{"id":11084,"date":"2013-02-20T18:59:34","date_gmt":"2013-02-20T17:59:34","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11084"},"modified":"2020-07-03T00:43:43","modified_gmt":"2020-07-02T22:43:43","slug":"letzte-berlinale-nachlese-senzo-ni-naru-roots","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11084","title":{"rendered":"Letzte Berlinale-Nachlese: Senzo ni naru (&#8222;Roots&#8220;)"},"content":{"rendered":"<p><em>Ohay\u00f4! Ky\u00f4 mo ganbarimash\u00f4!<br \/>\n<\/em>&#8222;Guten Morgen! Lass uns auch heute unser Bestes geben!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Satz, gerufen durch einen gelben Trichter, steht am Anfang des Dokumentarfilms <em>Senzo ni naru<\/em> \u5148\u7956\u306b\u306a\u308b (&#8222;Roots&#8220;), der bei der Berlinale vorgestellt wurde. Die Stimme, die durch den Trichter schallt, geh\u00f6rt zu Sat\u00f4 Naoshi, dem mittlerweile 79-j\u00e4hrigen Protagonisten des Films, den der Regisseur Ikeya Kaoru \u00fcber mehr als ein Jahr begleitet hat. Naoshi, der von seinem gesamten Umfeld vertraulich beim Vornamen genannt wird, hat am 11. M\u00e4rz 2011 seinen Sohn durch den Tsunami verloren und das Aramachi-Viertel (in Rikuzentakata, Pr\u00e4fektur Iwate), in dem er lebt, wurde weitgehend zerst\u00f6rt. Das <em>ganbarimash\u00f4<\/em> zu Anfang legt schon den Grundton des Films fest: Es geht nicht in erster Linie um das Leid der Menschen oder um politische Intentionen, sondern um das Schicksal einer einzelnen Person, die mit einem beinahe schon aggressiven Optimismus der gewaltigen Zerst\u00f6rung trotzt. Das mag auf manche verengt wirken \u2013 erwartungsgem\u00e4\u00df kam von deutschen Zuschauern der Kommentar, dass sie die Thematisierung von Fukushima vermissten \u2013, trifft in Japan aber sicher auch einen Nerv, zumal der Regisseur mit Naoshi wirklich einen Charakter gefunden hat, der seinesgleichen sucht.<\/p>\n<p>Man erkennt es noch an einer feinen Linie: Mit dem Tsunami kam das Wasser in Naoshis Haus bis in den zweiten Stock. Der Sohn, der sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagierte, wurde fortgerissen, als er eine alte Frau in Sicherheit bringen wollte. Doch f\u00fcr Naoshi geht das Leben sofort weiter. Nur einen Tag sp\u00e4ter, am 12. M\u00e4rz, wird seine j\u00fcngste Enkelin geboren. Aus Getr\u00e4nkekisten baut er eine Art Hochbett, in dem er zusammen mit seiner Frau und seiner Schwiegertochter, die jetzt Witwe ist, schl\u00e4ft. Kurze Zeit sp\u00e4ter bestellt sich der Teilzeitbauer und -waldarbeiter eine neue Kettens\u00e4ge, pflanzt Reis und Buchweizen und freut sich \u00fcber Gurkenpflanzen, die aus dem Tr\u00fcmmerfeld vor seinem schwer demolierten Haus hervorsprie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn Naoshi auf B\u00e4ume klettert, dicke St\u00e4mme f\u00e4llt oder dem Regisseur und seinem Kameramann einen gigantischen Penis zeigt, den er f\u00fcr einen kleinen Tempel ausges\u00e4gt hat, dann merkt man ihm weder sein Alter an, noch die Prostata-Krebserkrankung, die in seinem K\u00f6rper schwelt. Naoshi w\u00e4re unglaubw\u00fcrdig, h\u00e4tte man ihn f\u00fcr ein Drehbuch erfunden. So kann man aber nun staunend beobachten, wie dieser zierliche, drahtige alte Mann tats\u00e4chlich alles daran setzt, sein Haus genau an der selben Stelle wieder aufzubauen. Trotz der Gefahr weiterer Tsunamis, trotz der Beh\u00f6rden, die das nicht wollen, und trotz der Tatsache, dass fast alle anderen gegangen sind \u2013 inklusive seiner Frau. Mit seinem Optimismus steht Naoshi schlie\u00dflich ziemlich alleine da, lebt aber konsequent das Leben, das f\u00fcr ihn das einzig lebenswerte ist: An dem Ort, aus dem er stammt, unabh\u00e4ngig von Hilfsleistungen, ehrf\u00fcrchtig vor der Natur, und <em>gosenzo to ish\u00f4 ni<\/em> \u2013 &#8222;zusammen mit meinen Ahnen&#8220;.<\/p>\n<p>Der Regisseur Ikeya hatte zun\u00e4chst vor, als Volunteer in die Katastrophenregion zu gehen, entschied sich dann jedoch dazu, seinen Teil mit einem Dokumentarfilm beizutragen. Naoshi lernte er auf einem Kirschbl\u00fctenfest kennen, das dieser im Jahr 2011 zeitnah zur Katastrophe organisiert hatte. Ikeya erinnerte sich bei der Berlinale an einen der ersten S\u00e4tze, den er von Naoshi dort h\u00f6rte: &#8222;Die Kirschbl\u00fcten bl\u00fchen auch dieses Jahr, wie immer.&#8220; Der Regisseur \u00fcbermittelte in Berlin eine Gru\u00dfbotschaft von Naoshi, und aus dem Publikum kamen Antworten dazu, die Ikeyas Kameramann aufzeichnete. So wurde eine \u2013 wenn auch sehr zarte \u2013 Verbindung zwischen Berlin und Rikuzentaka gekn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Zum Film gibt es eine <a href=\"http:\/\/senzoninaru.com\/index.html\">Webseite<\/a>, auch auf Englisch, auf der man viele Informationen und einen Trailer findet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohay\u00f4! Ky\u00f4 mo ganbarimash\u00f4! &#8222;Guten Morgen! Lass uns auch heute unser Bestes geben!&#8220; &nbsp; Dieser Satz, gerufen durch einen gelben Trichter, steht am Anfang des Dokumentarfilms Senzo ni naru \u5148\u7956\u306b\u306a\u308b (&#8222;Roots&#8220;), der bei der Berlinale vorgestellt wurde. 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