{"id":17889,"date":"2018-02-16T13:24:59","date_gmt":"2018-02-16T11:24:59","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=17889"},"modified":"2020-07-04T16:28:32","modified_gmt":"2020-07-04T14:28:32","slug":"unter-backpackern-feldforschung-mit-dem-rucksack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=17889","title":{"rendered":"Unter Backpackern: Feldforschung mit dem Rucksack &#8230;"},"content":{"rendered":"<p><strong>&nbsp;&#8230; METHODENWORKSHOP&nbsp;mit Dr. Katrin Ullmann<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_17890\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17890\" class=\"size-full wp-image-17890\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Katrin_klein.jpeg\" alt=\"Katrin Ullmann\" width=\"214\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Katrin_klein.jpeg 214w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Katrin_klein-201x300.jpeg 201w\" sizes=\"(max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-17890\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Katrin Ullmann<\/p><\/div>\n<p>Am 28. November durften wir Frau Dr. Katrin Ullmann in unserem Masterseminar \u201eThe Japanese Foodscape in Dusseldorf \u2013 ein empirisches Projekt zu Lebensentw\u00fcrfen im Ausland\u201c (Nora Kottmann) begr\u00fc\u00dfen. Sie promovierte an der HHU in D\u00fcsseldorf am Institut f\u00fcr Medien- und Kulturwissenschaft und ist derzeit an der Hochschule D\u00fcsseldorf t\u00e4tig. Sie sprach mit uns \u00fcber die inhaltlichen und methodologischen Erkenntnisse ihrer langj\u00e4hrigen Feldforschung zum Thema \u201eBackpacking\u201c. Ihr Schwerpunkt lag dabei auf Generationenforschung. Obwohl ihr Forschungsgebiet also nicht direkt mit der Gastronomie D\u00fcsseldorfs in Verbindung steht, bot sich uns hier die Gelegenheit, wertvolle Einblicke in ihre konkreten Forschungsmethoden zu erhalten. Katrin&nbsp;Ullmann teilte die Herausforderungen einer Feldforschung in die folgenden Punkte ein, welche sie dann am Beispiel ihrer eigenen Forschung veranschaulichte.<!--more--><\/p>\n<ol>\n<li>Was will ich mit meiner Arbeit konkret untersuchen?<\/li>\n<li>Auswahl der Untersuchungsgruppe<\/li>\n<li>Verbindungen festmachen\/Forschungsfeld bestimmen<\/li>\n<li>Was zeichnet die Untersuchten aus?<\/li>\n<li>Eigene Position im Feld<\/li>\n<li>Forschungsdesign\/Methodik<\/li>\n<li>Veranschaulichung der Ergebnisse<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>\u201eBraucht man einen Backpack, um Backpacker zu sein?\u201c<\/strong> So lautete unsere erste Frage an Dr. Ullmann. Ihre Antwort: Da der Backpack quasi das Emblem dieser Reiseart sei, sollte man als Backpacker auch einen Backpack tragen. Dies sei jedoch kein absolutes Kriterium, sodass Backpacking mit einem Rollkoffer durchaus m\u00f6glich w\u00e4re, wobei dann in der Regel von sogenanntem \u201eFlashpacking\u201c die Rede sei. Laut Dr. Ullmann sei es schwierig, eine ausdr\u00fcckliche Definition von \u201eBackpacking\u201c zu geben, weil es sich dabei um einen sehr schwimmenden Begriff handle, welcher von der Backpacker-Szene selbst umstritten ist. Da Backpacker sich selbst eher als Individualreisende betrachten, w\u00fcrden sich viele vor allem nach l\u00e4ngerem Reisen nicht mehr selbst als Backpacker bezeichnen wollen. Backpacking sei ein Feld, welches viel mit Distinktionen arbeitet und sich stark zu anderen Reiseformen, insbesondere denen des Massentourismus, abgrenzen m\u00f6chte.<img decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-17892\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Buch-Katrin.jpg\" alt=\"Buch Katrin\" width=\"216\" height=\"334\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Buch-Katrin.jpg 216w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Buch-Katrin-194x300.jpg 194w\" sizes=\"(max-width: 216px) 100vw, 216px\" \/><\/p>\n<p>Die Kategorie des Backpacking sei somit keine objektive, sondern eine Identit\u00e4tskategorie, der sich Backpacker selbst zuordnen. Backpacker br\u00e4uchten Grenzen, um den Status der Welterfahrenheit, oder&nbsp;<i>globality<\/i>&nbsp;(Binder), zu erlangen. Damit k\u00f6nnen Backpacker einerseits \u00fcber soziale Medien etc. vor den \u201eZuhause Gebliebenen\u201c prahlen, andererseits g\u00e4be es auch eine Art Konkurrenzkampf innerhalb der Szene, um durch den eigenen \u201eRoadstatus\u201c (S\u00f8rensen) Ansehen zu erlangen. Zu diesem Zweck diene das sogenannte \u201eplace-dropping\u201c (Binder), also das Erw\u00e4hnen von Orten, an denen man bereits war, wobei m\u00f6glichst exotische Orte, Weltst\u00e4dte, oder Bildungskulturstellen am meisten Wirkung erzielen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Backpacking sei als sehr identit\u00e4tsfokussierte Praktik von vielen Kulturwissenschaftlern betrieben worden und k\u00f6nne als Teil einer \u201egeografischen Suchbewegung\u201c bezeichnet werden. Dabei werde diese Reiseart in Erz\u00e4hlungen viel mit Interkulturalit\u00e4t verbunden, obgleich sie \u201ean einigen Stellen jedoch sehr abstrus\u201c sei und mit dem \u201eHin- und Herschwingen zwischen Kosmopolitismus und postkolonialer Situation und kolonialen Vorurteilen\u201c durchaus ihre Ambivalenzen habe. Im Hinblick auf das eigene methodische Vorgehen wies Dr. Ullmann darauf hin, sich stets der eigenen Position im Feld bewusst zu sein und sich genau zu \u00fcberlegen, wieviel Informationen \u00fcber sich selbst man preisgibt.<\/p>\n<p>Die bisher unber\u00fchrte Frage, wer denn Backpacking mache, wusste Dr. Ullmann nat\u00fcrlich auch zu beantworten: Es seien \u00fcberwiegend Menschen aus dem wei\u00dfen Mittelstand mit gen\u00fcgend Geld, meist westliche Gesellschaften (auch wenn die Praktik in Asien zun\u00e4hme); haupts\u00e4chlich Amerikaner, Europ\u00e4er, und Israelis. F\u00fcr Israelis sei im Gegensatz zu Amerikanern und Europ\u00e4ern das Backpacking weniger etwas, was mit der Absicht des Aussteigens und des Sich-Erfahrens gemacht wird, sondern es diene ihnen zur Aufarbeitung dessen, was sie im Milit\u00e4rdienst erfahren haben, im Anschluss dessen sie sich meist in Gruppen auf solche Reisen beg\u00e4ben (Cohen). Backpacking sei somit ein globales Ph\u00e4nomen, von welchem Menschen mit \u00e4hnlichen Herkunftsstrukturen, aber unterschiedlichen Vorerfahrungen Gebrauch machen.<\/p>\n<p>Bei ihren zahlreichen Interviews \u00fcber einen Zeitraum von acht Jahren musste Dr. Ullmann aber auch erschreckende Erkenntnisse machen: So g\u00e4be es innerhalb dieser transkulturell-erfahrenen Gruppe immer noch viele alte Feindbilder gegen\u00fcber anderen Kulturen und L\u00e4ndern. Die Interviewten berichteten von \u201earmen Osteurop\u00e4ern\u201c, dummen Amerikanern\u201c oder von \u201ekriegslustigen Serben\u201c.<\/p>\n<p><strong>Gibt es japanische Backpacker?<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_17891\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17891\" class=\"size-full wp-image-17891\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/@MIKI-Yoshihito.jpg\" alt=\"@MIKI Yoshihito\" width=\"240\" height=\"159\"><p id=\"caption-attachment-17891\" class=\"wp-caption-text\">@MIKI Yoshihito<\/p><\/div>\n<p>Uns hat nat\u00fcrlich interessiert, ob sie innerhalb ihrer 71 Interviews mit Personen aus 32 L\u00e4ndern auch einen japanischen Backpacker getroffen hat.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich interviewte Dr. Ullmann einen Japaner in Kolumbien, den sie als \u201eflei\u00dfigster Backpacker von allen\u201c bezeichnet. Er habe eine Liste gef\u00fchrt, in der er alle besuchten L\u00e4nder dokumentierte. Er selbst berichtete, dass Backpacking eher untypisch f\u00fcr Japaner sei, doch er w\u00e4re laut Selbstaussage im Interview Teil der \u201eGeneration 20\u201c, eine Generation, die \u201emachen darf, was man will\u201c. Nachdem er mehrere Jahre in Amerika gearbeitet hatte, entschied er sich daf\u00fcr, als Backpacker die Welt zu bereisen. Dieser f\u00fcr Japaner recht unregelm\u00e4\u00dfige Karriereverlauf funktioniere aber nur in seinen 20ern. Danach m\u00fcsse er wieder ins normale Arbeitsleben zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Private Erfahrungen innerhalb des Kurses deuteten darauf hin, dass sich immer mehr Japaner beim Reisen bewusst von dem \u201eNormalen\u201c abgrenzen und in k\u00fcrzester Zeit so viel erleben wollen wie nur m\u00f6glich. Dr. Ullmann best\u00e4tigte diese These und wies auf aktuelle Forschungen hin, die zeigten, dass tats\u00e4chlich immer mehr Japaner sich auf das Abenteuer mit dem Backpack begeben.<\/p>\n<p>Wir bedanken uns bei Dr. Katrin Ullmann vielmals f\u00fcr das hochinteressante Gespr\u00e4ch und ihre wertvollen Tipps zum methodischen Vorgehen in der Feldforschung. F\u00fcr diejenigen, die sich noch mehr f\u00fcr die Forschung von Katrin Ullmann interessieren, wird&nbsp;sich ein Blick in ihr vor ein paar Monaten ver\u00f6ffentlichte Buch <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3995-7\/generationscapes\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Generationscapes: Empirie und Theorie einer globalen Generation<\/a>&nbsp;lohnen.<\/p>\n<p><strong>Text: Rahel Niedermann, Kerry&nbsp;<\/strong><b>Koma<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#8230; METHODENWORKSHOP&nbsp;mit Dr. Katrin Ullmann Am 28. November durften wir Frau Dr. Katrin Ullmann in unserem Masterseminar \u201eThe Japanese Foodscape in Dusseldorf \u2013 ein empirisches Projekt zu Lebensentw\u00fcrfen im Ausland\u201c (Nora Kottmann) begr\u00fc\u00dfen. Sie promovierte an der HHU in D\u00fcsseldorf am Institut f\u00fcr Medien- und Kulturwissenschaft und ist derzeit an der Hochschule D\u00fcsseldorf t\u00e4tig. Sie sprach mit uns \u00fcber die inhaltlichen und methodologischen Erkenntnisse ihrer langj\u00e4hrigen Feldforschung zum Thema \u201eBackpacking\u201c. Ihr Schwerpunkt lag dabei auf Generationenforschung. Obwohl ihr Forschungsgebiet also nicht direkt mit der Gastronomie D\u00fcsseldorfs in Verbindung steht, bot sich uns hier die Gelegenheit, wertvolle Einblicke in ihre konkreten Forschungsmethoden zu erhalten. 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