{"id":5798,"date":"2010-07-10T16:54:41","date_gmt":"2010-07-10T15:54:41","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=5798"},"modified":"2020-07-17T12:23:19","modified_gmt":"2020-07-17T10:23:19","slug":"zwischen-transkulturalitat-und-japanizitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=5798","title":{"rendered":"&#8222;Zwischen Transkulturalit\u00e4t und Japanizit\u00e4t&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hip-Hop-Nationalisten in Baggypants, phantastische Anime-Welten und \u201eSpaghetti-Manga\u201c \u2013\u00a0ein Workshop unseres Instituts am Freitag, 18. Juni, im Heinrich-Heine-Saal verdeutlichte, innerhalb welch gro\u00dfen Spektrums \u201ezwischen Transkulturalit\u00e4t und Japanizit\u00e4t\u201c japanische Popul\u00e4rkultur angesiedelt sein kann. Studierende und G\u00e4ste aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen diskutierten gemeinsam mit vier ReferentInnen \u00fcber aktuelle Tendenzen sowohl in den popul\u00e4rkulturellen Medien als auch in deren Rezeption im Ausland. <\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_5799\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?attachment_id=5799\" rel=\"attachment wp-att-5799\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5799\" class=\"wp-image-5799 size-full\" title=\"Referenten_web\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Referenten_web.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"292\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Referenten_web.jpg 1000w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Referenten_web-300x87.jpg 300w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Referenten_web-768x224.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5799\" class=\"wp-caption-text\">Spannende Vortr\u00e4ge gab es von: Hilaria G\u00f6ssmann, Stephan K\u00f6hn, Steffi Richter und Marco Pellitteri<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">An <strong>Hilaria G\u00f6ssmann<\/strong> kommt niemand vorbei, der sich wissenschaftlich mit japanischen Fernsehserien (terebi dorama) besch\u00e4ftigen m\u00f6chte. Die Japanologie-Professorin aus Trier hat zahlreiche Publikationen auf diesem Gebiet ver\u00f6ffentlicht und kann als die Expertin im gesamten westlichsprachigen Raum gelten. Ihr Vortrag widmete sich Repr\u00e4sentationen kultureller Differenzen in japanischen Fernsehdramen seit den 1990er Jahren und lieferte damit einen \u00dcberblick \u00fcber die dramaturgische Funktion, die Figuren aus anderen asiatischen L\u00e4ndern (v.a. China, Korea, Vietnam) in terebi dorama einnehmen k\u00f6nnen. In der Serie Doku (Fuji TV, 1996) zum Beispiel dient die vietnamesische Hauptfigur als eine Art \u201eRetter\u201c f\u00fcr die japanische Protagonistin Yuki, die ein lethargisches Leben als B\u00fcroangestellte f\u00fchrt. Insgesamt l\u00e4sst sich laut G\u00f6ssmann feststellen, dass Japan in den dorama eher f\u00fcr Modernit\u00e4t, Individualismus und Orientierungslosigkeit steht, w\u00e4hrend andere asiatische L\u00e4nder Traditionalit\u00e4t, Familienorientierung und Tatkraft repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Inzwischen lie\u00dfen sich aber auch schon Ans\u00e4tze zu einer \u00dcberwindung dieser Dichotomie zwischen Japan und Asien finden, erl\u00e4uterte G\u00f6ssmann. Ein Beispiel ist die Serie Smile (TBS, 2009), in der die (sehr unterschiedlichen) Diskriminierungserfahrungen von drei Hauptfiguren geschildert werden. Ob man bei den Ver\u00e4nderungen der Darstellung von asiatischen Figuren im terebi dorama seit 1990 tats\u00e4chlich von einer \u201eEntwicklung\u201c sprechen kann, wurde von den TeilnehmerInnen des Workshops kontrovers diskutiert.<\/p>\n<div id=\"attachment_5807\" style=\"width: 411px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?attachment_id=5807\" rel=\"attachment wp-att-5807\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5807\" class=\"size-full wp-image-5807 \" title=\"Publikum1_web\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Publikum1_web.jpg\" alt=\"\" width=\"401\" height=\"412\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Publikum1_web.jpg 668w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Publikum1_web-292x300.jpg 292w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Publikum1_web-291x300.jpg 291w\" sizes=\"(max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5807\" class=\"wp-caption-text\">Zum rege diskutierenden Publikum geh\u00f6rten Studierende, HHU-Kollegen und ausw\u00e4rtige Wissenschaftler(innen), die sich mit Japan, Popul\u00e4rkultur und Transkulturalit\u00e4t besch\u00e4ftigen.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Stephan K\u00f6hn<\/strong> von der Universit\u00e4t Erlangen, der derzeit eine Vertretungsprofessur an der Japanologie T\u00fcbingen innehat, kennen die D\u00fcsseldorfer Studierenden vor allem \u00fcber seine Arbeiten zu Manga und Traditionen visuellen Erz\u00e4hlens in Japan. In seinem Vortrag besch\u00e4ftigte er sich mit der \u201eTranskulturalit\u00e4t\u201c der Animationsfilme Miyazaki Hayaos und machte sich daf\u00fcr auf eine \u201eSpurensuche\u201c in der Rezeption des Werkes Sen to Chihiro no kamikakushi in der westlichen Presse. Wie K\u00f6hn herausstellte, setzten sich bei der Rezeption automatische kulturelle Zuschreibungsverfahren in Gang, die das Werk mit der Nationalit\u00e4t des Regisseurs in Zusammenhang brachten. W\u00e4hrend in Japan aufgrund der hohen Bekanntheit des Regisseurs und ausgiebig vorhandener \u201eSekund\u00e4rtexte\u201c in Form von PR-Kampagnen ziemlich klar gewesen sei, wie Sen to Chihiro zu verstehen ist, sei die westliche Rezeption sehr divers ausgefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hierbei spielte auch eine gro\u00dfe Rolle, dass Animationsfilme im Westen einen v\u00f6llig anderen kulturellen Stellenwert einnehmen als in Japan, wo das Medium nicht auf eine bestimmte Zielgruppe beschr\u00e4nkt ist und von Erwachsenen ebenso konsumiert wird wie von Kindern. Stephan K\u00f6hn pl\u00e4diert daher daf\u00fcr, bei der Untersuchung von Ph\u00e4nomenen wie Sen to Chihiro no kamikakushi immer die kulturelle Verortung des Mediums\/Genres und die Produktionsabsichten zu ber\u00fccksichtigen.<br \/>\nIn der Diskussion wies Stephan K\u00f6hn au\u00dferdem darauf hin, dass in der Wissenschaft mit Begriffen wie \u201eTranskulturalit\u00e4t\u201c oder \u201eHybridit\u00e4t\u201c in letzter Zeit sehr inflation\u00e4r umgegangen werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Steffi Richter<\/strong>, Professorin der Japanologie an der Universit\u00e4t Leipzig, begegnet allen, die sich mit japanischer Popul\u00e4rkultur auseinandersetzen, insbesondere \u00fcber zwei Werke, die sie gemeinsam mit Jaqueline Berndt herausgegeben hat: Reading Manga und das Japan-Lesebuch zum Thema J-Culture.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In J-Culture schreibt Steffi Richter in ihrem gleichnamigen Aufsatz \u00fcber die Verwobenheit des zurzeit vielzitierten \u201eCool Japan\u201c-Kampagne mit nationalkonservativen Diskursen, zu denen zum Beispiel Abe Shinz\u00f4s Buch und Kampagne Utsukushii kuni e (\u201eUnterwegs in ein sch\u00f6nes Land\u201c) geh\u00f6rt. Sie zeigt auf, dass japanische Popul\u00e4rkultur, deren weltweiten Erfolg zum Beispiel Iwabuchi K\u00f4ichi damit erkl\u00e4rt, dass sie \u201ekulturell geruchlos\u201c sei, durchaus auch zum Instrument einer nationalistisch ausgerichteten Kulturpolitik werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Tendenz war auch Thema ihres Vortrages unter dem Titel \u201eZwischen ,cool\u2018 und ,beautiful\u2018: Trans\/Nationalisierung von J-Culture\u201c. Anhand der Hip-Hop-Gruppe Arei Raise, die in enger Verbindung zum Yasukuni-Schrein steht, zeigte Richter auf, dass eindeutige Allianzen zwischen Herrschaftsdiskursen und popul\u00e4rkulturellen Akteuren bestehen k\u00f6nnen. Bei der Analyse von Ph\u00e4nomenen wie Arei Raise, aber auch Anime, Film, dorama usw. sei es wichtig, nicht nur eine reine Inhaltsanalyse vorzunehmen, sondern auch die performative Seite zu ber\u00fccksichtigen. Bei Arei Raise bedeute das konkret, neben den Liedtexten z.B. auch die medialen Besonderheiten des Musikvideos, das Outfit der Rapper und deren sozialen Hintergrund zu ber\u00fccksichtigen. Wichtig war es Steffi Richter in der anschlie\u00dfenden Diskussion auch zu betonen, dass f\u00fcr die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit japanischer Popul\u00e4rkultur ein transnationaler Erkl\u00e4rungsansatz n\u00f6tig sei. Die Japanologie-Studierenden lebten das als \u201ePop-Cosmopolitans\u201c vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Von <strong>Marco Pelliteri<\/strong>, Soziologe aus Italien, ist gerade ein sehr ausf\u00fchrliches Werk zur Rolle japanischer Popul\u00e4rkultur im europ\u00e4ischen Kontext erschienen: The Dragon and the Dazzle. Models, Strategies, and Identities of Japanese Imagination. Beim Workshop berichtete er dar\u00fcber, wie Anime und Manga in Italien historisch und gegenw\u00e4rtig rezipiert werden \u2013\u00a0ein interessantes Thema, wenn man bedenkt, dass in Italien schon fr\u00fcher ein umfassendes Angebot an japanischer Popul\u00e4rkultur verf\u00fcgbar war als in Deutschland. Matsumoto Reijis Galaxy Express 999 zum Beispiel wurde von 1978 bis 1981 in Japan produziert und erschien schon 1982 im italienischen Fernsehen, w\u00e4hrend es deutsche Fernsehzuschauer niemals zu sehen bekamen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Anlehnung an Kiyomitsu Yuki unterteilt Pelliteri die Aufnahme von Anime und Manga in Italien in vier (sich teilweise \u00fcberschneidende) Phasen: 1975 bis 1990 wurden sehr viele TV-Anime-Serien gesendet und es entwickelte sich \u2013 auch wenn dies von den japanischen Produzenten so niemals beabsichtigt gewesen war \u2013 bei den italienischen Zuschauern ein gewisser \u201e\u00e4sthetischer Sinn\u201c f\u00fcr diese Produkte. 1978 bis 1986 wurden au\u00dferdem Manga \u201eentdeckt\u201c und vor allem Jugendliche machten sich mit diesem Medium vertraut. Von 1989 bis 1999 macht Pellitteri eine Phase der systematischen Publikation von Manga aus, in der das Anime-Publikum sowohl zu Manga-Lesern als auch zu Manga-Herausgebern wurde. Seit 2000 erkennt der Soziologe eine Phase der \u201einteriorization\u201c und \u201ehybridization\u201c, was sich in Italien unter anderem im Erscheinen sogenannter \u201eSpaghetti-Manga\u201c \u2013 Comics im Manga-Stil von italienischen Zeichnern \u2013 zeige.<\/p>\n<p>Die rege Abschlussdiskussion wurde von den TeilnehmerInnen des Workshops auch beim gemeinsamen Abendessen fortgef\u00fchrt und es herrschte ein allgemeiner Konsens dar\u00fcber, dass solche Gelegenheiten zu fruchtbarem Austausch h\u00e4ufiger sein sollten. Michiko Mae und Annette Schad-Seifert planen daher eine regelm\u00e4\u00dfige Fortf\u00fchrung dieser Arbeitstreffen zur japanischen Popul\u00e4rkultur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hip-Hop-Nationalisten in Baggypants, phantastische Anime-Welten und \u201eSpaghetti-Manga\u201c \u2013\u00a0ein Workshop unseres Instituts am Freitag, 18. 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Ihr Vortrag widmete sich Repr\u00e4sentationen kultureller Differenzen in japanischen Fernsehdramen seit den 1990er Jahren und lieferte damit einen \u00dcberblick \u00fcber die dramaturgische Funktion, die Figuren aus anderen asiatischen L\u00e4ndern (v.a. China, Korea, Vietnam) in terebi dorama einnehmen k\u00f6nnen. In der Serie Doku (Fuji TV, 1996) zum Beispiel dient die vietnamesische Hauptfigur als eine Art \u201eRetter\u201c f\u00fcr die japanische Protagonistin Yuki, die ein lethargisches Leben als B\u00fcroangestellte f\u00fchrt. 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