{"id":6604,"date":"2010-09-08T15:01:08","date_gmt":"2010-09-08T14:01:08","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=6604"},"modified":"2020-07-17T12:29:25","modified_gmt":"2020-07-17T10:29:25","slug":"vom-geschlecht-des-bleistifts-und-sprachlichen-marchenlanden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=6604","title":{"rendered":"Vom Geschlecht des Bleistifts und sprachlichen M\u00e4rchenlanden"},"content":{"rendered":"<p>Der folgende Beitrag von <strong>Gina Di Dio<\/strong> stellte den Auftakt der neuen Kategorie <em>Literatur<\/em> unseres Weblogs dar. Wir freuen uns auf viele weitere interessante Berichte \u00fcber literarische Begegnungen.<\/p>\n<p><em>Buchrezension zu Tawada Y\u00f4kos \u201eTalisman\u201c (Konkursbuchverlag, 1996, 142 S.)<\/em><\/p>\n<blockquote><p>In der Muttersprache sind die Worte den Menschen angeheftet, so da\u00df man selten spielerische Freude an der Sprache empfinden kann. [\u2026] In einer Fremdsprache hat man aber so etwas wie einen Heftklammerentferner: Er entfernt alles, was sich aneinanderheftet und sich festklammert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser kurze Abschnitt aus Tawada Y\u00f4kos literarischem Werk \u201eTalisman\u201c beschreibt auf passende Art, wie die Autorin mit der uns so bekannten deutschen Sprache spielt, sie auseinandernimmt und zu farbenfrohen neuen Bildern zusammensetzt. In den 16 Essays der Sammlung er\u00f6ffnet sie dem Leser eine v\u00f6llig neue Sicht auf die eigene Muttersprache und regt dazu an, sich auf dieselbe Art von Fremdsprachen faszinieren zu lassen.<\/p>\n<p>Die Begeisterung f\u00fcr das Fremde l\u00e4sst sich bei der geb\u00fcrtigen Japanerin schon fr\u00fch erahnen, so fand sie mit jungen 22 Jahren ihren neuen Wohnort in Deutschland und begann schon wenige Jahre sp\u00e4ter literarische Texte in japanischer und deutscher Sprache zu ver\u00f6ffentlichen. In ihren Texten erm\u00f6glicht sie dem Leser nicht nur einen Blick auf eine vielleicht fremde Kultur, sondern auch eine v\u00f6llig neue Sichtweise auf die eigene. So wurde sie f\u00fcr ihre einzigartige literarische Leistung 1996 dann auch mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst einen nicht nur schmunzeln, wenn Tawada Y\u00f4ko in den Texten ihres Werks von den Schwierigkeiten spricht, die sie damit hatte, allen Gegenst\u00e4nden im Deutschen pl\u00f6tzlich ein Geschlecht zuzuordnen und damit ihre gesamte Umgebung zu sexualisieren, vielmehr regt es auch zum Nachdenken an, wenn sie auf gespielt naive Art danach fragt, wer eigentlich dieses es ist, das daf\u00fcr sorgt, dass es regnet. Mit viel Sprachgef\u00fchl und einer Faszination f\u00fcr Wortspiele macht sie so aus einem grammatikalischen L\u00fcckenf\u00fcller einen mysteri\u00f6sen Unbekannten. (Ob es sich hierbei um denselben Unbekannten handelt, der daf\u00fcr sorgt, dass es einem gut geht?)<br \/>\nAuch der geschriebenen Sprache geht sie auf den Grund, wenn sie beschreibt, wie eine deutsche Freundin einen Drachen in dem chinesischen Schriftzeichen f\u00fcr \u201eDrache\u201c erkennt, w\u00e4hrend sie eher Bilder in den ihr noch nicht v\u00f6llig vertrauten r\u00f6mischen Buchstaben sieht.<br \/>\nIn den verschiedenen Texten zieht sie interessante Parallelen zwischen der japanischen und der deutschen Kultur, beispielsweise wenn sie in Berichten ihrer Kindheitserinnerungen \u00fcber die japanischen Baumgeister schreibt und die Vermutung anstellt, dass es sich wohl um dieselben Gesch\u00f6pfe handeln muss, die man um Hilfe anruft, wenn man in Deutschland \u201eauf Holz klopft\u201c.<br \/>\nSei es, dass sie beschreibt, wie die nachts hell erleuchteten Telefonzellen in Japan sie an ein Raumschiff erinnerten, oder aber sie dem Ph\u00e4nomen des fotografierenden Japaners auf den Grund zu gehen versucht, indem sie es mit dem alten Brauch des \u201eFuchsfensters\u201c vergleicht (hierbei formt man mit den H\u00e4nden ein Fenster vor dem Gesicht, durch das man in tiefer Natur hindurchsehen soll, um keine seelischen Grenzen zu \u00fcberschreiten und so den Verstand zu verlieren), die Autorin er\u00f6ffnet eine v\u00f6llig neue Sicht auf die Welt, die fasziniert, nachdenklich macht und manchmal vielleicht auch einfach nur verwirrt.<\/p>\n<p>Tawada Y\u00f4kos manchmal sehr k\u00fchler Schreibstil, kombiniert mit einer gespielter Naivit\u00e4t und ihr H\u00e4ndchen f\u00fcr das Spiel mit Worten ist ein literarischer Genuss f\u00fcr sich. Es muss aber auf jeden Fall gesagt werden, dass es sich hierbei nicht und seichte Unterhaltungsliteratur handelt und \u201eTalisman\u201c eine Sammlung von Texten f\u00fcr anspruchsvolle Leser ist, die auch bereit sind, einen schriftstellerische Leistung tiefergehend zu betrachten, um den literarischen Wert hinter manchmal sehr verwirrend wirkenden Texten zu finden.<\/p>\n<p>Mich pers\u00f6nlich haben Tawada Y\u00f4kos Texte sehr fasziniert und auch dazu angeregt, weitere ihrer Werke zu lesen, da ich dieselbe Leidenschaft f\u00fcr Wortspiele mit eigener und fremder Sprache teile. Trotz allem gab es jedoch den ein oder anderen Kurztext, der mich verwirrt hat und dessen Sinn sich mir nicht erschlie\u00dfen konnte, wobei ich mir jedoch nicht so sicher bin, ob zu den Texten der Autorin auch tats\u00e4chlich nur eine vorgefertigte Interpretation geh\u00f6rt, oder ob das nicht vielmehr der Sichtweise und der Fantasie des Lesers \u00fcberlassen ist.<br \/>\nIch kann \u201eTalisman\u201c jedem empfehlen, der eine Vorliebe f\u00fcr unkonventionelle Texte hat und sich von neuen Sichtweisen und Interpretationen bekannter Dinge faszinieren l\u00e4sst. Hat man jedoch Probleme damit, manchmal mehr verwirrt als \u201eerleuchtet\u201c zu werden und hat eher den Wunsch nach einfacher Unterhaltung, w\u00fcrde ich eher zu einem anderen Buch raten.<\/p>\n<p>Gina Di Dio<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Beitrag von Gina Di Dio stellte den Auftakt der neuen Kategorie Literatur unseres Weblogs dar. Wir freuen uns auf viele weitere interessante Berichte \u00fcber literarische Begegnungen. Buchrezension zu Tawada Y\u00f4kos \u201eTalisman\u201c (Konkursbuchverlag, 1996, 142 S.) In der Muttersprache sind die Worte den Menschen angeheftet, so da\u00df man selten spielerische Freude an der Sprache empfinden kann. [\u2026] In einer Fremdsprache hat man aber so etwas wie einen Heftklammerentferner: Er entfernt alles, was sich aneinanderheftet und sich festklammert. Dieser kurze Abschnitt aus Tawada Y\u00f4kos literarischem Werk \u201eTalisman\u201c beschreibt auf passende Art, wie die Autorin mit der uns so bekannten deutschen Sprache spielt, sie auseinandernimmt und zu farbenfrohen neuen Bildern zusammensetzt. In den 16 Essays der Sammlung er\u00f6ffnet sie dem Leser eine v\u00f6llig neue Sicht auf die eigene Muttersprache und regt dazu an, sich auf dieselbe Art von Fremdsprachen faszinieren zu lassen. Die Begeisterung f\u00fcr das Fremde l\u00e4sst sich bei der geb\u00fcrtigen Japanerin schon fr\u00fch erahnen, so fand sie mit jungen 22 Jahren ihren neuen Wohnort in Deutschland und begann schon wenige Jahre sp\u00e4ter literarische Texte &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[13,1735],"tags":[191,1854,190,1163,193,192,136],"class_list":["post-6604","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-featured","category-kunst-und-kultur","tag-diaspora","tag-gina-di-dio","tag-japanische-literatur","tag-literatur","tag-rezension","tag-talisman","tag-tawada-yoko"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6604","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6604"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6604\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14039,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6604\/revisions\/14039"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6604"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}