{"id":11408,"date":"2013-06-11T22:37:07","date_gmt":"2013-06-11T21:37:07","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11408"},"modified":"2020-07-03T00:33:54","modified_gmt":"2020-07-02T22:33:54","slug":"fukushima-filme-zeigen-leben-mit-der-strahlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11408","title":{"rendered":"Fukushima-Filme zeigen Leben mit der Strahlung"},"content":{"rendered":"<p>Die Trauer um die Toten, der Verlust von Heimat, wirtschaftlicher Niedergang \u2013 die Katastrophe vom 11. M\u00e4rz 2011 ist innerhalb kurzer Zeit im japanischen Film schon von vielen Seiten beleuchtet worden. Unter den japanischen Beitr\u00e4gen bei der diesj\u00e4hrigen Berlinale besch\u00e4ftigten sich die Spielfilme <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11074\">Kujira no machi<\/a>, <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11027\">T\u00f4ky\u00f4 kazoku<\/a> und <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11001\">Cold Bloom<\/a> mit der Katastrophe. Die Atomkatastrophe und die verheerenden Folgen der austretenden Radioaktivit\u00e4t allerdings waren bisher nur im Bereich des Dokumentarfilms pr\u00e4sent (z.B. <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=9942\">Nuclear Nation<\/a>, <a href=\"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=9972\">Friends after 3.11<\/a>, <a href=\"http:\/\/radioactivists.org\/de\/\">Radioactivists<\/a>).<\/p>\n<p>Das hat sich jetzt ge\u00e4ndert: Beim diesj\u00e4hrigen japanischen Filmfestival <a href=\"http:\/\/www.nipponconnection.com\">Nippon Connection<\/a> in Frankfurt gab es gleich zwei Spielfilme, die sich mit der unsichtbaren nuklearen Bedrohung auseinandersetzen. <em>Kib\u00f4 no kuni<\/em> (&#8222;Land of Hope&#8220;) von Sono Sion spielt in einer Zukunft, in der in Japan erneut ein Reaktor zerst\u00f6rt wird. Durch die Protagonisten \u2013 ein altes Bauernpaar, ihren Sohn und dessen schwangere Frau \u2013 erlebt der Zuschauer Ausweglosigkeit und verzweifeltes Aufb\u00e4umen. <em>Odayakana nichij\u00f4<\/em>&nbsp;(int. Titel &#8222;Odayaka&#8220;) schildert in schlichten, alltagsnahen Bildern die Reaktionen der Menschen auf die Katastrophe irgendwo im Gro\u00dfraum Tokyo. Der Regisseur Uchida Nobutera konzentriert sich dabei auf zwei Frauenfiguren, die sich um die Gesundheit der Kinder sorgen, mit ihren Bef\u00fcrchtungen jedoch den Missmut ihres Umfeldes auf sich ziehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>[slideshow_deploy id=&#8217;11416&#8242;]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie eine Art Hintergrundfolie f\u00fcr diese beiden Spielfilme wirkt der Dokumentarfilm <em>A2<\/em> von Ian Thomas Ash, der bei Nippon Connection mit dem Nippon Visions Award ausgezeichnet wurde. Ash, der seit zehn Jahren in Japan lebt, ging eineinhalb Jahre nach der Katastrophe in die Pr\u00e4fektur Fukushima, in die Gebiete nah an der Grenze zu den Sperrgebieten, wo das Leben &#8222;ganz normal&#8220; weitergeht: Die Kinder in Schulen und Kinderg\u00e4rten spielen wieder drau\u00dfen, und sogar der Reis f\u00fcr das Schulessen soll bald wieder aus der Pr\u00e4fektur Fukushima kommen. Doch medizinische Untersuchungen zeigen, dass fast die H\u00e4lfte der Kinder in der Region schon jetzt Zysten an der Schilddr\u00fcse haben \u2013 zwar noch klein und gutartig (Typ A2), aber in steigender Anzahl.<\/p>\n<p>In allen drei Filmen, <em>Kib\u00f4 no kuni<\/em>,&nbsp;<em>Odayakana nichij\u00f4&nbsp;<\/em>und <em>A2<\/em>, gibt es wiederkehrende Motive zum Leben der Menschen mit der Strahlung:<\/p>\n<p><strong>Die Unm\u00f6glichkeit der Grenzziehung<\/strong><\/p>\n<p>Ab welchem Punkt muss man Menschen evakuieren? Ab welchem Strahlungswert k\u00f6nnen Kinder wieder drau\u00dfen spielen? Welche Grundst\u00fccke muss man dekontaminieren? Die Filme zeigen, dass es praktisch unm\u00f6glich ist, derartige Fragen eindeutig zu beantworten. Eine der st\u00e4rksten Szenen des Films <em>Kib\u00f4 no kuni<\/em> schildert folgende Vorgehensweise: Machtlos m\u00fcssen der Milchbauer Ono Yasuhiko und seine Familie zusehen, wie eine Horde von M\u00e4nnern in Schutzanz\u00fcgen anr\u00fcckt und direkt vor ihrem Haus ein Band durch den Ort zieht, das die verseuchte Zone markiert. Die Familie aus dem Haus nebenan wird umgehend evakuiert, den Onos jedoch wird versichert: &#8222;Ihr Haus ist in der sicheren Zone&#8220; \u2013 gesch\u00e4tzte zehn Meter sollen hier den Unterschied ausmachen. Die Bauernfamilie bleibt genauso ratlos zur\u00fcck wie der Hund der Nachbarn, der am Zaun angebunden ist und seinen hastig verschwindenden Besitzern nur nachsehen kann.<\/p>\n<p>Ebenso verst\u00e4ndnislos zeigen sich Familien im Dokumentarfilm <em>A2<\/em>, deren Grundst\u00fccke nicht dekontaminiert werden, weil der dort gemessene Wert der Strahlenbelastung bei 0,93 Mikrosievert pro Stunde liegt \u2013 der Richtwert f\u00fcr eine Dekontaminierung aber bei 1,0 Mikrosievert. Ist das Leben f\u00fcr sie deshalb wirklich weniger gef\u00e4hrlich? Auf einem Grundst\u00fcck, das direkt neben der Schule ihrer Kinder liegt, misst eine besorgte Mutter mit ihrem eigenen Ger\u00e4t einen Wert von \u00fcber 30 Mikrosievert. F\u00fcr die Schulleitung ist jedoch alles in Ordnung \u2013 auf dem Gel\u00e4nde der Schule seien die Werte okay. Doch macht Strahlenbelastung vor Grundst\u00fccksgrenzen halt?<\/p>\n<p><strong>Diskriminierung<\/strong><\/p>\n<p>Ein Relikt aus dem Katastrophengebiet, vollgepflastert mit Emp\u00f6rung, Wut und Ablehnung: Menschen aus der Nachbarschaft haben das Auto eines Mannes im Film <em>Odayakana nichij\u00f4 <\/em>mit Zetteln beklebt, sie wollen keine kontaminierte Materie in ihrem Umfeld. Und das junge Paar, das in&nbsp;<em>Kib\u00f4 no kuni<\/em>&nbsp; in eine bessere Zukunft fahren will,&nbsp;aus den verseuchten Gebieten heraus, wird an der Tankstelle zun\u00e4chst nicht bedient \u2013 das Nummernschild verr\u00e4t ihre Herkunft.<\/p>\n<p>Die Diskriminierung zeigt sich aber auch noch in weiteren, subtileren Abstufungen. Schon das Tragen einer Schutzmaske kann den Zorn des Umfeldes auf sich ziehen \u2013 die Menschen wollen die Bedrohung nicht wahr haben, wollen ihren normalen Alltag weiterleben k\u00f6nnen. Die Atemmaske wird als Symbol der Kapitulation, der Angst und sogar Paranoia wahrgenommen. Nachdem die junge Mutter Saeko in&nbsp;<em>Odayakana nichij\u00f4<\/em>&nbsp;ihre Tochter Kiyomi veranlasst hat, auch im Kindergarten immer eine Atemmaske zu tragen und nicht auf den Spielplatz zu gehen, findet sie Drohbriefe in ihrem Briefkasten. Die anderen M\u00fctter \u00e4u\u00dfern sehr offen, was sie von ihr halten: Sie habe eine Atom-Neurose. In der Realit\u00e4t der Pr\u00e4fektur Fukushima sieht es nicht viel anders aus. Nur zwei Kinder aus der Klasse ihres Sohnes w\u00fcrden die Schulmilch (die aus der Region stammt) auf Anraten ihrer Eltern nicht trinken, erkl\u00e4rt eine Mutter in <em>A2<\/em> \u2013 sie k\u00f6nne ihm daher nicht zumuten, auch noch beim Schulessen eine Sonderrolle einzunehmen. Ausgrenzung w\u00e4re die m\u00f6gliche Folge.<\/p>\n<p>Sugino Kiki, die die junge Mutter in&nbsp;<em>Odayakana nichij\u00f4&nbsp;<\/em>spielt und zugleich Produzentin des Films ist, berichtete am Freitag in Frankfurt, dass es anfangs sehr schwer gewesen sei, Geldgeber f\u00fcr das Thema zu finden. Das Thema Radioaktivit\u00e4t werde tabuisiert, stelle aber gleichzeitig eine sehr reale Bedrohung dar. Deswegen sei der Film, der seit Juni 2011 geplant war und 2012 gedreht wurde, zun\u00e4chst schwierig umzusetzen gewesen \u2013 die Reaktionen auf den Film waren aber sehr positiv; vor allem ein Screening direkt in Fukushima zum Jahrestag der Katastrophe ist Sugino sehr eindr\u00fccklich in Erinnerung geblieben.<\/p>\n<p><strong>Die Gefahr f\u00fcr die Kinder<\/strong><\/p>\n<p>Ian Ash befragt in <em>A2<\/em> ein ganzes Sofa voll Jungs, die nah am Sperrgebiet leben und zur Schule gehen. Der Gesundheits-Check hat bei ihnen allen ergeben, dass Sie zur Kategorie A2 geh\u00f6ren, also Zysten an der Schilddr\u00fcse haben. Wie sie sich ihre Zukunft vorstellen? &#8222;Ich werde wohl Krebs bekommen&#8220;, sagt einer von ihnen und lacht. Die Kinder haben sich an das Thema gew\u00f6hnt, aber man gewinnt den Eindruck, dass sie die Bedrohung nicht wirklich realisieren k\u00f6nnen \u2013 es wird viel \u00fcber sie gesprochen, aber sie ist unsichtbar und abstrakt, auch f\u00fcr die Erwachsenen.<\/p>\n<p>Vor allem M\u00fctter stehen im Zentrum der Filme: In Sorge um ihre Kinder nehmen sie gro\u00dfe Widrigkeiten auf sich, stellen sich gegen die Gemeinschaft, protestieren oder beschaffen sich eigenst\u00e4ndig Informationen, weil sie der Regierung nicht vertrauen. Izumi in <em>Kib\u00f4 no kuni<\/em> wird nach der Katastrophe schwanger und schw\u00f6rt sich, alles zu tun, um das ungeborene Kind zu sch\u00fctzen. Sie geht nur noch im Schutzanzug vor die T\u00fcr, dichtet die Wohnung mit Plastikfolie ab und \u00fcberredet ihren Mann schlie\u00dflich dazu, die Gegend ganz zu verlassen. Dass sie zum Gesp\u00f6tt des ganzen Ortes wird, nimmt sie in Kauf. Kinderkriegen wird zur Mut- und Zerrei\u00dfprobe, auch in&nbsp;<em>Odayakana nichij\u00f4.&nbsp;<\/em>Hier entschlie\u00dft sich ein Paar am Ende, trotz der Katastrophe ein Kind zu bekommen \u2013 der umfassendste Beweis, dass das Leben weitergeht, wenn auch mit vielen Fragezeichen.<\/p>\n<p><em>Odayakana nichij\u00f4&nbsp;<\/em>und <em>A2<\/em> bieten jeweils auf ihre Weise einen Einblick in die Lebensrealit\u00e4t der betroffenen Menschen und legen die Problematik der radioaktiven Verseuchung differenziert in ihren verschiedenen Facetten dar.&nbsp;<em>Kib\u00f4 no kuni<\/em>&nbsp;hingegen arbeitet mit sehr starken, plakativen Motiven und bringt als in der Zukunft angesiedelte Groteske die Problematik \u00fcberspitzt auf den Punkt. Der Film tr\u00e4gt so sehr dick auf und schafft damit auch Distanz zu den gegenw\u00e4rtigen Geschehnissen in Japan \u2013 dabei h\u00e4tte deren Schrecken schon mehr als ausgereicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Trauer um die Toten, der Verlust von Heimat, wirtschaftlicher Niedergang \u2013 die Katastrophe vom 11. M\u00e4rz 2011 ist innerhalb kurzer Zeit im japanischen Film schon von vielen Seiten beleuchtet worden. Unter den japanischen Beitr\u00e4gen bei der diesj\u00e4hrigen Berlinale besch\u00e4ftigten sich die Spielfilme Kujira no machi, T\u00f4ky\u00f4 kazoku und Cold Bloom mit der Katastrophe. Die Atomkatastrophe und die verheerenden Folgen der austretenden Radioaktivit\u00e4t allerdings waren bisher nur im Bereich des Dokumentarfilms pr\u00e4sent (z.B. Nuclear Nation, Friends after 3.11, Radioactivists). Das hat sich jetzt ge\u00e4ndert: Beim diesj\u00e4hrigen japanischen Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt gab es gleich zwei Spielfilme, die sich mit der unsichtbaren nuklearen Bedrohung auseinandersetzen. Kib\u00f4 no kuni (&#8222;Land of Hope&#8220;) von Sono Sion spielt in einer Zukunft, in der in Japan erneut ein Reaktor zerst\u00f6rt wird. Durch die Protagonisten \u2013 ein altes Bauernpaar, ihren Sohn und dessen schwangere Frau \u2013 erlebt der Zuschauer Ausweglosigkeit und verzweifeltes Aufb\u00e4umen. Odayakana nichij\u00f4&nbsp;(int. Titel &#8222;Odayaka&#8220;) schildert in schlichten, alltagsnahen Bildern die Reaktionen der Menschen auf die Katastrophe irgendwo im Gro\u00dfraum Tokyo. 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