{"id":11074,"date":"2013-02-19T11:54:50","date_gmt":"2013-02-19T10:54:50","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11074"},"modified":"2020-07-22T14:29:58","modified_gmt":"2020-07-22T12:29:58","slug":"kein-dokumentarfilm-uber-walfang-kujira-no-machi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11074","title":{"rendered":"Kein Dokumentarfilm \u00fcber Walfang: Kujira no machi"},"content":{"rendered":"<p><em>Kujira no machi<\/em> (Stadt der Wale), der auf der diesj\u00e4hrigen Berlinale in der Sektion Panorama gezeigt wurde, ist der Abschlussfilm und erste Spielfilm von Tsuruoka Keiko. Die Handlung dreht sich um die drei Jugendlichen Machi, Hotaru und Tomohiko, die durch Freundschaft aber auch unerwiderte Liebe miteinander verbunden sind: Hotaru liebt Tomohiko, Tomohiko liebt Machi und Machi ist in ihrer eigenen Welt versunken. Auf der Suche nach Machis verschwundenem Bruder, der die Familie vor sechs Jahren verlie\u00df, reisen die Freunde nach Tokyo. Da Tsuruoka fast kein Budget zur Verf\u00fcgung stand, werden alle Rollen von Freunden und Bekannten \u00fcbernommen, weshalb im Film auch keine Erwachsenen vorkommen. Diese Sachzw\u00e4nge haben aber ein durchaus positives Ergebnis: Die Vertrautheit der Schauspieler untereinander und mit der Regisseurin erzeugt eine gewisse Intimit\u00e4t, von der der Film lebt und die Abwesenheit von Machis Mutter verdeutlicht die Einsamkeit von Machi.<\/p>\n<p>Auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so scheint: Auch in diesem Film spielen die Ereignisse vom M\u00e4rz 2011 ein wichtige Rolle. Als die Dreifach-Katastrophe passierte, verwarf Tsuruoka ihr bisheriges Drehbuch und fing noch einmal neu an. Der Tsunami wird in <i>Kujira no machi <\/i>durch das Motiv des Wassers repr\u00e4sentiert, das sich durch den gesamten Film zieht. Der Tsunami lie\u00df viele Menschen spurlos verschwinden und zur\u00fcck blieb nur eine Leere. In <i>Kujira no machi<\/i> ist es Machis Bruder, der verschwunden ist. Zur\u00fcck bleiben nur ein leeres Apartment und das Tropfen des Wassers.<\/p>\n<p>Der Titel <i>Kujira no machi<\/i> wurde im Berlinale Programm mit <i>The Town of Whales<\/i>, die Stadt der Wale, ins Englische \u00fcbersetzt, kann aber im Japanischen noch anders verstanden werden: Wenn man <i>machi<\/i> nicht als das japanische Wort f\u00fcr Stadt liest, sondern als den gleichklingenden Namen der Protagonistin. Dann ist Machi der Wal. Im Traum fragt Machis Bruder Teppei sie: \u201eWarum k\u00f6nnen die Wale nicht an Land bleiben? Weil sie dort ihr Gewicht nicht tragen k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie ins Wasser zur\u00fcckkehren.\u201c Auch Machi ist nur gl\u00fccklich, wenn sie schwimmen kann. In Situationen von emotionalem Stress kehrt sie ins Wasser zur\u00fcck. Warum aber gerade ein Wal? \u201eWeil ich Wale mag\u201c, meint die Regisseurin, aber auch weil der Wal ein magisches Wesen sei. Denn Wale seien aus dem Meer gekommen und an Land gegangen, aber dann wieder ins Meer zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Nicht nur die Symbole des Wassers und des Wals sollen eine magische Stimmung erzeugen. Tsuruoka bedient sich auch verschiedener gestalterischer Mittel zu diesem Zweck. Teilweise wird das Bild so stark \u00fcberbelichtet, dass das wei\u00dfe, glei\u00dfende Licht den gesamten Frame ausf\u00fcllt. Zudem verwendet sie eine Farbt\u00f6nung, die in manchen Szenen die Farben \u00fcbernat\u00fcrlich leuchten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zu dieser magischen Stimmung soll, laut Tsuruoka, auch der Freund des Bruders beitragen, den die drei auf ihrer Suche um Hilfe bitten. Nanao kleidet sich als Frau und benutzt im Japanischen eine weibliche Ausdrucksweise. Diese Ambiguit\u00e4t, die nur eine solch ambivalente Figur auszudr\u00fccken vermag, trage zur magischen Stimmung bei. F\u00fcr Tsuruoka war die Verwendung einer solchen Figur nicht in einem Hinweis auf eine Gender-Problematik verbunden \u2013 auch wenn die Publikumsfragen beim Q&amp;A auf der Berlinale darauf hindeuten, dass es als Hinweis auf die sexuelle Orientierung des Bruders gelesen wurde und als m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr seine Trennung von der Familie.\u00a0 \u00dcbrigens wurde der Film auch von den Teddy-Award-Veranstaltern \u00a0in seine Liste der \u201eQueer Films\u201c der diesj\u00e4hrigen Berlinale aufgenommen. Dies zeigt auch wie unterschiedlich man den Film interpretieren kann.<\/p>\n<p>Fazit: Ein durchaus sehenswerter Film, der viele Deutungen zul\u00e4sst, einen aber deshalb auch etwas unbefriedigt zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Stephanie Klasen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kujira no machi (Stadt der Wale), der auf der diesj\u00e4hrigen Berlinale in der Sektion Panorama gezeigt wurde, ist der Abschlussfilm und erste Spielfilm von Tsuruoka Keiko. Die Handlung dreht sich um die drei Jugendlichen Machi, Hotaru und Tomohiko, die durch Freundschaft aber auch unerwiderte Liebe miteinander verbunden sind: Hotaru liebt Tomohiko, Tomohiko liebt Machi und Machi ist in ihrer eigenen Welt versunken. Auf der Suche nach Machis verschwundenem Bruder, der die Familie vor sechs Jahren verlie\u00df, reisen die Freunde nach Tokyo. Da Tsuruoka fast kein Budget zur Verf\u00fcgung stand, werden alle Rollen von Freunden und Bekannten \u00fcbernommen, weshalb im Film auch keine Erwachsenen vorkommen. Diese Sachzw\u00e4nge haben aber ein durchaus positives Ergebnis: Die Vertrautheit der Schauspieler untereinander und mit der Regisseurin erzeugt eine gewisse Intimit\u00e4t, von der der Film lebt und die Abwesenheit von Machis Mutter verdeutlicht die Einsamkeit von Machi. Auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so scheint: Auch in diesem Film spielen die Ereignisse vom M\u00e4rz 2011 ein wichtige Rolle. 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