{"id":26952,"date":"2026-02-02T16:52:25","date_gmt":"2026-02-02T14:52:25","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=26952"},"modified":"2026-02-02T17:20:19","modified_gmt":"2026-02-02T15:20:19","slug":"prof-annette-schad-seifert-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=26952","title":{"rendered":"Prof. Annette Schad-Seifert im Interview"},"content":{"rendered":"<p>Annette Schad-Seifert ist seit 2006 Professorin f\u00fcr Modernes Japan an unserem Institut. Nach ihrem Abitur studierte sie Japanologie mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung sowie Religionswissenschaften in Berlin. Im Anschluss promovierte sie schlie\u00dflich \u00fcber Fukuzawa Yukichi, einen fr\u00fchen Denker der Aufkl\u00e4rung in Japan. Frau Prof. Schad-Seifert arbeitete unter anderem an den Universit\u00e4ten Berlin und Leipzig sowie am Deutschen Institut f\u00fcr Japanstudien in Tokyo. Ihre Forschung besch\u00e4ftigt sich mit modernen Identit\u00e4ts- und Geschlechterfragen in Japan. Das Interview wurde von Dr. Ludgera Lewerich gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Erste Begegnung mit Japan \u2013 Als Austauschsch\u00fclerin im Homestay<\/strong><\/p>\n<p><em>Direkt zu Beginn, wie kam es eigentlich zu Ihrem Interesse an Japan und schlie\u00dflich zu der Entscheidung, das auch zu studieren?<\/em><\/p>\n<p>Ich komme aus dem Raum D\u00fcsseldorf, bin in Haan geboren und aufgewachsen. Als Sch\u00fclerin, mit etwa 16 Jahren, hatte ich Kontakt zu einer Familie, in der der Vater Japaner und die Mutter Deutsche war. Die Familie hatte f\u00fcnf Kinder und suchte eine Babysitterin. Ich bin dann regelm\u00e4\u00dfig dorthin gegangen und habe die Familie auch privat gut kennengelernt.<\/p>\n<p>Der Vater, Herr Hirata, fragte mich irgendwann, ob ich nicht Lust h\u00e4tte, nach dem Abitur nach Japan zu gehen. Das war Ende der 1970er Jahre \u2013 ich habe 1981 Abitur gemacht \u2013 und begann schon davor, Japanisch an der Volkshochschule in D\u00fcsseldorf zu lernen. Nat\u00fcrlich nur in begrenztem Umfang, aber immerhin. 1981 bin ich dann tats\u00e4chlich im Rahmen eines Homestays nach Japan gegangen.<\/p>\n<p><em>Wie lange waren Sie im Rahmen dieses Homestays in Japan, und wo genau?<\/em><\/p>\n<p>Ich war ein halbes Jahr dort. Zuerst zwei Monate in Tokyo, im Stadtteil Nerima-ku, bei einer Familie, und danach vier Monate in der N\u00e4he von Nagoya, in Aichi-ken, genauer gesagt in Kariya. Beide Familien waren gesch\u00e4ftlich \u00fcber den Rotary-Club verbunden.<\/p>\n<p>Die V\u00e4ter waren jeweils Inhaber eines Subkontraktunternehmens \u2013 das eine von Canon, das andere von Toyota. Dadurch hatten die Familien auch die finanziellen M\u00f6glichkeiten, jemanden im Rahmen eines Homestays aufzunehmen. Ich war ja noch keine Studentin, also wirklich einfach eine Austauschsch\u00fclerin.<\/p>\n<p><em>Und was haben Sie in dieser Zeit gemacht? Haben Sie in den Familien mitgeholfen oder eher Sprachkurse besucht?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe auch im Haushalt mitgeholfen, aber daneben viel unternommen. Ich durfte in einer der Firmen ein kleines Praktikum machen und habe an privaten Sprachschulen Japanischunterricht genommen \u2013 sowohl in Tokyo als auch sp\u00e4ter in Nagoya. Au\u00dferdem habe ich Kalligrafie-Kurse besucht und versucht, alles mitzunehmen, was ging.<\/p>\n<p>Als ich nach Japan kam, konnte ich praktisch kein Japanisch. Als ich zur\u00fcckkehrte, konnte ich immerhin ein bisschen \u2013 es war noch sehr begrenzt, aber ich hatte ein Fundament.<\/p>\n<p><em>Gibt es etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist von diesem ersten Aufenthalt?<\/em><\/p>\n<p>Ja, die zweite Familie, bei der ich gelebt habe, ist mir bis heute sehr wichtig \u2013 das ist wie meine japanische Familie. Der Vater ist leider fr\u00fch mit 55 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, an \u00dcberarbeitung, fast kar\u014dshi-\u00e4hnlich. Danach hat zun\u00e4chst die Mutter das Gesch\u00e4ft \u00fcbernommen, heute f\u00fchren es der \u00e4lteste Sohn und die \u00e4lteste Tochter, die ungef\u00e4hr in meinem Alter sind. Mit dieser Familie bin ich bis heute eng verbunden.<\/p>\n<p>Dort habe ich Japan sehr nah kennengelernt \u2013 mit all seinen sch\u00f6nen, aber auch schwierigen Seiten. Ich muss aber sagen, dass der Aufenthalt bei der ersten Familie problematisch war. Ich m\u00f6chte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber r\u00fcckblickend w\u00fcrde ich sagen, sie waren nicht wirklich bereit, mit jemandem aus einer anderen Kultur unter einem Dach zu leben. Sie waren sehr traditionell eingestellt und hatten irgendwann Schwierigkeiten mit mir.<\/p>\n<p>Ich war ja erst 19 Jahre alt, also nach japanischem Recht noch nicht vollj\u00e4hrig, und habe mich auch mit Freunden aus der Sprachschule getroffen \u2013 wir haben manchmal Bier oder Whiskey getrunken, und das gab dann \u00c4rger (lacht). Das kann man ruhig erz\u00e4hlen, als Beispiel f\u00fcr interkulturelle Missverst\u00e4ndnisse, die auftreten k\u00f6nnen, wenn man jung nach Japan geht.<\/p>\n<p><strong>Studium in Berlin \u2013 Der Weg in die Japanologie <\/strong><\/p>\n<p><em>Und nach Ihrer R\u00fcckkehr \u2013 war Ihnen da schon klar, dass Sie Japanologie studieren m\u00f6chten?<\/em><\/p>\n<p>Nein, zun\u00e4chst wollte ich Logop\u00e4die studieren. Ich habe mich beworben, aber die Wartezeiten waren lang \u2013 das war damals ein sehr gefragter Studiengang. Mein Vater war \u00fcbrigens strikt dagegen, dass ich Japanologie studiere. Trotzdem bin ich nach Bochum und Berlin gefahren, um mir die Japanologien dort anzusehen.<\/p>\n<p>Bochum hat mich von der Umgebung her nicht angesprochen \u2013 die Universit\u00e4t ist ja ein typisches Beispiel brutalistischer Architektur. Die Beratung durch Professor Lewin war allerdings sehr freundlich. In Berlin dagegen hat mich die Atmosph\u00e4re sofort \u00fcberzeugt. Das Institut befand sich damals in Dahlem, in einer alten Villa in der Podbielskiallee, und die R\u00e4ume hatten einen ganz besonderen Charme. Au\u00dferdem lebte mein \u00e4lterer Bruder bereits in Berlin, zu dem ich ein enges Verh\u00e4ltnis habe.<\/p>\n<p>Also habe ich mich an der Freien Universit\u00e4t Berlin eingeschrieben, im Wintersemester 1982. Mein Vater war nicht begeistert, aber ich habe mich bewusst f\u00fcr diesen Weg entschieden \u2013 auch, weil ich dort sofort einen Studienplatz bekommen habe.<\/p>\n<p><em>Wie kam es dann dazu, dass Sie an der Universit\u00e4t geblieben sind \u2013 also promoviert und sp\u00e4ter dort gearbeitet haben?<\/em><\/p>\n<p>Das war eigentlich nicht geplant. Man muss verstehen, dass wir damals zur sogenannten Post-68er-Generation geh\u00f6rten. Wir waren eher systemkritisch und hatten keine klaren Karrierepl\u00e4ne. Aber ich war immer ein sehr akademischer Mensch, und ich habe mich in der Universit\u00e4t gut zurechtgefunden.<\/p>\n<p>Mit dem Japanischunterricht kam ich gut klar \u2013 ich hatte ja schon Vorkenntnisse \u2013 und auch mit den anderen F\u00e4chern. Irgendwann fragte mich mein Professor, ob ich studentische Hilfskraft werden wolle. So fing es an. Ich arbeitete ihm in Forschungsprojekten zu, bekam erste Einblicke in wissenschaftliche Arbeit, und das hat mir sehr gefallen.<\/p>\n<p>1989 habe ich meinen Magisterabschluss gemacht \u2013 nach 13 Semestern, was damals ganz normal war. W\u00e4hrend meines Urlaubs nach dem Abschluss rief mich mein Professor an und bat mich, mich sofort bei ihm zu melden. Er bot mir dann eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an \u2013 v\u00f6llig \u00fcberraschend f\u00fcr mich, aber wohl auch, weil ich vorher schon Hilfskraft bei ihm gewesen war.<\/p>\n<p>Ich begann also dort zu arbeiten, promovierte nebenbei, allerdings zu einem anderen Thema als mein Doktorvater. Er war Politikwissenschaftler, kein Japanologe, und so wurde meine Arbeit zur politischen Ideengeschichte Japans \u2013 ein Thema an der Schnittstelle zwischen Japanologie und Politikwissenschaft.<\/p>\n<p><strong>Wi<\/strong><strong>ssenschaftliche Laufbahn \u2013 Zwischen Berlin, Leipzig, Tokyo und D\u00fcsseldorf<\/strong><\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-26953 aligncenter\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Screenshot-2026-01-19-at-15-35-30-\uff08\u8a9e\u308b-\u4eba\u751f\u306e\u8d08\u308a\u3082\u306e\uff09\u6689\u5cfb\u6dd1\u5b50\uff1a\uff11\uff10-\u5bfe\u7b49\u3067\u52a9\u3051\u3066\u304f\u308c\u305f\u3001\u30c9\u30a4\u30c4\u306e\u5b66\u751f\uff1a\u671d\u65e5\u65b0\u805e-300x160.png\" alt=\"\" width=\"558\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Screenshot-2026-01-19-at-15-35-30-\uff08\u8a9e\u308b-\u4eba\u751f\u306e\u8d08\u308a\u3082\u306e\uff09\u6689\u5cfb\u6dd1\u5b50\uff1a\uff11\uff10-\u5bfe\u7b49\u3067\u52a9\u3051\u3066\u304f\u308c\u305f\u3001\u30c9\u30a4\u30c4\u306e\u5b66\u751f\uff1a\u671d\u65e5\u65b0\u805e-300x160.png 300w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Screenshot-2026-01-19-at-15-35-30-\uff08\u8a9e\u308b-\u4eba\u751f\u306e\u8d08\u308a\u3082\u306e\uff09\u6689\u5cfb\u6dd1\u5b50\uff1a\uff11\uff10-\u5bfe\u7b49\u3067\u52a9\u3051\u3066\u304f\u308c\u305f\u3001\u30c9\u30a4\u30c4\u306e\u5b66\u751f\uff1a\u671d\u65e5\u65b0\u805e-1024x546.png 1024w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Screenshot-2026-01-19-at-15-35-30-\uff08\u8a9e\u308b-\u4eba\u751f\u306e\u8d08\u308a\u3082\u306e\uff09\u6689\u5cfb\u6dd1\u5b50\uff1a\uff11\uff10-\u5bfe\u7b49\u3067\u52a9\u3051\u3066\u304f\u308c\u305f\u3001\u30c9\u30a4\u30c4\u306e\u5b66\u751f\uff1a\u671d\u65e5\u65b0\u805e-768x410.png 768w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Screenshot-2026-01-19-at-15-35-30-\uff08\u8a9e\u308b-\u4eba\u751f\u306e\u8d08\u308a\u3082\u306e\uff09\u6689\u5cfb\u6dd1\u5b50\uff1a\uff11\uff10-\u5bfe\u7b49\u3067\u52a9\u3051\u3066\u304f\u308c\u305f\u3001\u30c9\u30a4\u30c4\u306e\u5b66\u751f\uff1a\u671d\u65e5\u65b0\u805e.png 1414w\" sizes=\"(max-width: 558px) 100vw, 558px\" \/><\/p>\n<p>Bild: Die heute emeritierte Professorin Itsuko Teruoka (Wirtschaftswissenschaften, Universit\u00e4t Tokyo) kam 1986 als Gastprofessorin an die Japanologie der FU Berlin; das Foto zeigt sie mit den Studierenden ihres Hauptseminars &#8211; mittig davon Professorin Schad-Seifert.<\/p>\n<p><em>Sie waren also erst in Berlin, dann in Leipzig und sp\u00e4ter in D\u00fcsseldorf. Gab es f\u00fcr Sie Unterschiede zwischen diesen Instituten \u2013 gerade, weil Berlin und Leipzig ja \u00e4ltere Einrichtungen sind als D\u00fcsseldorf?<\/em><\/p>\n<p>Ja, durchaus. Die Freie Universit\u00e4t Berlin wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unter amerikanischem Einfluss gegr\u00fcndet, stark nach dem Modell der <em>Area Studies<\/em>. Eigentlich war geplant, dass es gar keine klassische Japanologie mehr geben sollte, sondern nur Japanforschung, eingebettet in sogenannte Mutterdisziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie oder Geschichtswissenschaft.<\/p>\n<p>Ganz so kam es dann aber nicht. Schlie\u00dflich entstand doch wieder ein Ostasiatisches Seminar mit Japanologie, Sinologie und Koreanistik. Trotzdem war die Japanologie an der FU Berlin die erste in Deutschland, die eine deutlich sozialwissenschaftliche Ausrichtung hatte \u2013 auch personell.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde deshalb sagen, ich bin keine klassisch ausgebildete Japanologin. Ich habe zwar noch Bungo gelernt, aber nicht den gesamten traditionellen Kanon. Mein Studium war stark von sozial- und politikwissenschaftlichen Ans\u00e4tzen gepr\u00e4gt. Ich geh\u00f6re also zu einer der ersten Generationen, die st\u00e4rker sozialwissenschaftlich orientierte Japanforschung betrieben haben.<\/p>\n<p>Dann kam der Mauerfall 1989, und die Humboldt-Universit\u00e4t wurde wieder in das gesamtdeutsche Hochschulsystem integriert. Es gab also pl\u00f6tzlich zwei Japanologien in Berlin. Dadurch lernte ich auch die Ost-Berliner Kolleginnen und Kollegen kennen, darunter meine sp\u00e4tere Chefin und Freundin Steffi Richter, die erste Lehrstuhlinhaberin in Leipzig.<\/p>\n<p>Leipzig hatte eine besondere Geschichte: Es war die \u00e4lteste Japanologie Deutschlands, gegr\u00fcndet im Kaiserreich, sp\u00e4ter in der DDR aber komplett abgewickelt. Nach der Wende wurde sie mit Unterst\u00fctzung der Japan Foundation neu aufgebaut \u2013 kein v\u00f6lliger Neubeginn, aber ein Wiederaufbau im \u00fcbertragenen Sinn. Daran war ich direkt beteiligt.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit Steffi Richter konnten wir das Profil des Instituts neu ausrichten, stark beeinflusst von den <em>Modern Cultural Studies<\/em> \u2013 also der modernen Kulturwissenschaft. Diese Zeit war f\u00fcr mich unglaublich bereichernd. Ich habe dort sehr viel gelernt und profitiert und bin der Wiedervereinigung in diesem Sinne bis heute dankbar.<\/p>\n<p><em>Wann sind Sie dann nach D\u00fcsseldorf gekommen?<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Ende 2006. Davor war ich noch zwei Jahre am Deutschen Institut f\u00fcr Japanstudien (DIJ) in Tokyo \u2013 das war eine sehr wichtige Phase f\u00fcr mich. Ich war dort als Postdoc von 2005 bis Ende 2006. Schon 2003 hatte ich D\u00fcsseldorf kennengelernt, weil ich dort eine Lehrstuhlvertretung \u00fcbernommen hatte \u2013 die Stadt und das Umfeld haben mir sofort gefallen. Ich habe mich dann auf die Professur beworben: beim ersten Mal, auf die Stelle von Michiko Mae, wurde ich noch abgelehnt, aber bei der zweiten Bewerbung auf die W2-Professur hat es dann geklappt.<\/p>\n<p><em>Was ist vielleicht ein \u201clittle known fact\u201d \u00fcber die Arbeit als Professorin, den die meisten Leute gar nicht wissen, was aber so zu Ihrem Alltag geh\u00f6rt?<\/em><\/p>\n<p>Ja, also, ich muss dazu sagen, dass mir vorher, vor dem Schritt in die Professur, sehr vor der Arbeitsbelastung gegraut hat. Man muss schon sagen, die Arbeitsbelastung ist erheblich, weil wir eben nicht nur Lehre machen, sondern auch Selbstverwaltung, \u00c4mter \u00fcbernehmen m\u00fcssen und so weiter. Generell ist die Arbeit an der Universit\u00e4t nat\u00fcrlich eine selbstbestimmte Arbeit, wir d\u00fcrfen unsere Forschungsinhalte und die Lehrinhalte selbst ausw\u00e4hlen. Und das gibt uns eine gro\u00dfe kreative Freiheit. Zudem ist die Arbeit an so einem relativ \u00fcberschaubaren Institut, wie das in Japanologien \u00fcblich ist, eine ganz andere als wie z.B. in den Sozialwissenschaften.<\/p>\n<p>Zu \u201clittle known facts\u201d w\u00fcrde ich sagen: man w\u00e4chst mit seinen Aufgaben. Ich w\u00fcrde auch jetzt vor allen Dingen weiblichen Akademikerinnen die Botschaft mitgeben wollen: Wenn irgendwo euch sich eine T\u00fcr \u00f6ffnet, steckt den Fu\u00df hinein. Lass die T\u00fcr nicht zugehen! Es ist nicht so, dass ich jetzt an die T\u00fcr gewummert h\u00e4tte: \u201cMach mir auf!\u201d oder so &#8211; so war ich nicht. Ich habe es mir auch nicht immer so zugetraut Professorin zu werden. Aber man w\u00e4chst mit seinen Aufgaben. Man w\u00e4chst da hinein und es ist letztlich zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>Japanologie heute \u2013 Identit\u00e4t, Forschung und Zukunft des Fachs<\/strong><\/p>\n<p><em>Jetzt haben Sie ja gerade schon angedeutet, dass man eine gewisse Freiheit bei Forschungsschwerpunkten hat. Und bei Ihnen ist es ja so, dass Sie sich mit vielen unterschiedlichen Themen auseinandersetzen z.B. demografischer Wandel, soziale Schichten, Womenomics, M\u00e4nnlichkeitsbildern\u2026. was motiviert Sie auch \u00fcber so eine lange Zeit &#8211; meistens ja Jahre &#8211; sich damit zu besch\u00e4ftigen?<\/em><\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der Modern Cultural Studies interessieren mich im Grundsatz, wie moderne Identit\u00e4ten entstehen. Wir leben in einer Welt von Umbr\u00fcchen, Industrialisierung, Globalisierung und so weiter, wo Identit\u00e4tspolitik ein wichtiges Thema ist. Und es geht sozusagen um die Frage, wie reflektieren sich solche Br\u00fcche? Wie definieren sich Menschen? Wie definieren sich Menschen auch vor normativen Leitbildern und wie ver\u00e4ndern sie sich? Schon bei meiner Doktorforschung an Fukuzawa Yukichi, einem Aufkl\u00e4rer, der schon zum Ende des 19. Jahrhunderts die Modernisierung Japans zum modernen Nationalstaat begleitet hat, ging es schon um \u201cdanshiron\u201d &#8211; also Theorien oder Debatten \u00fcber japanische M\u00e4nner. Das fand ich schon sehr interessant. Und mir geht es dann weiter um Fragen wie, was ist das m\u00e4nnliche Ern\u00e4hrer-Modell? Welche Sozialpolitik m\u00f6chte das \u00fcberwinden, mit welchen Mitteln, und wie erfolgreich ist sie damit? Mein Doktorvater hat mich mal als \u201cFundamentalistin\u201d tituliert &#8211; nicht negativ oder religi\u00f6s gemein, sondern im Sinne davon, dass ich ein sehr gutes Sitzfleisch und einen sehr langen Atem habe, um an Themen zu bleiben.<\/p>\n<p><em>Warum lohnt es sich, sich auch auf einer individuellen Ebene mit Japan oder Japanologie zu besch\u00e4ftigen? Was kann man aus so einem Studium mitnehmen?<\/em><\/p>\n<p>Naja, Japan zum Beispiel ist ja die einzige Industrienation au\u00dferhalb Europas, die auch schon fr\u00fch einen Entwicklungsweg gegangen ist. Die sich nat\u00fcrlich an Europa orientiert hat, oder am \u201cWesten\u201d, aber sich sozusagen unter eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben modernisiert hat. Ich pers\u00f6nlich finde es sehr interessant, sich mit Kulturen oder eben L\u00e4ndern zu besch\u00e4ftigen, die au\u00dferhalb des europ\u00e4ischen Kontextes liegen. Das ist sehr bereichernd. Dar\u00fcber hinaus erwirbt man ja auch eine Expertise, die von hohem Wert ist. Nicht zuletzt Japanischkenntnisse zu haben ist von hohem Wert und ich denke, dass die Gesellschaft das auch wertsch\u00e4tzt, wenn man diese Expertise besitzt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist es ein Nischenfach, das muss man auch schon dazu sagen. Wenn ich mich dazu entschlie\u00dfe Japanologie zu studieren, ist das kein Mainstream-Fach, und dann ist das eben meine Entscheidung, aber ich fand das sehr lohnend.<\/p>\n<p><em>Wenn Sie so in die Zukunft blicken \u2013 Sie haben ja auch erz\u00e4hlt, Sie waren an vielen Instituten gewesen &#8211; gibt es irgendwelche Entwicklungen, die Sie sich f\u00fcr das Fach w\u00fcnschen w\u00fcrden oder die Sie vielleicht auch selber sehen?<\/em><\/p>\n<p>Ja, als ich in Leipzig zusammen mit Steffi Richter war, wollten wir eigentlich die Japanologie im klassischen Sinne abschaffen &#8211; das gebe ich ganz offen zu. Wir wollten Area Studies im Sinne der Cultural Studies schaffen, also sowas wie Transcultural Studies. Weil in Leipzig gibt es ja eine gro\u00dfe asien-wissenschaftliche Fakult\u00e4t. Letztlich haben wir das ja jetzt hier in D\u00fcsseldorf ein bisschen verwirklicht. Wir haben in der Fakult\u00e4t f\u00e4cher\u00fcbergreifende Studieng\u00e4nge, wie z.B. Transkulturelle Studien, das finde ich gut, aber es ist auch eine hohe Herausforderung. Wir d\u00fcrfen nicht aus den Augen verlieren, dass diese Identit\u00e4t der F\u00e4cher dabei erhalten bleiben muss. Aber ich finde es sehr lohnend, f\u00e4cher\u00fcbergreifende Inhalte, Forschung und Lehre anzubieten. Da sehe ich auch die Herausforderung f\u00fcr die Japanologie in der Zukunft.<\/p>\n<p><em>Letzte Frage, wo findet man Sie denn, wenn Sie nicht im B\u00fcro oder Zuhause am Schreibtisch sitzen?<\/em><\/p>\n<p>Ja, also drau\u00dfen in der Natur. Ich bin ein sehr bewegungsfreudiger Mensch und ich gehe gerne wandern und walken. Und ich mache gerne Campingurlaub.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ein Interview mit Prof. Annette Schad-Seifert.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annette Schad-Seifert ist seit 2006 Professorin f\u00fcr Modernes Japan an unserem Institut. 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