{"id":6656,"date":"2010-09-23T13:27:05","date_gmt":"2010-09-23T12:27:05","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=6656"},"modified":"2020-07-17T12:29:50","modified_gmt":"2020-07-17T10:29:50","slug":"neon-tokyo-enter-the-void","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=6656","title":{"rendered":"Neon Tokyo: Enter the Void"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein schrill-eindr\u00fcckliches Neon-Wunderwerk hat Tito, der Mitbewohner von Oscar, in seinem WG-Zimmer aufgebaut. Die Mini-Wolkenkratzer mit blinkenden Reklameschildern (&#8222;Love Hotel&#8220;) sind eine Stadt in der Stadt, denn das WG-Zimmer liegt irgendwo mitten im H\u00e4userwald von Tokyo. <\/strong><\/p>\n<p>Das Tokyo, das Gaspar No\u00e9 in seinem (Experimental)film &#8222;<a href=\"http:\/\/www.enterthevoid-film.de\/\">Enter the Void<\/a>&#8220; zeigt, ist ebenso ein Baukasten-Tokyo wie das in Titos Zimmer. Es scheint, als habe No\u00e9 massenhaft Quader aufgestellt, das Deckenlicht ausgeschaltet und befeuere den Zuschauer nun \u00fcber 160 Minuten lang mit einem Blinklichtspektakel. In No\u00e9s Tokyo ist es immer Nacht, psychedelische Drogen und Sex sind omnipr\u00e4sent und die Nachtclubs tragen Aufschriften wie &#8222;Sex Money Power&#8220;. Die Figuren, die der Regisseur in seiner Kulisse bewegt, sind vor allem Ausl\u00e4nder, die sich treiben lassen und es miteinander treiben.<\/p>\n<p>Die Handlung des Films ist schnell erz\u00e4hlt: Oscar lebt in Tokyo, wo er Drogen konsumiert und verkauft. Seine j\u00fcngere Schwester Linda, mit der er sich seit dem Tod der Eltern bei einem Autounfall sehr stark verbunden f\u00fchlt, folgt ihm nach Japan und ger\u00e4t ebenfalls sehr schnell in den Treibsand des Nachtlebens (sie verdingt sich als Stripperin). Bei einer Drogenrazzia wird Oscar von der Polizei erschossen, woraufhin sich sein Geist aus ihm l\u00f6st. Oscar schwebt nun \u00fcber dem Neon, blickt auf seine Vergangenheit zur\u00fcck, beobachtet seine Schwester Linda bei der Verarbeitung seines Todes und geht schlie\u00dflich in einen neuen Zustand \u00fcber.<\/p>\n<p>No\u00e9 st\u00f6\u00dft den Zuschauer wirklich mit der Nase darauf, dass er sich bei der Gestaltung seines Drehbuchs am tibetischen Totenbuch Bardo Th\u00f6dol orientiert: Alex schenkt das Buch seinem Freund Oscar und empfiehlt dringend die Lekt\u00fcre \u2013 bei Oscars Lebenswandel ein n\u00fctzlicher Tipp, schlie\u00dflich enth\u00e4lt das Bardo Th\u00f6dol genaue Anweisungen dar\u00fcber, was nach dem Tod genau passiert und wie sich der Verstorbene in den entsprechenden Situationen zu verhalten hat. Nachdem auf einer dreckigen Toilette in dem Club &#8222;Void&#8220; eine Kugel durch seine Brust geflogen ist, ger\u00e4t Oscar in eben jene Zwischenzust\u00e4nde, die das tibetische Totenbuch beschreibt: Er durchlebt sein Leben noch einmal, erheischt vielleicht einen Blick auf das &#8222;Licht des Seins-an-sich&#8220;, geht aber nicht in das Nirvana ein &#8230; das Rad der Wiedergeburten dreht sich weiter.<\/p>\n<p>Beeindruckend ist an &#8222;Enter the Void&#8220; aber weniger diese Handlungskonstruktion als die gewaltige Bildsprache, die durch eine spektakul\u00e4re Kameraarbeit erreicht wird. Bis zu Oscars Tod gewinnt der Zuschauer den Eindruck, wirklich 20 Minuten im K\u00f6rper des Protagonisten zu verbringen, was durch eine extrem subjektive Kamera, die sogar Oscars Blinzeln imitiert, erreicht wird. Ein \u00e4hnliches Verfahren kennt man zum Beispiel aus &#8222;Dark Passage&#8220; (1947), in dem man die ersten Filmminuten aus der Sicht eines fl\u00fcchtigen Str\u00e4flings (Humphrey Bogart) erlebt. Zum ersten Mal soll es Rouben Moulian in Dr. Jekyll &amp; Mr. Hyde (1931) eingesetzt haben. No\u00e9 treibt die subjektive Kamera nun bis zur letzten Konsequenz \u2013 auch als Oscar als Geist durch Tokyo schwebt, in den Kopf des Liebhabers seiner Schwester eindringt und so seine m\u00f6glicherweise geheimsten W\u00fcnsche ausleben kann.<\/p>\n<p>Der Geister-Blick auf das bunt-skandal\u00f6se Treiben bleibt dabei eher k\u00fchl-distanziert und sorgt daf\u00fcr, dass dem Zuschauer auch die wildesten Orgien doch etwas lang werden k\u00f6nnen. Japanologen seien hiermit gewarnt: Wer sich auf &#8222;Enter the Void&#8220; einlassen will, den sollte eher die Lust am Visuellen ins Kino f\u00fchren als die Erwartung, einen Film \u00fcber Tokyo zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein schrill-eindr\u00fcckliches Neon-Wunderwerk hat Tito, der Mitbewohner von Oscar, in seinem WG-Zimmer aufgebaut. Die Mini-Wolkenkratzer mit blinkenden Reklameschildern (&#8222;Love Hotel&#8220;) sind eine Stadt in der Stadt, denn das WG-Zimmer liegt irgendwo mitten im H\u00e4userwald von Tokyo. Das Tokyo, das Gaspar No\u00e9 in seinem (Experimental)film &#8222;Enter the Void&#8220; zeigt, ist ebenso ein Baukasten-Tokyo wie das in Titos Zimmer. Es scheint, als habe No\u00e9 massenhaft Quader aufgestellt, das Deckenlicht ausgeschaltet und befeuere den Zuschauer nun \u00fcber 160 Minuten lang mit einem Blinklichtspektakel. In No\u00e9s Tokyo ist es immer Nacht, psychedelische Drogen und Sex sind omnipr\u00e4sent und die Nachtclubs tragen Aufschriften wie &#8222;Sex Money Power&#8220;. Die Figuren, die der Regisseur in seiner Kulisse bewegt, sind vor allem Ausl\u00e4nder, die sich treiben lassen und es miteinander treiben. Die Handlung des Films ist schnell erz\u00e4hlt: Oscar lebt in Tokyo, wo er Drogen konsumiert und verkauft. Seine j\u00fcngere Schwester Linda, mit der er sich seit dem Tod der Eltern bei einem Autounfall sehr stark verbunden f\u00fchlt, folgt ihm nach Japan und ger\u00e4t ebenfalls sehr schnell in den Treibsand des Nachtlebens (sie &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[13,1735],"tags":[194,1161,195,197,198,196],"class_list":["post-6656","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-featured","category-kunst-und-kultur","tag-enter-the-void","tag-film","tag-gaspar-noe","tag-subjektive-kamera","tag-tibetisches-totenbuch","tag-tokyo"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6656","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6656"}],"version-history":[{"count":37,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6656\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14038,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6656\/revisions\/14038"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6656"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6656"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6656"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}