{"id":18509,"date":"2018-10-01T13:32:49","date_gmt":"2018-10-01T11:32:49","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=18509"},"modified":"2020-09-08T09:13:54","modified_gmt":"2020-09-08T07:13:54","slug":"und-woher-kommen-sie-denn-queer-als-transkulturelle-kategorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=18509","title":{"rendered":"Und woher kommen Sie denn? \u2013\u00a0Queer als transkulturelle Kategorie"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_18511\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18511\" class=\"wp-image-18511\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Queerying_Japan_33.jpg\" alt=\"Queerying_Japan_33\" width=\"600\" height=\"408\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Queerying_Japan_33.jpg 2048w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Queerying_Japan_33-300x204.jpg 300w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Queerying_Japan_33-1024x697.jpg 1024w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Queerying_Japan_33-768x522.jpg 768w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Queerying_Japan_33-1536x1045.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><p id=\"caption-attachment-18511\" class=\"wp-caption-text\">Vera Mackie bei ihrem Vortrag. Foto: Vu Thuy Doan Huynh<\/p><\/div>\n<p><strong>In unserer Serie von studentischen Beitr\u00e4gen zur Konferenz <a href=\"http:\/\/queerying-japan.hhu.de\/\">&#8222;Queerying Japan&#8220;<\/a> (6.\u20137. Juli 2018) ging es bisher um <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=18393\">M\u00e4rkte und Konsum<\/a> sowie um die <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=18469\">&#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220;<\/a>. Heute schlie\u00dft Matthias D\u00fcking die Reihe mit einem Beitrag \u00fcber das Konzept der sexuellen B\u00fcrgerschaft ab. Er berichtet vor allem von dem Vortrag von Vera Mackie und nimmt Stellung zu ihren Thesen.<\/strong><\/p>\n<p>Nun gibt es in Deutschland Politiker, die Grenzen \u00f6ffnen und andere, die Grenzen schlie\u00dfen wollen. Im letztgenannten Lager schwellen Tendenzen in verschiedene Richtungen an, um eine Form der Grenzziehung zu finden. Verhandelt wird dabei nicht nur die geografische Grenzhaltung, sondern auch die Grenzen vom Begriff der vermeintlichen einen&nbsp; Kultur.<br \/>\nDie entbrannten Diskurse \u00fcber Werte und Kultur in Deutschland suchen nach Bedeutung und haben unter anderem die Freiheit als wichtige S\u00e4ule ausgemacht. In Deutschland werden Diskurse gef\u00fchrt, die sich, um Kultur zu machen, mit kultureller Pluralit\u00e4t und Gender auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang habe ich die Vortr\u00e4ge des Symposiums \u201eQueering Japan\u201c am Nachmittag des 6. Juli in D\u00fcsseldorf besucht und geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Als zentraler Angelpunkt der Pr\u00e4sentationen steht der Begriff <em>queer<\/em>. Der Ausdruck ist vor allem im Hinblick auf die kulturelle Theorie der Queer Studies prominent, welche die Verh\u00e4ltnisse in der Triade zwischen den Begriffen des biologischen Geschlechts, Gender und Begehren untersucht. Queer soll hier als ein Sammelsurium von Identit\u00e4tskonzepten verstanden werden, die zwar nicht der (hetero)normativen Gesellschaft entsprechen, aber dennoch eine lustvolle Existenz erzeugen k\u00f6nnen. In den verschiedenen Programmpunkten des Symposiums wurden&nbsp; Reibungen beleuchtet, die unter diesen Gesichtspunkten zwischen Individuum und Gesellschaft entstehen k\u00f6nnen. Dabei kamen den Ph\u00e4nomenen in Japan nat\u00fcrlich besonderes Interesse zu, beschr\u00e4nkten sich jedoch nicht nur auf diese.<\/p>\n<p>So hat Vera Mackie in ihrem Vortrag das Konzept der sexuellen B\u00fcrgerschaft vorgestellt und hinterfragt, was einen legalen Status in einem Staat ausmacht. Teilhabe an Staatsgeschehen oder an dessen gesellschaftliche Entwicklung kann \u00fcber verschiedene Formen von Interventionen und an verschiedenen Orten erfolgen. Daf\u00fcr m\u00fcssen allerdings zun\u00e4chst Rechte erlassen werden, welche Menschen die Freiheit an Teilhabe erst erm\u00f6glichen kann. So berichtet Mackie, dass in Australien zum Beispiel Frauen 1901 in den Genuss eines neuen Rechts kommen konnten, durch welches sie im Parlament sitzen und sie somit politische Akteurinnen werden konnten. So gesehen kann Freiheit als ein vom Staat gegebenes Recht verstanden werden, dass sich in der Gesellschaft entfalten muss. <!--more--><\/p>\n<p>Nach Mackie ist die sexuelle B\u00fcrgerschaft in jedem B\u00fcrger pr\u00e4sent und \u00e4u\u00dfert sich in verschiedenen Facetten. So kann aber die m\u00e4nnliche B\u00fcrgerschaft als Patriarch oder als Ehemann verstanden werden und verweist damit auf ein normatives und vergeschlechtliches Verhaltensset. Trotz der unabdingbaren Existenz der Kategorie der sexuellen B\u00fcrgerschaft zeigt das m\u00e4nnliche Set auf, dass B\u00fcrgerschaft&nbsp; nicht die gleichen Rechte f\u00fcr alle beinhaltet. Zwar werden alle Staatsangeh\u00f6rigen pauschal durch Geschlecht und Sexualit\u00e4t in einer sexuellen B\u00fcrgerschaft erfasst. Das Konzept zeigt aber auf, dass Staatsangeh\u00f6rigkeit nicht Gleichberechtigung, sondern eine Differenzierung innerhalb der Bev\u00f6lkerung bezeichnet.<\/p>\n<p>Mackie f\u00fcgt hinzu, dass dem Konzept des Staates Familie zu Grunde liegt. Diese Grundlage war besonders pr\u00e4gend in der Staatenbildung in der Moderne, in denen die Familie mit der Trennung der Arbeits- und Wirkbereiche des Mannes und der Frau die Reproduktion und damit den Bestand des Staates gew\u00e4hrleisten sollten. Die Idee der sexuellen B\u00fcrgerschaft steckt den Bereich der Norm ab, skizziert diesen anhand von Sexualit\u00e4t und diktiert einen Vertrag, der in der Bildung von Familie m\u00fcndet und so mit der Idee des Staates korreliert.<br \/>\nIn dieser Sph\u00e4re gilt es also zu hinterfragen, wie nicht nur sexuelle Orientierungen sondern auch Menschen in alternativen Familienformen eingestuft und als Teil der Gesellschaft betrachtet werden k\u00f6nnen, die nicht dieser Norm entsprechen. Als Beispiel f\u00fcr den Fall sexueller Orientierung nennt Mackie eine homosexuelle Frau, die wegen ihrer Sexualit\u00e4t und Lebensweise ihren Status als g\u00fcltige Staatsb\u00fcrgerin verteidigen muss. Wenn es inmitten der Gesellschaft Japans, als deren Grundpfeiler die Kernfamilie verstanden werden kann, eine gro\u00dfe Anzahl von Single-Haushalten gibt, dann, so Mackie, erf\u00fcllen die darin ans\u00e4ssigen Personen damit auch nicht den Familienvertrag der sexuellen B\u00fcrgerschaft. Problemstellungen im Bezug auf sexuelle B\u00fcrgerschaft entwickeln sich also nicht nur anhand von Sexualit\u00e4t und K\u00f6rpern, sondern auch durch soziale Praktiken.<\/p>\n<p>Wenn also vom Begriff queer gesprochen wird, inkludiert dieser auch jene Gruppen, die im Sinne des Konzeptes des sexuellen B\u00fcrgerschaft die eigene Legitimit\u00e4t als Teil der Gesellschaft rechtfertigen m\u00fcssen, bevor diese als gesellschaftliches Mitglied anerkannt werden. So gesehen erweist sich der Begriff queer insofern als fruchtbar, als dass er in seiner offenen Disposition starre und exkludierende Normen anhand individueller Identit\u00e4tsentw\u00fcrfe aufzeigt. Diese Vielfalt spiegelte sich auch in den teils kultur\u00fcbergreifenden, teils kulturspezifischen Themen des Symposiums wider. Es wurde so gezeigt, dass in dieser Zusammenf\u00fchrung im breiten Spektrum des Begriffs queer ein erster Weg geschaffen werden kann, der kulturelle Differenz nicht als Grenze, sondern als Verbindung zwischen den Menschen produktiv macht. Unterschiede zum Anlass zu nehmen, einen Dialog zu erschaffen statt sich voneinander zu isolieren k\u00f6nnte auch eine M\u00f6glichkeit sein, sich wieder zu begegnen und den Begriff von Kultur in Deutschland zu aktualisieren.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt die Frage an dieser Stelle offen, wie man in diesem Netzwerk weiter agieren kann. Das Symposium schafft Verbindungen und erzeugt durch die Vortr\u00e4ge Sichtbarkeiten von Identit\u00e4ten, die von Gesellschaften marginalisiert wurden. Wenn Dorothee de Neve schlie\u00dflich in ihrem Vortrag alle deutschen Politiker aufz\u00e4hlt, die sich als homosexuell geoutet haben und den Namen des einen schwulen Mannes nicht nennt, der zur Zeit Bundesminister f\u00fcr Gesundheit und damit Regierungsmitglied ist, muss die Frage gestellt werden, ob jede Sichtbarkeit von queer im \u00f6ffentlichen Leben einen Beitrag zur Zusammenf\u00fchrung der Menschen leisten kann oder ob bestimmte Selbstdarstellungsweisen und Standpunkte im Sammelsurium queer kontraproduktiv sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland fordert de Neve zum Schluss ihres Vortrages aktives Einstehen f\u00fcr queere Identit\u00e4ten. In diesem Sinne w\u00e4ren Bekenntnisse zur eigenen Identit\u00e4t innerhalb des Symposiums zum einen ein bekennender Ausdruck vom Recht auf Freiheit gewesen und h\u00e4tte zum anderen die Sichtbarkeit von queer \u00fcber die Vortr\u00e4ge hinaus erh\u00f6ht. Ich bin schwul. Ich bin lesbisch. Ich bin hetero. Ich bin bi. Ich bin trans. Ich bin queer.<\/p>\n<p><em>Matthias D\u00fcking<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In unserer Serie von studentischen Beitr\u00e4gen zur Konferenz &#8222;Queerying Japan&#8220; (6.\u20137. Juli 2018) ging es bisher um M\u00e4rkte und Konsum sowie um die &#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220;. Heute schlie\u00dft Matthias D\u00fcking die Reihe mit einem Beitrag \u00fcber das Konzept der sexuellen B\u00fcrgerschaft ab. Er berichtet vor allem von dem Vortrag von Vera Mackie und nimmt Stellung zu ihren Thesen. Nun gibt es in Deutschland Politiker, die Grenzen \u00f6ffnen und andere, die Grenzen schlie\u00dfen wollen. Im letztgenannten Lager schwellen Tendenzen in verschiedene Richtungen an, um eine Form der Grenzziehung zu finden. Verhandelt wird dabei nicht nur die geografische Grenzhaltung, sondern auch die Grenzen vom Begriff der vermeintlichen einen&nbsp; Kultur. Die entbrannten Diskurse \u00fcber Werte und Kultur in Deutschland suchen nach Bedeutung und haben unter anderem die Freiheit als wichtige S\u00e4ule ausgemacht. In Deutschland werden Diskurse gef\u00fchrt, die sich, um Kultur zu machen, mit kultureller Pluralit\u00e4t und Gender auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang habe ich die Vortr\u00e4ge des Symposiums \u201eQueering Japan\u201c am Nachmittag des 6. Juli in D\u00fcsseldorf besucht und geh\u00f6rt. 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