{"id":11027,"date":"2013-02-15T23:33:54","date_gmt":"2013-02-15T22:33:54","guid":{"rendered":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11027"},"modified":"2020-07-03T00:49:49","modified_gmt":"2020-07-02T22:49:49","slug":"yamada-yojis-geschenk-an-sich-selbst-tokyo-kazoku","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moja.phil.hhu.de\/?p=11027","title":{"rendered":"Yamada Y\u00f4jis Geschenk an sich selbst: T\u00f4ky\u00f4 Kazoku"},"content":{"rendered":"<p>Yamada Y\u00f4jis neuer Film <em>T\u00f4ky\u00f4 Kazoku <\/em>\u6771\u4eac\u5bb6\u65cf<em>&nbsp;<\/em>(&#8222;Tokyo Family&#8220;), der am Mittwoch auf der Berlinale vorgestellt wurde, klingt zun\u00e4chst m\u00e4chtig schwergewichtig: Ein Film, mit dem der Regisseur das mittlerweile 50. Jahr seines Schaffens feiert, ein Remake von Ozus Meisterwerk <em>T\u00f4ky\u00f4 Monogatari<\/em>, und das auch noch zum 60. Jubil\u00e4um dieses Films, der 1953 erschienen ist. Allen Bef\u00fcrchtungen zum Trotz wurde es dann doch ein vergn\u00fcglicher Kino-Abend mit einem Film, dessen Drehbuch sehr nah am Original bleibt, aber seine ganz eigene Stimmung entwickelt, eine typische Yamada-Y\u00f4ji-Stimmung mit vielen Momenten zum Schmunzeln und einigen zum traurig sein.<\/p>\n<p>Seine Qualit\u00e4t gewinnt Yamadas Film nicht aus einer Aktualisierung oder gar einem Einbezug virulenter gesellschaftlicher Tendenzen. Zwar wird auch das Leben der Familie Hirayama, die wir hier kennenlernen, ganz am Rande von der Katastrophe vom 11. M\u00e4rz 2011 ber\u00fchrt, zwar bezeichnet sich einer der S\u00f6hne selbst als&nbsp;<em>Freeter<\/em> (wobei er als B\u00fchnenbildner wohl eher der Kategorie&nbsp;&#8222;freier K\u00fcnstler&#8220; zuzuordenen w\u00e4re) \u2013 diese Elemente wirken jedoch eher wie Randbemerkungen, die Yamada notgedrungen fallen l\u00e4sst, um nicht zu antiquiert zu wirken. Ansonsten hat sich n\u00e4mlich f\u00fcr ihn&nbsp;nicht viel ge\u00e4ndert seit den 1950er Jahren, als Ozu seinen Film schuf, der so treffend die Kluft zwischen den Generationen im Nachkriegsjapan einfing. Fumiko, die Frau des \u00e4ltesten Sohnes, sieht man die meiste Zeit mit Sch\u00fcrze in der K\u00fcche stehen, immer ihre Pflicht gegen\u00fcber der Familie erf\u00fcllend. Dass der schusselige Sohn Sh\u00f4ji, den Yamada sozusagen hat auferstehen lassen (bei Ozu war er im Krieg gefallen), pl\u00f6tzlich eine aufger\u00e4umte Wohnung hat, liegt nicht an dessen pers\u00f6nlicher Entwicklung, sondern daran, dass er jetzt eine Verlobte hat \u2013 Noriko, der &#8222;Engel&#8220; des Films, der sich r\u00fchrend um die Schwiegereltern k\u00fcmmert und vor der Ehe auf getrennte Schlafzimmer besteht. Die <em>ry\u00f4sai kenbo<\/em> (&#8222;gute Ehefrau und weise Mutter&#8220;) l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn man aber die Haltung einnimmt, von dem mittlerweile 81-j\u00e4hrigen&nbsp;Yamada keine gesellschaftskritischen Statements zu erwarten, und sich auf die Geschichte einl\u00e4sst, so macht sie durchaus Spa\u00df,&nbsp; nicht zuletzt wegen der gro\u00dfartigen Schauspieler, die der Regisseur gewinnen konnte. Wie bei Ozu wirkt das&nbsp;\u00e4ltere Ehepaar, das von einer Insel vor Hiroshima nach Tokyo gereist kommt, wie aus einer anderen Zeit. Zwar hat die 68-j\u00e4hrige Tomiko (Yoshiyuki Kazuko)&nbsp;gelernt, wie man ein Handy benutzt, dennoch erscheint es in ihrer Hand wie ein Fremdk\u00f6rper, wenn sie mit ihren Kindern telefoniert. Ihr Mann Sh\u00fbkichi (Hashizume Isao) wundert sich, dass der Enkel abends noch zu einer Nachhilfeschule gehen muss: <em>Taihen da ne \u2013 T\u00f4ky\u00f4 no ko wa<\/em>. (&#8222;Die Kinder in Tokyo haben es schon schwer&#8220;).<\/p>\n<p>Eine der st\u00e4rksten Episoden des Films ist der Kurztrip, den die Kinder ihren Eltern schenken, um sie f\u00fcr eine Weile loszuwerden \u2013 schlie\u00dflich sind alle zu besch\u00e4ftigt. W\u00e4hrend Ozu seine Protagonisten nach Atami, ein Seebad, schickte, landen Tomiko und Sh\u00fbkichi bei Yamada in einem schicken Hotel hoch \u00fcber Minato Mirai, dem futuristisch anmutenden Viertel am Hafen von Yokohama. Ein Luxus, vor dem sie hilflos stehen wie Kinder. So sitzen sie schlie\u00dflich am hellichten Tag in ihrem Zimmer und haben nichts anderes zu tun, als das Riesenrad vor ihrem Fenster bei seinen gem\u00e4chlichen Drehungen zu beobachten und sich an ein erstes Rendezvous und den &#8222;Dritten Mann&#8220; zu erinnern. Wenn das Ehepaar beinahe resigniert vor seinem feinen europ\u00e4ischen Essen und den zahlreichen Besteckoptionen des Nobelrestaurants sitzt, hat das nichts L\u00e4cherliches, sondern man f\u00fchlt einfach mit.<\/p>\n<p>Yamada hat sich auch in der Wahl seiner Kameraeinstellungen an Ozu orientiert. Als Regieassistent hat er einst selbst miterleben k\u00f6nnen, wie der Meister seinen Szenenaufbau gestaltete. Sp\u00fcrbar wird die stilistische Hommage an Ozu vor allem in den h\u00e4uslichen Episoden, in denen die Kamera h\u00e4ufig die &#8222;Tatami-Perspektive&#8220;, also die Perspektive eines am Boden sitzenden Menschen, einnimmt. Auch deshalb kommen wohl so viele Zimmer im japanischen Stil vor.<\/p>\n<p>Yamada Y\u00f4jis <em>T\u00f4ky\u00f4 Kazoku<\/em>&nbsp;ist vergn\u00fcglich, aber ohne die Sch\u00e4rfe und Aktualit\u00e4t, die <em>T\u00f4ky\u00f4 Monogatari<\/em> auszeichnen. Wenn der alte Vater in <em>T\u00f4ky\u00f4 Kazoku<\/em> sagt &#8222;jetzt sind wir obdachlos&#8220;, dann lacht der Kinosaal. Bei T\u00f4ky\u00f4 Monogatari hatte dieser Satz eine ungleich resigniertere Note. Yamada als ewiger Optimist kann eben die Familie nicht verloren geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen Trailer gibt es auf der <a href=\"http:\/\/www.tokyo-kazoku.jp\/\">offiziellen Webseite<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yamada Y\u00f4jis neuer Film T\u00f4ky\u00f4 Kazoku \u6771\u4eac\u5bb6\u65cf&nbsp;(&#8222;Tokyo Family&#8220;), der am Mittwoch auf der Berlinale vorgestellt wurde, klingt zun\u00e4chst m\u00e4chtig schwergewichtig: Ein Film, mit dem der Regisseur das mittlerweile 50. Jahr seines Schaffens feiert, ein Remake von Ozus Meisterwerk T\u00f4ky\u00f4 Monogatari, und das auch noch zum 60. Jubil\u00e4um dieses Films, der 1953 erschienen ist. Allen Bef\u00fcrchtungen zum Trotz wurde es dann doch ein vergn\u00fcglicher Kino-Abend mit einem Film, dessen Drehbuch sehr nah am Original bleibt, aber seine ganz eigene Stimmung entwickelt, eine typische Yamada-Y\u00f4ji-Stimmung mit vielen Momenten zum Schmunzeln und einigen zum traurig sein. Seine Qualit\u00e4t gewinnt Yamadas Film nicht aus einer Aktualisierung oder gar einem Einbezug virulenter gesellschaftlicher Tendenzen. Zwar wird auch das Leben der Familie Hirayama, die wir hier kennenlernen, ganz am Rande von der Katastrophe vom 11. M\u00e4rz 2011 ber\u00fchrt, zwar bezeichnet sich einer der S\u00f6hne selbst als&nbsp;Freeter (wobei er als B\u00fchnenbildner wohl eher der Kategorie&nbsp;&#8222;freier K\u00fcnstler&#8220; zuzuordenen w\u00e4re) \u2013 diese Elemente wirken jedoch eher wie Randbemerkungen, die Yamada notgedrungen fallen l\u00e4sst, um nicht zu antiquiert zu wirken. 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