{"id":6064,"date":"2010-07-21T09:27:21","date_gmt":"2010-07-21T08:27:21","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=6064"},"modified":"2020-07-17T12:24:31","modified_gmt":"2020-07-17T10:24:31","slug":"trip-to-japan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=6064","title":{"rendered":"Trip to Japan"},"content":{"rendered":"<p>(Ein Beitrag von Christoph Winnefeld)<\/p>\n<p>Freunde der klassischen Musik werden wohl der \u00dcberschrift dieses (Reise-)Berichts eine Anlehnung an eine Dokumentation der Berliner Philharmoniker, deren \u201eTrip to Asia\u201c, entlesen. Wie es Sir Simon Rattle darin eingangs formuliert, ist es die Suche nach dem Einklang, die das Orchester treibt \u2013 namhaft in die Ferne \u2013, um sich schlie\u00dflich selbst zu finden. Es lie\u00dfe sich demnach an dieser Stelle gleichsam beschreiben, wie ich meiner selbst, in der Ferne, habhaft wurde, doch das ist eine Geschichte, die Sie nicht zu lesen und ich nicht zu schreiben gewillt bin.<\/p>\n<p>Erlauben Sie mir stattdessen, Sie, <em>in medias res<\/em>, zum Moment der Abnabelung, der Bewusstwerdung, zu f\u00fchren, als ich mich mit kleinem Gep\u00e4ck und gro\u00dfen Erwartungen am Gate eines Flughafens wiederfand. Eben wie Japan, w\u00e4hrend der vorausgegangenen Jahre meines japanologischen Studiums, eine Idee oder besser ein Konstrukt aus gesammeltem Wissen gewesen war, so war es auch der Gedanke, in Japan zu leben, zu studieren, den ich zu begreifen hatte. Und tats\u00e4chlich war es eine taktile Erfahrung, nach der ich mich sehnte. Gelebte Kultur vollzieht sich meist unartikuliert, wie nach einem Skript, das wir alle kennen. Es stellt sich uns schlicht nicht die Frage, wie, das hei\u00dft nach welchem Prozedere, wir morgens dem B\u00e4cker die Br\u00f6tchen entringen k\u00f6nnen. Sobald es jedoch hei\u00dft, Kultur zu repr\u00e4sentieren oder beispielsweise einem \u201cFremden\u201d zug\u00e4nglich zu machen, wird diese wort- und prestigetr\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Einmal angekommen, musste ich feststellen, dass sich mir die \u201cKultur Japans\u201d im Handumdrehen zu artikulieren begann: J-Pac (Japan Programm at Chiba). Die Universit\u00e4t Chiba bietet dem internationalen Studenten die M\u00f6glichkeit, sich, durch eine Auswahl an englischsprachigen Kursen, Zugang zur japanischen Kultur zu verschaffen. Neben Einf\u00fchrungen in Architektur und <em>cuisine<\/em>, bieten sich f\u00fcr praxisorientierte Studenten gleichwohl Einblicke in Japans wirtschaftliche Rolle innerhalb globaler M\u00e4rkte, doch Ber\u00fchrungen mit japanischen Studenten bleiben rar. Der Komfort des Austauschprogramms ist verf\u00fchrerisch, notwendige <em>credit points<\/em> lassen sich dort, wo sich eine helfende und im Umgang mit internationalen Studenten geschulte Hand stets in greifbarer N\u00e4he befindet, sammeln und somit unsichere Gew\u00e4sser umschiffen. Dementsprechend f\u00fchlt sich dagegen meine erste Vorlesung auf Japanisch tats\u00e4chlich nach kaltem Wasser an. Jedes unsanfte Erwachen durch einen kalten Guss, den ich w\u00e4hrend meiner Zeit an der Universit\u00e4t Chiba erleben musste, war wohl zweifellos durch sprachliche Inkompetenzen meinerseits begr\u00fcndet. Es waren jedoch beispielsweise Schlummerstunden in jenen H\u00f6rs\u00e4len, wie sie sonst nur japanische Studenten erleben d\u00fcrfen, die mir Ber\u00fchrungspunkte waren, und liebe Erinnerungen sind. Der Komfort der Universit\u00e4t, den man als internationaler Austauschstudent erleben darf, so muss ich an dieser Stelle bemerken, begr\u00fcndet sich jedoch auf dem unerm\u00fcdlichen Engagement vieler gro\u00dfartiger Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n<p>Raten will ich Ihnen nun, sollten Sie sich mit dem Gedanken tragen, Japan f\u00fcr sich begreifbar zu machen, zur Unbehaglichkeit \u2013 wenn man so will zur Abwegigkeit. Der Winter f\u00fchrt mich in die Berge, die ich auf schmalen Landstra\u00dfen und proportional schmalen Sitzpl\u00e4tzen l\u00e4ndlicher Reisebusse passiere, und schlie\u00dflich ist es an einem Busbahnhof, bzw. bei einem Kaffee \u2013 den ich zun\u00e4chst per Ticket (<em>shokken<\/em>) l\u00f6sen musste \u2013 das ich eine Realit\u00e4t der Reise bemerke: irgendwo unterwegs, ging nun auch mir das Skript verloren. Egal wie sehr ich versuche, dieses ersehnte taktile Rendezvous mit Fingerspitzengef\u00fchl zu versehen, muss ich doch feststellen, dass sich jeder Zusammensto\u00df wie ein Gewahrwerden der eigenen Unbeholfenheit anf\u00fchlt. Ich habe das Gef\u00fchl, meine Identit\u00e4t, und somit die Zug\u00e4nglich- bzw. Unzug\u00e4nglichkeit zu japanischem Leben, auf der Haut zu tragen. Ich werde gelesen, denke ich, als der Andere. Meine Sehnsucht hatte sich, ohne dass ich es bemerkt h\u00e4tte, artikuliert, hatte sich zu einem Verstehen-wollen ausgewachsen, fu\u00dfte wohl auf jenen gro\u00dfen Erwartungen, die ich im Gep\u00e4ck hatte, und nahm mir nun die Sicht.<\/p>\n<p>Tiefer in den Bergen, wahrscheinlich auf der Suche nach einem Perspektivenwechsel, finde ich ein altes <em>ryokan<\/em>.<em> <\/em>Die F\u00fc\u00dfe, die gerade noch durch frisch gefallenen Schnee gestoben waren, tauchen nun in hei\u00dfes Wasser, treffen schlie\u00dflich rauen Stein und ruhen. Gegen den Nachthimmel zeichnen sich Silhouetten schwarzer, schattenhafter B\u00e4ume, formen einen Wald. Habe ich mich nun selbst gefunden, oder eben nur das wonach ich gesucht habe? Langsam durchdringen Schneeflocken die, aus dem hei\u00dfen Wasser aufsteigenden, Dampfs\u00e4ulen, bevor sie h\u00f6rbar mit der Wasseroberfl\u00e4che verschmelzen und ich bin sicher, auf Japanisch gibt es eine Lautmalerei f\u00fcr diesen einen Klang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine nachdenkliche Nachlese vom Auslandsstudium an der Chiba Daigaku von Christoph Winnefeld&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":50,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1200],"tags":[1374],"class_list":["post-6064","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-austausch","tag-erfahrungsbericht"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/50"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6064"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6064\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6081,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6064\/revisions\/6081"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}