00f6rder Rache schw\u00f6rt. F\u00fcr sie macht dies Tomoki zu ihrem Held, der Rache aus\u00fcben wird, wie es ihr nicht m\u00f6glich war.&nbsp; Drittens stirbt ein Mann, nachdem er einen Polizisten, Takagi, mit dem Messer bedroht und versucht hat, ihm die Waffe zu entrei\u00dfen, als sich dabei ein Schuss l\u00f6st. Der Polizist f\u00fchlt sich schuldig und l\u00e4sst der Familie des Verstorbenen regelm\u00e4\u00dfig Geld zukommen und nimmt daf\u00fcr sogar noch einen &#8222;Teilzeitjob&#8220; als Auftragsm\u00f6rder an. Daneben gibt es zahlreiche weitere Figuren und Handlungsstr\u00e4nge. Die Puppenmacherin Kyoko (gespielt von der bekannten S\u00e4ngerin Yamasaki Hako), die an Alzheimer erkrankt und Aizawa, den M\u00f6rder von Tomokis Familie, der sich nach seiner Entlassung um sie k\u00fcmmert, adoptiert. Haruki, der Sohn des alleinerziehenden Polizisten\/Part-time-killers, ger\u00e4t immer wieder in Schwierigkeiten, weil er die Schule schw\u00e4nzt und die falschen Leute bestiehlt. Eine h\u00f6rbehinderte Rockmusikerin bricht mit Hilfe des Schl\u00fcsseldienstes (es handelt sich um Tomoki) in das Apartment ihres Ex-freundes ein und zwingt dann Tomoki, den Abend mit ihr zu verbringen.<\/p>\n<div id=\"attachment_7841\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?attachment_id=7841\" rel=\"attachment wp-att-7841\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7841\" class=\"size-medium wp-image-7841\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-23.022-300x126.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"126\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-23.022-300x126.jpg 300w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-23.022-1024x432.jpg 1024w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-23.022-768x324.jpg 768w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-23.022-1536x649.jpg 1536w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-23.022.jpg 1641w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7841\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot von der offiziellen Homepage des Films unter http:\/\/heavens-story.com<\/p><\/div>\n<p>Bei Heaven\u00b4s Story handelt es sich nicht um ein geradliniges Rachedrama, denn die Kategorien T\u00e4ter und Opfer werden immer wieder verkehrt und in Frage gestellt. Die Opfer werden zu T\u00e4tern und die T\u00e4ter zu Opfern. Zudem stehen nicht die Taten im Mittelpunkt. Nur einer der Morde wird \u00fcberhaupt gezeigt. Der Fokus liegt vielmehr auf dem Leben der Opfer und T\u00e4ter nach der Katastrophe.<\/p>\n<p>Den Rahmen des Films bildet ein japanisches Puppentheater, das von verschiedenen japanischen Theatertraditionen inspiriert wurde. Diese besondere Theaterform genannt <em>Dondoro<\/em> wurde von dem Solok\u00fcnstler Hoichi Okamoto 1974 begr\u00fcndet. Er benutzte lebensgro\u00dfe Puppen und N\u00f4-Masken sowie&nbsp; Elemente des But\u00f4. Okamoto geht es in seinen Auff\u00fchrungen mehr um die Ausstrahlung der Puppen an sich und weniger darum eine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Zwar l\u00e4sst Takahisa auch die Atmosph\u00e4re des Puppenspiels wirken, aber er nutzt sie auch um ein Gleichnis&nbsp; zu erz\u00e4hlen von einem Monster, das in die Berge kam und niemandem etwas B\u00f6ses wollte. Die Menschen aber machten Jagd auf es und so t\u00f6tete es. Jeder der Get\u00f6teten wurde ebenfalls zu einem Monster, weshalb es so viele Monster g\u00e4be. Diese Geschichte verweist auf den mythischen Charakter des Films, der auch im Titel angedeutet wird. Der Himmel in <em>Heaven\u00b4s Story<\/em> unterscheidet sich jedoch von dem der christlichen Religionen. Takahisa beruft sich eher auf shintoistische Vorstellungen, nach denen G\u00f6tter nicht oben im Himmel seien, sondern im Diesseits unter uns weilen und in allen Dingen wohnen k\u00f6nnen und die Menschen st\u00e4ndig beobachten.<\/p>\n<div id=\"attachment_7849\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?attachment_id=7849\" rel=\"attachment wp-att-7849\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7849\" class=\"size-medium wp-image-7849\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-3-23.02-300x115.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"115\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-3-23.02-300x115.jpg 300w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Screenshot-3-23.02.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7849\" class=\"wp-caption-text\">Dondoro-Theater (siehe http:\/\/www.yumehina.net\/dondoro\/index.htm)<\/p><\/div>\n<p>Eine prominente Rolle in <em>Heaven\u00b4s Story <\/em>spielt auch der Ablauf der Jahreszeiten, der fast schon kitschig in Szene gesetzt wird. Kirschbl\u00fcten, die Hitze des Sommers, die Bl\u00fcte der Hortensien, Matsuri, Herbstlaubf\u00e4rbung, Weihnachten und K\u00e4lte und Schnee des Winters: Die neun Kapitel sind bestimmten Jahreszeiten zugeordnet. Takahisa teilte&nbsp; daf\u00fcr den Drehplan in f\u00fcnf Abschnitte, die jeweils 10 Tage dauerten. In einem Interview begr\u00fcndete Takahisa dies damit, dass die Jahreszeiten nat\u00fcrlich einen gro\u00dfen Einfluss auf das Spiel der Schauspieler h\u00e4tten, aber auch die Normalit\u00e4t symbolisieren sollten, mit der das Leben nach einer Trag\u00f6die weiterlaufe. (Das Interview kann auf der <a href=\"http:\/\/www.berlinale.de\/external\/de\/filmarchiv\/doku_pdf\/20116083.pdf\">Homepage der Berlinale<\/a> nachgelesen werden.)<\/p>\n<blockquote><p>Die Stadt liegt unter dem Himmel als sei nichts passiert<\/p><\/blockquote>\n<p>Eindrucksvoll sind auch die Schaupl\u00e4tze des Films, insbesondere die &#8222;Paradies \u00fcber den Wolken&#8220; genannte Ruinenstadt an den Matsuo-Minen in der Iwate Pr\u00e4fektur (siehe Screenshot der offiziellen Homepage von <em>Heaven\u00b4s Story) <\/em>und ein Stadtteil der Stadt Takahagi in der Pr\u00e4fektur Ibaraki, der, obwohl keine Insel, nur per F\u00e4hre und mit dem Fahrrad erreicht werden kann. Diese Orte vermitteln eine besondere Stimmung und repr\u00e4sentieren f\u00fcr Takahisa eine besondere Beziehung zum Himmel. Im Fall von Takahagi sei der Ort von dem Meer von der \u00fcbrigen Welt getrennt und durch die im Hintergrund sichtbaren Fabrikschornsteine mit dem Himmel verbunden.<\/p>\n<p>Die Liste der Motive und Interpretationsm\u00f6glichkeiten lie\u00dfe sich noch weiter fortf\u00fchren. Zu komplex ist der Film um ihm in einer kurzen Filmkritik gerecht zu werden. Abschlie\u00dfend kann man sagen, dass <em>Heaven\u00b4s Story <\/em>sicher kein einfacher Film ist, aber einer, der einen so schnell nicht mehr los l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen japanischen Preistr\u00e4ger gab es auf der Berlinale 2011 dann doch noch. Der vier Stunden und 38 Minuten lange epische Spielfilm Heaven\u00b4s Story des Regisseurs Takahisa Zeze gewann gleich zwei Auszeichnungen: den FIPRESCI (International Federation of Film Critics) und den NETPAC-Preis (Network for the Promotion of Asian Cinema). Verdiente Auszeichnungen f\u00fcr einen Film, der es schafft den Spannungsbogen trotz einer solchen L\u00e4nge bis zum Ende zu halten und der dabei seinen Figuren immer gen\u00fcgend Raum gibt, um sich zu entfalten. Takahisa Zeze revolutionierte in den 90er Jahren als einer der &#8222;Pink Shitenn\u00f4&#8220; (die vier &#8222;Himmelsk\u00f6nige&#8220; des Pink) den japanischen Pink-Film und nutzen diesen als experimentelle Spielwiese. Gelungene Beispiele daf\u00fcr finden sich auch in Heaven\u00b4s Story. Zu erw\u00e4hnen ist insbesondere die Parallelmontage von Geburt und Tod gegen Ende des Films. Die Vielfalt der filmischen Mittel von wackliger Handkamera \u00fcber Animationssequenzen schafft ein teilweise wundersch\u00f6nes, teilweise herausforderndes Gesamtkunstwerk &#8211; herausfordernd vor allem, wenn die Kamera bei emotionalen Szenen in extremer Nahaufnahme auf den Gesichtern bleibt und dem Zuschauer keine Fluchtm\u00f6glichkeit l\u00e4sst. 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