{"id":18094,"date":"2018-05-22T15:34:57","date_gmt":"2018-05-22T13:34:57","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=18094"},"modified":"2020-07-17T13:00:34","modified_gmt":"2020-07-17T11:00:34","slug":"unterricht-zu-sechst-ein-besuch-an-den-schulen-von-hikimi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=18094","title":{"rendered":"Unterricht zu sechst? Ein Besuch an den Schulen von Hikimi"},"content":{"rendered":"<p>[slideshow_deploy id=&#8217;18096&#8242;]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir setzen heute unsere Serie \u00fcber die Exkursion nach Shimane fort, die MA-Studierende in den letzten Semesterferien zusammen mit Prof. Shingo Shimada unternommen haben. Denise Schieberl berichtet \u00fcber Besuche an zwei Schulen, die den demographischen Wandel f\u00fcr die Teilnehmer\/innen deutlich greifbar gemacht haben.&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen unserer Shimane-Exkursion besuchten wir am zweiten Tag die Grundschule sowie die Mittelschule von Hikimi und erhielten so interessante Einblicke in den Alltag der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, der sichtlich von den Konsequenzen des Bev\u00f6lkerungsschwundes in der Region beeinflusst ist \u2013 denn Hikimi gilt als ein Ort in Japan, f\u00fcr den der Begriff<em> kaso<\/em> (zu deutsch: Entv\u00f6lkerung) besonders charakteristisch ist.<\/p>\n<p>Zuerst fuhren wir zur Grundschule von Hikimi und wurden dort vom Direktor herzlich begr\u00fc\u00dft. In einer kurzen Einf\u00fchrung erfuhren wir erste spannende Dinge \u00fcber die Besonderheiten der Institution, in welcher aktuell insgesamt nur 22 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aus eigentlich sechs Jahrgangsstufen unterrichtet werden \u2013 eigentlich. Denn an der Schule gibt es mittlerweile so wenige Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, dass Klassen zusammengefasst werden mussten. So werden jeweils Erst- und Zweitkl\u00e4ssler, Dritt- und Viertkl\u00e4ssler, sowie F\u00fcnft- und Sechstkl\u00e4ssler gemeinsam unterrichtet \u2013 und statt der wie f\u00fcr japanische Grundschulen sonst \u00fcblichen sechs Klassen gibt es in Hikimi eben nur noch drei. Andernfalls s\u00e4\u00dfen in der zweiten Klasse beispielsweise nur zwei Sch\u00fcler; zusammengefasst mit den Sch\u00fclern der ersten Klasse sind sie aber immerhin zu sechst.&nbsp;<!--more--><\/p>\n<p>Der Lehrplan, welcher an allen Schulen Japans derselbe ist, sei auch der, nach welchem die Kinder an der Grundschule in Hikimi unterrichtet werden. Laut dem Direktor gebe es bez\u00fcglich der Lehrinhalte keinen Unterschied, egal ob die Sch\u00fcler nun an einer Grundschule in Tokyo oder eben an der Grundschule in Hikimi unterrichtet werden. Was allerdings den Einsatz neuer Technik wie Tablets im Unterricht angeht, ist die Hikimi-Grundschule anderen Schulen \u2013 auch im Vergleich zu urbanen Gebieten \u2013 sogar etwas voraus: Aufgrund der geringen Anzahl der Sch\u00fcler konnten hier in einem Projekt, das nun bereits im zweiten Jahr l\u00e4uft, digitale Lernans\u00e4tze f\u00fcr alle Klassen der Grundschule erprobt werden, ohne dass direkt 30 Tablets pro Klasse angeschafft werden mussten, wie es an anderen Schulen der Fall gewesen w\u00e4re. Diese Methode des active learning wird zum Beispiel im Mathematikunterricht eingesetzt. Auch an der Mittelschule von Hikimi findet diese neue Technologie Anwendung in der Unterrichtsgestaltung. Gef\u00f6rdert wird das Projekt vom Bildungsausschuss der Stadt Masuda, der Gakugei-Universit\u00e4t Tokyo (Hochschule f\u00fcr P\u00e4dagogik), sowie der Firma Toshiba.<\/p>\n<p>Im Unterricht wird ein gewisser Fokus auch auf die Besonderheiten der Region gelegt. So haben die Dritt- und Viertkl\u00e4ssler beispielsweise selbst eine Brosch\u00fcre gestaltet, in der sie f\u00fcr ihre Heimat typische Dinge wie Wasabi, Kagura (eine in Shimane sehr popul\u00e4re traditionelle Theaterform mit Tanz und musikalischer Begleitung; siehe hierzu den <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=18042\">Artikel von Thomas Ladurner<\/a>) oder das Hikimi-Onsen, die \u00f6rtliche hei\u00dfe Quelle, vorstellen \u2013 alles handgeschrieben und mit selbstgemalten Bildern verziert. Und es gibt weitere Unterschiede im Vergleich zum Alltag an Schulen mit h\u00f6heren Sch\u00fclerzahlen, zum Beispiel in den St\u00e4dten. Den dort durchaus \u00fcblichen Besuch der <em>juku<\/em>, der Nachhilfeschule nach dem regul\u00e4ren Unterricht, gibt es in Hikimi nicht \u2013 daf\u00fcr aber aufgrund der niedrigen Sch\u00fclerzahlen eine umso intensivere Betreuung durch die Lehrerinnen und Lehrer. Diese kommen \u00fcbrigens fast alle aus der n\u00e4chsten gr\u00f6\u00dferen Stadt Masuda; keine der Lehrkr\u00e4fte wohnt direkt in Hikimi. Selbst in den kleinen Dingen zeigen sich weitere Unterschiede und Herausforderungen, an die man auf den ersten Blick nicht denken w\u00fcrde: Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler haben beispielsweise beim Sportunterricht Probleme damit, Mannschaften zu bilden, da sie schlicht und einfach zu wenige sind.<\/p>\n<p>Nach dieser Einf\u00fchrung, in der wir schon viele interessante Dinge erfuhren, wurden wir in zwei Gruppen eingeteilt und machten uns auf den Weg in die Klassenzimmer, um uns den Ablauf des Unterrichts anzuschauen. Dort hatten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler bereits extra f\u00fcr uns kleine Kunstwerke an die Tafel gemalt: Bilder von Baumkuchen und Wei\u00dfw\u00fcrsten, aber auch von Doraemon, Kappa und Kagura erwarteten uns. In der ersten Unterrichtsstunde schrieben die Kinder selbst erdachte Haiku und trugen sie uns vor. Die Themen hatten sie vorher gemeinsam gesammelt; es drehte sich alles um die Heimat der Kinder. So schrieben sie \u00fcber das klare Wasser von Hikimi, den k\u00f6stlichen Wasabi, f\u00fcr den die Region bekannt ist, und nat\u00fcrlich \u00fcber Kagura.<\/p>\n<p>Danach ging es weiter in die n\u00e4chste Klasse, in der die Kinder uns traditionelle Spiele vorf\u00fchrten, die wir dann auch selbst einmal ausprobieren durften \u2013 mit mehr oder weniger gro\u00dfem Erfolg, denn es war zum Beispiel gar nicht so einfach, beim <em>kendama<\/em> die an einem kurzen Seil befestigte Holzkugel mit dem Griff aufzufangen. Da waren uns die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler haushoch \u00fcberlegen. Au\u00dferdem bekamen wir von den Kindern gezeigt, wie man Origami faltet oder mit welcher Technik man mit Pinsel und Tusche die japanische Kalligraphie am besten meistern kann \u2013 auch hier hatten die Kinder eindeutig mehr \u00dcbung. Zur St\u00e4rkung a\u00dfen wir noch alle gemeinsam in einem Klassenzimmer zu Mittag. Anschlie\u00dfend wurde ordentlich aufger\u00e4umt. Die leeren Milchpackungen wurden sorgf\u00e4ltig aufgeschnitten und gr\u00fcndlich mit Wasser ausgesp\u00fclt, bevor sie, streng vom anderen M\u00fcll getrennt, entsorgt wurden.<\/p>\n<p>Ganz zum Schluss unseres Besuches versammelten wir uns alle in der Turnhalle, in der es aufgrund ihrer Gr\u00f6\u00dfe besonders kalt war, und es war offensichtlich, dass sie eigentlich f\u00fcr eine viel gr\u00f6\u00dfere Anzahl an Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern konzipiert war. Die in chronologischer Reihenfolge aufgeh\u00e4ngten Klassenfotos auf dem Flur, die uns auf dem Weg in die Halle schon aufgefallen waren, zeigten deutlich, wie die Sch\u00fclerzahl \u00fcber die letzten Jahre und Jahrzehnte hinweg immer weiter geschrumpft ist. In der Halle spielten wir alle zusammen noch ein paar Spiele. Zun\u00e4chst Schnick-Schnack-Schnuck in Gruppen und zum Schluss ein vom Prinzip her \u00e4hnliches Spiel, bei der sich jede Gruppe f\u00fcr eine von drei m\u00f6glichen Posen \u2013 Samurai, Gro\u00dfmutter oder Tiger \u2013 entscheiden und gegen eine andere Gruppe antreten musste. Samurai schl\u00e4gt Tiger, Tiger schl\u00e4gt Gro\u00dfmutter und Gro\u00dfmutter schl\u00e4gt Samurai. Alle hatten ihren Spa\u00df und waren am Ende etwas aufgew\u00e4rmt.<\/p>\n<p>Nach dem Abschiedsgruppenfoto, das die Kinder f\u00fcr jeden von uns noch mit selbstgemalten Bildern verzierten und uns \u00fcberreichten, machten wir uns zu Fu\u00df auf zur n\u00e4chsten Schule, der Hikimi-Mittelschule. Hier durften wir mit feierlicher Hintergrundmusik in die Turnhalle einziehen, wo uns bereits Sch\u00fclerinnen, Sch\u00fcler und Lehrerpersonal erwarteten und applaudierten. Und ebenso wie in der Grundschule zuvor erschien auch hier die Halle viel zu gro\u00df f\u00fcr die nicht allzu vielen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Nach der Vorstellungs- und Begr\u00fc\u00dfungsrunde erwartete uns auf der B\u00fchne der Turnhalle eine Iwami-Kagura-Auff\u00fchrung einiger Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die der Vorstellung der Erwachsenen, welche wir am Abend zuvor gesehen hatten, in nichts nachstand. Die sch\u00f6ne Prinzessin Inada wurde ihrer Familie von einer b\u00f6sartigen achtk\u00f6pfigen Riesenschlange entrissen, doch der heldenhafte Gott Susanoo macht sich auf, sie mit seinen Kampfk\u00fcnsten und einer gewieften List zu befreien. Untermalt wurde das Spektakel von dramatischer Musik, ebenfalls professionell auf Trommeln und Fl\u00f6ten von vier Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gespielt.<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Auff\u00fchrung durften wir selbst einmal in die Kost\u00fcme schl\u00fcpfen und uns an den Instrumenten versuchen. Besonders die Kost\u00fcme der Riesenschlangen waren zwar beeindruckend gestaltet, doch bestachen sie nicht gerade durch Komfort: Der K\u00f6rper bestand aus einem langen, unhandlichen Schlauch, der einem auf den R\u00fccken gebunden wurde, dazu wurde der Schlangenkopf wie ein schwerer, wackeliger Helm auf den Kopf gesetzt. Man sah kaum etwas und auch das Tanzen, welches zuvor bei den Kindern so leicht ausgesehen hatte, erwies sich als schwierig. Doch wer kann schon von sich behaupten, einmal das Kost\u00fcm eines echten Iwami-Kagura getragen zu haben?<\/p>\n<p>Aber damit war das Programm noch nicht beendet. Als n\u00e4chstes lauschten wir den Kl\u00e4ngen zweier Kotos, die im Duett von zwei Sch\u00fclerinnen gespielt wurden. Und nat\u00fcrlich durften wir auch nach dieser Darbietung wieder selbst ran. Wir versuchten uns an dem wohl bekanntesten Koto-St\u00fcck \u201eSakura, Sakura\u201c. Aber hier bereitete nicht nur das Lesen der speziellen Noten Probleme, auch die Handhabung der sogenannten <em>tsume<\/em>, der Plastikpl\u00e4ttchen f\u00fcr die Finger, war nicht leicht. Zu guter Letzt begeisterten uns die Kinder noch mit einer dynamischen Taiko-Vorf\u00fchrung und auch wir durften zum Schluss noch einmal kr\u00e4ftig trommeln, ehe wir \u2013 von derselben Musik wie bei unserem \u201eEinzug\u201c begleitet \u2013 den R\u00fcckweg antraten.<\/p>\n<p>Alles in allem war der Besuch der beiden Schulen ein ganz besonderes Erlebnis, wobei wir alle viele neue Erfahrungen machen durften, Einblicke erhielten, die uns sonst verwehrt geblieben w\u00e4ren, und aus erster Hand viel \u00fcber den Alltag von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern aus einem von Entv\u00f6lkerung bedrohten Ort wie Hikimi lernen konnten. Und dank der erstaunlichen Offenheit und dem Elan der Kinder kam auch der Spa\u00df nicht zu kurz.<\/p>\n<p><em>Denise Schieberl<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Links <\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.iwami.or.jp\/hikimi_s\/\">Homepage der Hikimi-Grundschule<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/blog.livedoor.jp\/hikimisyo\/\">Blog der Hikimi-Grundschule<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.iwami.or.jp\/hikimi_j\/\">Homepage der Hikimi-Mittelschule<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/blog.livedoor.jp\/hikimi_j\/\">Blog der Hikimi-Mittelschule<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[slideshow_deploy id=&#8217;18096&#8242;] &nbsp; Wir setzen heute unsere Serie \u00fcber die Exkursion nach Shimane fort, die MA-Studierende in den letzten Semesterferien zusammen mit Prof. Shingo Shimada unternommen haben. 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Denn an der Schule gibt es mittlerweile so wenige Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, dass Klassen zusammengefasst werden mussten. 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