{"id":4669,"date":"2010-02-17T16:20:02","date_gmt":"2010-02-17T15:20:02","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=4669"},"modified":"2020-07-17T12:11:42","modified_gmt":"2020-07-17T10:11:42","slug":"japan-auf-der-berlinale-caterpillar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=4669","title":{"rendered":"Japan auf der Berlinale: Caterpillar"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4808\" style=\"width: 171px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?attachment_id=4808\" rel=\"attachment wp-att-4808\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4808\" class=\"size-medium wp-image-4808\" title=\"Spiegelhlle_grote\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/Spiegelhlle_grote-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"161\" height=\"248\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4808\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Die Spiegelh\u00f6lle&#8220; mit Geschichten von Edogawa Rampo. (c) Maas<\/p><\/div>\n<p><em>\u201eUnd die Qualen des\u00a0arms<\/em> <em>eligen Kr\u00fcppels waren f\u00fcr sie nichts als ein Stimulans, von dem sie nie genug bekam.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Edogawa Rampo, der bekannteste Autor sogenannter <em>suiri sh\u00f4setsu<\/em> \u63a8\u7406\u5c0f\u8aac (literarisches Genre zwischen Krimi, Mystery und Horror), schildert in seiner 1929 erschienenen Geschichte <em>Imomushi<\/em> \u828b\u866b (&#8222;Die Raupe&#8220;) die Beziehung zwischen einer Frau und ihrem Ehemann, der aus dem Krieg zwar als hochdekorierter Held, aber auch als v\u00f6lliger Kr\u00fcppel nach Hause kehrt: Ihm fehlen Arme und Beine, er kann weder h\u00f6ren noch sprechen und sein Gesicht ist entstellt. In der tief verst\u00f6renden Erz\u00e4hlung dient der zum Fleischklumpen verkommene Mann der Frau als Spielzeug, das sie nach Belieben hervorholt und zur Lustbefriedigung nutzt.<\/p>\n<p>Ein schwieriger Stoff f\u00fcr eine filmische Umsetzung, an die sich nun\u00a0Wakamatsu K\u00f4ji gewagt hat. Ein zimperlicher Umgang war von Wakamatsu nicht zu erwarten, schlie\u00dflich blickt der 73-J\u00e4hrige auf eine lange Karriere als Regisseur von <em>pink eiga<\/em> und Exploitation-Filmen (z.B.\u00a0<em>Yuke yuke nidome no sh\u00f4jo<\/em>) zur\u00fcck. Mut bewies er unter anderem auch, als er 1976 \u00d4shima Nagisas Skandalfilm <em>Ai no corrida<\/em> (&#8222;Im Reich der Sinne&#8220;) produzierte.<\/p>\n<p>In seiner Edogawa-Rampo-Verfilmung &#8222;<a href=\"http:\/\/www.berlinale.de\/de\/programm\/berlinale_programm\/datenblatt.php?film_id=20106147\">Caterpillar<\/a>&#8222;, die im Wettbewerb der diesj\u00e4hrigen Berlinale l\u00e4uft, schreckt Wakamatsu nun auch nicht vor drastischen Bildern zur\u00fcck: Das Elend des Alltags in seinem ganzen Ausma\u00df, wiederholte Sexszenen mit dem schwer Kriegsversehrten \u2026 und \u00fcber allem wachen die Portraits des Tenn\u00f4 und seiner Frau, sozusagen als st\u00e4ndige Ermahnung, die Ehe zu ehren, zum Wohl des Vaterlandes.<\/p>\n<p>Wakamatsu verlegt die Geschichte in die letzten Kriegsjahre und l\u00e4sst sie nach der Radioansprache des japanischen Kaisers zur Kapitulation am 15. August 1945 enden. Die Pflege des Kr\u00fcppels, der im Dorf als <em>gunshin<\/em> \u8ecd\u795e (Kriegsgott) verehrt wird, wird f\u00fcr Shigeko, die Ehefrau, zu einer patriotischen Aufgabe. R\u00fcckblenden entlarven jedoch, was der <em>gunshin<\/em> tats\u00e4chlich an der Front getrieben hat: Brutal hat er mit Kameraden Chinesinnen vergewaltigt und get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Die Geschichte, die bei Edogawa vor allem von den sadistischen Phantasien der Ehefrau lebt,\u00a0entwickelt sich\u00a0bei Wakamatsu trotz heftiger Szenen eher als Drama denn als Horrorszenario. Shigeko ist kein d\u00e4monisches Wesen, die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihr Handeln werden offen dargelegt. Das Grauen, das am Ende zur\u00fcckbleibt, reicht daher auch weniger tief als bei der literarischen Vorlage. Viele Berlinale-Zuschauer\u00a0wollten sich die Qualen des Ehepaares dennoch nicht \u00fcber 90 Minuten antun und verlie\u00dfen vorzeitig den Saal.<\/p>\n<p>Was die filmische Qualit\u00e4t von &#8222;Caterpillar&#8220; betrifft, so sto\u00dfen ein wenig die Kriegs-R\u00fcckblenden auf, die stilistisch an billige Fernsehfilme erinnern.<\/p>\n<p>Vielleicht sollte man die\u00a0Auff\u00fchrung von &#8222;Caterpillar&#8220; vor allem als Ansto\u00df sehen, die grotesken Geschichten von Edogawa Rampo wieder einmal zur Hand zu nehmen und sich in seine literarischen Abgr\u00fcnde ziehen zu lassen. In deutscher \u00dcbersetzung ist eine feine Auswahl unter dem Titel &#8222;Die Spiegelh\u00f6lle&#8220; erschienen.<\/p>\n<p><em>Elisabeth Scherer<\/em><\/p>\n<p>Edogawa,\u00a0Rampo (2005): <em>Spiegelh\u00f6lle<\/em>. [\u00dcbersetzung Martina Berlin, Frank B\u00f6hling, Reiko\u00a0Sato, Ingrid Schuster.] Berlin: Maas.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnd die Qualen des\u00a0arms eligen Kr\u00fcppels waren f\u00fcr sie nichts als ein Stimulans, von dem sie nie genug bekam.\u201c Edogawa Rampo, der bekannteste Autor sogenannter suiri sh\u00f4setsu \u63a8\u7406\u5c0f\u8aac (literarisches Genre zwischen Krimi, Mystery und Horror), schildert in seiner 1929 erschienenen Geschichte Imomushi \u828b\u866b (&#8222;Die Raupe&#8220;) die Beziehung zwischen einer Frau und ihrem Ehemann, der aus dem Krieg zwar als hochdekorierter Held, aber auch als v\u00f6lliger Kr\u00fcppel nach Hause kehrt: Ihm fehlen Arme und Beine, er kann weder h\u00f6ren noch sprechen und sein Gesicht ist entstellt. In der tief verst\u00f6renden Erz\u00e4hlung dient der zum Fleischklumpen verkommene Mann der Frau als Spielzeug, das sie nach Belieben hervorholt und zur Lustbefriedigung nutzt. 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