{"id":12185,"date":"2013-11-24T15:37:49","date_gmt":"2013-11-24T14:37:49","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=12185"},"modified":"2020-07-16T16:51:06","modified_gmt":"2020-07-16T14:51:06","slug":"bachelor-plus-5-questions","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=12185","title":{"rendered":"Bachelor Plus 5 Questions"},"content":{"rendered":"<p>Wie wir bereits <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=12084\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">berichtet haben<\/a>, ist der zweite Jahrgang der Bachelor Plus Studierenden aus Japan zur\u00fcck und hat zum laufenden Wintersemester das Studium in D\u00fcsseldorf wieder aufgenommen. W\u00e4hrend des einj\u00e4hrigen Studienaufenthaltes in Japan haben Ute Blazejak, Thilo B\u00f6wer, Sarah Ferchau, Ulrike Miglo und Stephanie Segener spannende Feldforschungsprojekte durchgef\u00fchrt, \u00fcber die wir nat\u00fcrlich N\u00e4heres erfahren m\u00f6chten! Daher haben wir unsere Studierenden zum Interview gebeten. Wie auch beim <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=9408\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ersten BA+ Jahrgang<\/a>, werden sich in den n\u00e4chsten Wochen hier alle BA+ Studierenden unseren neugierigen Fragen stellen. Den Anfang in unserer Reihe macht Ute Blazejak, die ein Jahr an der Chiba Daigaku studiert und im Rahmen des BA+ geforscht&nbsp; hat.<\/p>\n<h2><b>Paradiesische Zust\u00e4nde an der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School?<\/b><\/h2>\n<p><i>Das in den westlichen Medien verbreitete Bild des japanischen Schulsystems ist weitgehend einseitig: Die Kinder m\u00fcssen demzufolge von morgens bis abends lernen, sind strikten Zw\u00e4ngen und Regeln unterworfen und haben dadurch kaum M\u00f6glichkeiten ihre Individualit\u00e4t auszudr\u00fccken. Dass es, wie in eigentlich jedem anderen Industrieland auch, auch alternative Schulformen gibt, wird kaum beachtet. Dies war f\u00fcr unsere Studierende Ute Blazejak ein Grund, sich eine solche alternative Schule einmal genauer anzuschauen. In ihrem Projekt forscht Frau Blazejak zu <b>Chancen und M\u00f6glichkeiten einer japanischen Free School <\/b>und hat hierzu als Volunteer an der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School mitgeholfen und mit Sch\u00fclern und Mitarbeitern gesprochen bzw. Interviews gef\u00fchrt.&nbsp; Die T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School wurde im Jahr 2009 gegr\u00fcndet und orientiert sich in ihrer Lehrweise an den US-amerikanischen Sudbury-Valley-Schools.<\/i><\/p>\n<p><b>BA+<\/b>: Frau Blazejak, damit wir uns besser vorstellen k\u00f6nnen, um was f\u00fcr eine Art von Schule es sich bei der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School handelt, k\u00f6nnen Sie uns mal erkl\u00e4ren, worin sich eine Free School von einer \u201enormalen\u201c Schule unterscheidet?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Im Allgemeinen k\u00f6nnte man sagen, dass eine Free School den Schwerpunkt mehr auf die Individualit\u00e4t der Kinder legt. Sie sollen sich in der Schule ohne gro\u00dfen Leistungsdruck frei entfalten k\u00f6nnen. Zw\u00e4nge wie Schuluniformen oder festgelegte Frisuren gibt es nicht. Das \u201eAnders Sein\u201c wird an einer \u201eFree School\u201c als etwas Nat\u00fcrliches angesehen und die Sch\u00fcler sind immer in der Lage, sich Beratung und Hilfe von Lehrkr\u00e4ften und Betreuern zu holen. Es gibt lediglich Grundregeln, jedoch keine festgelegte Schulordnung. Die Kinder sollen mit Unterst\u00fctzung ihre eigenen Ideen und Ziele durchsetzen. Zwischen den Lehrern und Sch\u00fclern soll kein autorit\u00e4res Verh\u00e4ltnis herrschen. Stattdessen sollen die Lehrer die Kinder bei ihrer individuellen Wegfindung unterst\u00fctzen. Eine \u201eFree School\u201c stellt sowohl ein \u201eAuffangbecken\u201c als auch eine \u201eAlternative\u201c dar.<\/p>\n<p><b>BA+<\/b>: F\u00fcr Ihre Forschung waren Sie ja als Volunteer an der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School, um einen besseren Einblick in die Abl\u00e4ufe an der Schule zu erhalten. Wie wurden Sie denn von Sch\u00fclern und Lehrern an der Schule aufgenommen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Von den Angestellten wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Man war bem\u00fcht, mir den Einstieg so angenehm wie m\u00f6glich zu bereiten und war im Allgemeinen sehr nachsichtig mit mir. Ich wurde so viel wie m\u00f6glich in au\u00dferschulische Aktivit\u00e4ten eingebunden, wie Tee-Treffen unter den Angestellten, Veranstaltungen, bei denen die Schule vorgestellt wurde, oder die Jahresendfeier. Alle waren sehr dankbar, dass ich Interesse an der Schule zeigte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Bei den Sch\u00fclern war es manchmal etwas schwierig. Am Anfang hatten die meisten Angst vor mir und haben sich von mir fern gehalten. Ich war neu und mein Japanisch war nicht das Beste \u2013 zumal es schwieriger ist, mit Kindern zu reden, da sie keine R\u00fccksicht auf die mangelnden Sprachkenntnisse nehmen, was die Kommunikation deutlich erschwerte. Es hat einige Zeit gedauert, bis die Kinder \u2013 vor allem die M\u00e4dchen, die Jungen hatten bis zuletzt kaum Interesse an mir \u2013 auftauten. Es war oft so, dass ich zur Schule fuhr und mir Sorgen machte, dass ich stundenlang alleine auf einem Sofa sitzen w\u00fcrde, da die Kinder alle mit sich selber oder miteinander besch\u00e4ftigt sind.<\/p>\n<p><b>BA+<\/b>: Letztendlich haben Sie anf\u00e4ngliche Schwierigkeiten aber gut gemeistert und durch den regelm\u00e4\u00dfigen Aufenthalt an der Schule auch zu den Kindern einen guten Kontakt herstellen k\u00f6nnen, wie Sie uns im BA+ Projektkolloquium berichtet haben! Erz\u00e4hlen Sie doch mal, wie ein normaler Montagmorgen an der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School aussieht?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Bei der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School gibt es keine Stundenpl\u00e4ne. Ein Tag an der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School unterliegt lediglich der folgenden Grundstruktur:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Um 10:00 ist Schulbeginn. Um 11:15 ist Zeit f\u00fcr ein so genanntes Morning Meeting: Falls es irgendwelche Dinge gibt, die die Sch\u00fcler und\/oder Angestellten besprechen m\u00f6chten, findet ein Meeting statt, die Teilnahme ist aber freiwillig. Ab 15:00 beginnt dann die Vorbereitung f\u00fcr das Aufr\u00e4umen der Schule: Jeden Tag werden die Sch\u00fcler zu verschiedenen Orten des Schulgeb\u00e4udes eingeteilt, um dort aufzur\u00e4umen und zu putzen. Danach gibt es gegen 15:20 noch ein Evening Meeting und um 16:00 ist dann Schulende.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Bis auf diese Grundstruktur kann man nicht genau sagen wie ein \u201enormaler\u201c Montagmorgen aussieht. Es kommt darauf an, worauf die Sch\u00fcler und Angestellten Lust haben. Manchmal wird ein Film geguckt, oder es wird in den<br \/>\nPark gegangen, oder man kocht etwas, oder jedes Kind besch\u00e4ftigt sich selber damit, worauf es gerade Lust hat.<\/p>\n<p><b>BA+<\/b>: Aus Sch\u00fclerperspektive h\u00f6rt sich das ziemlich angenehm, um nicht zu sagen paradiesisch an!&nbsp; Sehen Sie denn auch Nachteile f\u00fcr Sch\u00fcler, die die T\u00f4kyo Sudbury School absolviert haben?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Wie ich durch meine Beobachtungen feststellen konnte, nutzen die meisten Sch\u00fcler die Zeit an der Schule nicht zum Lernen, sondern zum Spielen. Dies sehe ich als problematisch an, wenn man sp\u00e4ter studieren oder einen Beruf aus\u00fcben m\u00f6chte, da man im Vergleich zu Sch\u00fclern einer \u201enormalen\u201c Schule wissenstechnisch im Nachteil ist. Weiterhin gibt es neben zwei Angestellten und den Volunteers keine weiteren richtigen Lehrer an der Schule, wodurch die Lernm\u00f6glichkeiten sehr stark eingegrenzt sind. M\u00f6chte ein Kind zum Beispiel Englisch lernen, ist es darauf angewiesen, dass ein Volunteer&nbsp; da ist, der Englisch sprechen und auch lehren kann. Weiterhin k\u00f6nnte ich es mir als problematisch vorstellen, dass Kinder, die es ihr ganzes Leben lang gew\u00f6hnt waren, selber entscheiden zu k\u00f6nnen, wann sie was tun, sich in der Arbeitswelt oder auf einer h\u00f6heren Schule nur sehr schlecht oder vielleicht auch gar nicht einleben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>BA+<\/b>: Nach den Eindr\u00fccken und Erkenntnissen, die Sie w\u00e4hrend Ihrer Feldforschung an der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School gesammelt haben, w\u00fcrde uns als letztes noch interessieren, ob Sie zu Ihrer Schulzeit selber gerne eine Free School besucht h\u00e4tten?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ja und Nein. Nat\u00fcrlich hat es mich in der Schule \u00f6fters gest\u00f6rt, dass ich Dinge lernen musste, an denen ich \u00fcberhaupt kein Interesse hatte, w\u00e4hrend Dinge, an denen ich sehr viel Interesse hatte, nicht gen\u00fcgend gelehrt wurden. Aus diesen Gr\u00fcnden w\u00e4ren die Freiheiten, die eine Free School bietet, sehr sch\u00f6n gewesen. Allerdings h\u00e4tte ich mir pers\u00f6nlich durch den Besuch einer Free School auch Zukunftschancen genommen. Vor allem in Deutschland ist das Bildungssystem immer noch sehr steif und streng. Durch den Besuch einer Free School h\u00e4tte ich mir wahrscheinlich die Chancen, eine Universit\u00e4t zu besuchen, verringert oder erschwert. Au\u00dferdem werden die \u201enormalen\u201c Schulen vom Staat oder von der Kirche finanziert und haben daher sowohl in Bezug auf au\u00dferschulische Aktivit\u00e4ten als auch auf die F\u00e4cherauswahl mehr zu bieten und professionellere Lehrkr\u00e4fte als Free Schools. Au\u00dferdem bezweifle ich, dass ich als Kind wirklich immer ausreichend gelernt h\u00e4tte, wenn das nicht jemand vorgeschrieben oder kontrolliert h\u00e4tte&#8230;<\/p>\n<p><b>BA+: &nbsp;<\/b>Frau Blazejak, vielen Dank f\u00fcr diesen spannenden Einblick in eine ziemlich unbekannte Schulform und damit eine andere Perspektive auf das japanische Bildungssystem!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wir bereits berichtet haben, ist der zweite Jahrgang der Bachelor Plus Studierenden aus Japan zur\u00fcck und hat zum laufenden Wintersemester das Studium in D\u00fcsseldorf wieder aufgenommen. W\u00e4hrend des einj\u00e4hrigen Studienaufenthaltes in Japan haben Ute Blazejak, Thilo B\u00f6wer, Sarah Ferchau, Ulrike Miglo und Stephanie Segener spannende Feldforschungsprojekte durchgef\u00fchrt, \u00fcber die wir nat\u00fcrlich N\u00e4heres erfahren m\u00f6chten! Daher haben wir unsere Studierenden zum Interview gebeten. Wie auch beim ersten BA+ Jahrgang, werden sich in den n\u00e4chsten Wochen hier alle BA+ Studierenden unseren neugierigen Fragen stellen. Den Anfang in unserer Reihe macht Ute Blazejak, die ein Jahr an der Chiba Daigaku studiert und im Rahmen des BA+ geforscht&nbsp; hat. Paradiesische Zust\u00e4nde an der T\u00f4ky\u00f4 Sudbury School? Das in den westlichen Medien verbreitete Bild des japanischen Schulsystems ist weitgehend einseitig: Die Kinder m\u00fcssen demzufolge von morgens bis abends lernen, sind strikten Zw\u00e4ngen und Regeln unterworfen und haben dadurch kaum M\u00f6glichkeiten ihre Individualit\u00e4t auszudr\u00fccken. Dass es, wie in eigentlich jedem anderen Industrieland auch, auch alternative Schulformen gibt, wird kaum beachtet. 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