{"id":16710,"date":"2017-02-22T18:21:38","date_gmt":"2017-02-22T16:21:38","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=16710"},"modified":"2020-07-08T21:33:49","modified_gmt":"2020-07-08T19:33:49","slug":"bericht-workshop-manga-uebersetzen-mit-verena-maser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=16710","title":{"rendered":"Bericht: Workshop Manga-\u00dcbersetzen mit Verena Maser"},"content":{"rendered":"<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-16711\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop1.jpg\" alt=\"workshop1\" width=\"1443\" height=\"769\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop1.jpg 1443w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop1-300x160.jpg 300w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop1-1024x546.jpg 1024w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop1-768x409.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1443px) 100vw, 1443px\" \/><\/p>\n<p><em>Ein Bericht von Katharina Buckel<\/em><\/p>\n<p><strong>\u201e\u3042\u3044\u3064\u30db\u30f3\u30c8\u30e0\u30ab\u3064\u304f[&#8230;]\u201c\u2028<\/strong><br \/>\n<strong>(aus: Citrus, Band 1)<\/strong><\/p>\n<p><strong>A: \u201eEr ist echt nervig.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>B: \u201eEr nervt mich an.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>C: \u201eEr geht mir auf den Sack.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Preisfrage: Welche dieser \u00dcbersetzungen ist richtig, oder gar: perfekt?<\/strong><\/p>\n<p>Man kann zun\u00e4chst einmal berechtigterweise einwenden, dass hier der Kontext der Aussage und somit ein wichtiges Entscheidungskriterium fehlt. Oder sind die sprachlichen Nuancen zwischen den S\u00e4tzen doch so gering, dass der Kontext irrelevant ist? Und wie wichtig ist eigentlich die Zielgruppe der \u00dcbersetzung? Diese und viele weitere Fragen wurden am 7. Februar 2017 am Institut f\u00fcr Modernes Japan im Workshop \u201eManga-\u00dcbersetzen: Cool oder brotlose Kunst?\u201c mit <a href=\"http:\/\/verena-maser.de\/wordpress\/\">Dr. Verena Maser<\/a> ausf\u00fchrlich diskutiert und beantwortet.<\/p>\n<p>Verena Maser ist promovierte Japanologin (Schwerpunkt: japanische Medien und Popul\u00e4rkultur) und arbeitet als selbst\u00e4ndige \u00dcbersetzerin vom Japanischen ins Deutsche. Zu ihren Arbeiten geh\u00f6ren <a href=\"https:\/\/tokyopop.de\/leseproben\/leseprobe-citrus\/\">\u201eCitrus\u201c<\/a>, \u201e<a href=\"http:\/\/tokyopop.de\/programm-august-bis-november-2016\/yona-prinzessin-der-morgendammerung\/\">Yona \u2013 Prinzessin der Morgend\u00e4mmerung<\/a>\u201c und der Simulcast von<a href=\"http:\/\/www.akibapass.de\/de\/v2\/catalogue\/show\/226\/march-comes-in-like-a-lion-omu\"> \u201eMarch Comes In Like A Lion\u201c<\/a> bei Akiba Pass. Da es keine direkte Ausbildung f\u00fcr ihren Beruf gibt, erfolgte der Einstieg vor allem \u00fcber Initiativbewerbungen und anschlie\u00dfend auch Weiterempfehlungen. Nicht nur ein hohes Niveau japanischer Sprachkenntnisse ist dabei entscheidend, sondern auch Vorwissen zu japanischen Manga. Verena Maser kann hierbei die h\u00f6chste Stufe im Japanese Language Proficiency Test vorweisen, und dar\u00fcber hinaus ihre <a href=\"http:\/\/ubt.opus.hbz-nrw.de\/frontdoor.php?source_opus=944\">Dissertation, die sich mit \u201eYuri\u201c-Mangas besch\u00e4ftigt<\/a>. <!--more--><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst stellte Verena Maser uns ihren \u00fcblichen Arbeitsablauf vor und erkl\u00e4rte dabei auch die charakteristischen Schwierigkeiten einer \u00dcbersetzung aus dem Japanischen. Am Anfang jeder \u00dcbersetzung steht die durchlaufende Nummerierung aller vorkommenden Texteinheiten, das hei\u00dft der einzelnen Sprechblasen, Soundw\u00f6rter, etc., und deren \u00dcbertragung in ein Schreibprogramm \u2013 dort findet sich am Ende nicht nur die fertige \u00dcbersetzung, sondern auch Hinweise f\u00fcr das Lettering.<\/p>\n<div id=\"attachment_16712\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16712\" class=\"wp-image-16712\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop2.jpg\" alt=\"workshop2\" width=\"300\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop2.jpg 1435w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop2-264x300.jpg 264w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop2-900x1024.jpg 900w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop2-768x873.jpg 768w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop2-1351x1536.jpg 1351w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-16712\" class=\"wp-caption-text\">Verena Maser mit einer Seite aus &#8222;Citrus&#8220;<\/p><\/div>\n<p>W\u00e4hrend des eigentlichen \u00dcbersetzens gibt es in jeder Sprache Stolpersteine, doch das Japanische wartet mit noch ein paar Eigenheiten auf. Die Feinheiten der japanischen H\u00f6flichkeitssprache m\u00fcssen auf \u201eDu\u201c und \u201eSie\u201c vereinfacht werden \u2013 da kann es schon mal vorkommen, dass man sich selbst aus Versehen eine \u201eSackgasse\u201c baut. Figur 1 fragt Figur 2, warum diese sie immer so f\u00f6rmlich anspr\u00e4che. Als \u00dcbersetzer hat man jedoch die beiden sich von Anfang an duzen lassen. Des Weiteren wird im Japanischen dank der <em>Yakuwarigo<\/em> (\u5f79\u5272\u8a9e) schnell klar, wer spricht, auch ohne eindeutige Zuordnung einer Sprechblase. Alter und Geschlecht lassen sich beispielsweise oft an verwendeten Personalpronomen oder Nachsilben ablesen. Dar\u00fcber hinaus sind immer wieder auch Dialekte im Original vertreten, jedoch wird hierzulande (im Gegensatz zu englischen \u00dcbersetzungen) ausschlie\u00dflich ins Hochdeutsche \u00fcbertragen, sodass ein weiteres Mittel zur Differenzierung von Figuren verschwindet.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es zahlreichen Soundw\u00f6rter und Onomatopoetika im Japanischen, die sich keineswegs nur auf Ger\u00e4usche beschr\u00e4nken, sondern unter anderem auch Gef\u00fchle ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Davon abgesehen ist ein chronisches Problem von Manga-\u00dcbersetzern vor allem der vorhandene Platz bzw. der eben nicht vorhandene. Der beste deutsche Satz n\u00fctzt nichts, wenn er nun einmal viel zu lang f\u00fcr die kleine Sprechblase ist.<\/p>\n<p>Als grundlegendes Ziel jeder \u00dcbersetzung h\u00e4lt Verena Maser die Stichworte \u201eSch\u00f6n, lesbar, deutsch\u201c fest. Dabei hat jeder \u00dcbersetzer eigene Vorlieben, ebenso jedoch die Verlage und Redakteure. Man kann zum Beispiel ein japanisches Sprichwort durch ein deutsches mit \u00e4hnlicher Bedeutung ersetzen oder das Original mit einer Fu\u00dfnote und Erkl\u00e4rung versehen \u2013 beide Varianten sind im Prinzip legitim. Je nach Verlag und Redakteur variieren aber die Konventionen und Vorgaben bez\u00fcglich der \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>Nachdem die \u00dcbersetzung angefertigt wurde, inklusive Lettering-Angaben, wird das Dokument zur Korrektur an den Verlag geschickt, der sich in der Regel mit \u00c4nderungsw\u00fcnschen zur\u00fcckmeldet. Diese werden von Redakteur und \u00dcbersetzer zusammen diskutiert, ehe eine finale Fassung vorliegt, die ins Lektorat geht, worauf der \u00dcbersetzer dann keinen Einfluss mehr hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_16714\" style=\"width: 1452px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16714\" class=\"wp-image-16714 size-full\" src=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop4.jpg\" alt=\"workshop4\" width=\"1442\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop4.jpg 1442w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop4-300x135.jpg 300w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop4-1024x462.jpg 1024w, https:\/\/moja.phil.hhu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/workshop4-768x346.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1442px) 100vw, 1442px\" \/><p id=\"caption-attachment-16714\" class=\"wp-caption-text\">Die Studierenden hatten viele Vorschl\u00e4ge zur \u00dcbersetzung mitgebracht<\/p><\/div>\n<p>Im Workshop k\u00e4mpften wir uns dann gemeinsam mit Verena Maser durch die T\u00fccken des \u00dcbersetzens. Wir besch\u00e4ftigten uns mit den ersten Seiten von Saburoutas \u201eCitrus\u201c, das bei Tokyopop erscheint. Schnell stellten wir fest: Es gibt f\u00fcr fast jeden Satz zahlreiche M\u00f6glichkeiten zur \u00dcbersetzung und die Abw\u00e4gung ist nicht immer einfach. Idiot oder Esel \u2013 was klingt st\u00e4rker, was wird \u00fcberhaupt tats\u00e4chlich verwendet? Auch Laute, die einen \u00dcberraschungsmoment ausdr\u00fccken k\u00f6nnten, sammelten wir zuhauf. \u201eUrgh&#8230;?!\u201c oder \u201eeh&#8230;?!\u201c, das ist hier die Frage.<\/p>\n<p>In einem Fall suchten wir einen passenden Ausdruck f\u00fcr Sex. Dabei ist einerseits wichtig, dass die Figuren des Manga Jugendliche sind, ebenso wie die Zielgruppe \u2013 das hei\u00dft, es muss eine jugendliche Ausdrucksweise gefunden werden, die aber andererseits laut Vorgaben des Verlags nicht zu vulg\u00e4r sein darf. Damit sind schon einmal gesch\u00e4tzt mehr als die H\u00e4lfte der m\u00f6glichen Ausdr\u00fccke aus dem Rennen. Umstritten war zudem die Frage, ob das Wort \u201erummachen\u201c \u00fcberhaupt den Kern der Sache tr\u00e4fe. Au\u00dferdem, nicht zu vergessen: der Platz ist begrenzt.<br \/>\nLetztendlich entschieden wir uns daf\u00fcr, dass die Figuren \u201ein der Kiste waren\u201c.<\/p>\n<p>Und dann war da noch das schwer zu \u00fcbersetzende japanische Modewort <em>joshiryoku<\/em>&nbsp; (\u5973\u5b50\u529b). Man kann es zwar mit weibliche St\u00e4rke zu \u00fcbersetzen, aber es hat verschiedene Implikationen. So kann damit Attraktivit\u00e4t ausgedr\u00fcckt werden oder die F\u00e4higkeit, jemanden um den Finger zu wickeln, ebenso wie die F\u00e4higkeit, eine gute Stimmung in Gruppen zu erzeugen. Kurz gesagt: Die perfekte \u00dcbersetzung kann es gar nicht geben.<\/p>\n<p>Zum Schluss noch einmal zur\u00fcck zum Titel des Workshops: \u201eManga-\u00dcbersetzen: Cool oder brotlose Kunst?\u201c Wer das jetzt also ziemlich cool findet und wie Verena Maser \u00dcbersetzer werden m\u00f6chte \u2013 kann man davon leben? Man muss sich im jeden Fall dar\u00fcber im Klaren sein, dass man selbstst\u00e4ndig sein wird, mit allen Konsequenzen. Es lockt die freie Zeiteinteilung und es lauert die Gefahr von Verdienstausfall bei Krankheit. Zus\u00e4tzlich zur T\u00e4tigkeit des \u00dcbersetzens an sich f\u00e4llt auch die Buchhaltung und die Organisation neuer Auftr\u00e4ge an. Gerade vor den Deadlines kann die Work-Life-Balance stark ins Ungleichgewicht geraten, und da den Auftraggeber pers\u00f6nliche Feste und Feiern nicht interessieren, muss man gelegentlich in den sauren Apfel bei\u00dfen und das soziale Leben hintenan stellen. Der durchschnittliche Verdienst ist f\u00fcr Manga-\u00dcbersetzen nicht sonderlich hoch; etwas lohnender k\u00f6nnen Simulcasts sein.<\/p>\n<p>Zum Schluss noch ein aufmunterndes Wort vom einem der bekanntesten \u00dcbersetzer der letzten Jahrhunderte \u2013 schon damals k\u00e4mpfte man erfolglos um das perfekte Wort:<br \/>\n\u201eIch habe mich des beflissen im Dolmetschen, dass ich rein und klar Deutsch geben m\u00f6chte. Und ist uns sehr oft begegnet, da\u00df wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen haben ein einziges Wort gesucht und gefragt, haben\u2019s dennoch zuweilen nicht gefunden.\u201c \u2028[<a href=\"http:\/\/tracey-uebersetzungen.de\/zitate-zum-thema-uebersetzen\/\">Martin Luther: Sendbrief vom Dolmetschen (1530)<\/a>]<\/p>\n<p><em>Katharina Buckel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht von Katharina Buckel \u201e\u3042\u3044\u3064\u30db\u30f3\u30c8\u30e0\u30ab\u3064\u304f[&#8230;]\u201c\u2028 (aus: Citrus, Band 1) A: \u201eEr ist echt nervig.\u201c B: \u201eEr nervt mich an.\u201c C: \u201eEr geht mir auf den Sack.\u201c Preisfrage: Welche dieser \u00dcbersetzungen ist richtig, oder gar: perfekt? Man kann zun\u00e4chst einmal berechtigterweise einwenden, dass hier der Kontext der Aussage und somit ein wichtiges Entscheidungskriterium fehlt. Oder sind die sprachlichen Nuancen zwischen den S\u00e4tzen doch so gering, dass der Kontext irrelevant ist? Und wie wichtig ist eigentlich die Zielgruppe der \u00dcbersetzung? Diese und viele weitere Fragen wurden am 7. Februar 2017 am Institut f\u00fcr Modernes Japan im Workshop \u201eManga-\u00dcbersetzen: Cool oder brotlose Kunst?\u201c mit Dr. Verena Maser ausf\u00fchrlich diskutiert und beantwortet. Verena Maser ist promovierte Japanologin (Schwerpunkt: japanische Medien und Popul\u00e4rkultur) und arbeitet als selbst\u00e4ndige \u00dcbersetzerin vom Japanischen ins Deutsche. Zu ihren Arbeiten geh\u00f6ren \u201eCitrus\u201c, \u201eYona \u2013 Prinzessin der Morgend\u00e4mmerung\u201c und der Simulcast von \u201eMarch Comes In Like A Lion\u201c bei Akiba Pass. Da es keine direkte Ausbildung f\u00fcr ihren Beruf gibt, erfolgte der Einstieg vor allem \u00fcber Initiativbewerbungen und anschlie\u00dfend auch Weiterempfehlungen. 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