Der Atombombenabwurf veränderte nicht nur Japan, sondern die ganze Welt.

Herr Sotobayashi ist 82 Jahre alt. Als er 16 war hat er den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945 erlebt und verlor dabei seine Mutter. 1957 kam er nach Berlin um Chemie zu studieren und später lehrte er auch an der Technischen Universität Berlin und am Max-Planck-Institut. Das Institut für Modernes Japan lud ihn ein einen Vortrag zu halten.

Er hat 30 Jahre in Japan gelebt und 50 Jahre in Deutschland. Zu Beginn der Pressekonferenz, die anlässlich seines Vortrages „Zum Gedenken an Hiroshima und Nagasaki“ an der Heinrich Heine Universität gegeben wird, betont Herr Sotobayashi diese Abschnitte seines Lebens und fügt hinzu: „Ich bin ja Berliner“. An diesem Dienstag, dem 12. April, steht die Reaktor-Katastrophe von Fukushima zum ersten Mal seit einigen Tagen wieder in den Schlagzeilen, weil die INES-Gefahrenstufe nun offiziell auf 7 angehoben wurde und damit auf derselben Stufe steht wie Tschernobyl damals. Die Reporter, die zur Pressekonferenz erschienen sind, sind froh, dass sie in Herrn Sotobayashi einen Ansprechpartner gefunden haben, zu dem keine Sprachbarriere besteht.

So dreht sich die Pressekonferenz auch vor allen Dingen um die aktuellen Geschehnisse in Fukushima und Herrn Sotobayashis Standpunkt diesbezüglich. Die Planung seines Vortrages liegt jedoch schon länger zurück und fand statt, bevor irgendein öffentliches Medieninteresse entstand. Der Vortrag zum Gedenken an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki in 1945 war bereits für die Japanwoche anlässlich des 150-jährigen Jubiläums deutsch-japanischer Beziehungen angedacht, wurde dann aber vorverlegt und vom Institut für Modernes Japan selbst organisiert. Nun, nach Fukushima, ist Herr Sotobayashi in der deutschen Medienlandschaft kein Unbekannter mehr. So gab er bereits ein Interview im Tagesspiegel und erschien als Gast in der Sendung „Titel Thesen Temperamente“ in der ARD.

Herr Sotobayashi betont aber, dass er sich außer in den letzten Wochen nicht besonders mit dem Thema Atomkraft auseinander gesetzt hat. Trotzdem ist er zu einigen klaren Schlüssen gekommen. „Zwischen der Naturkatastrophe und der menschlichen Katastrophe muss unterschieden werden“, betont er zuerst. Auf Naturkatastrophen, wie das Erdbeben und den anschließenden Tsunami, hätten Menschen wenig Einfluss. Die Reaktor-Katastrophe in Fukushima sei jedoch ein eindeutig menschengemachtes Problem.

Die Journalisten lenken die Frage auch schnell auf eine Thematik, die besonders in Deutschland in der Fukushima-Berichterstattung entstanden ist: Haben die Japaner eine andere Einstellung zur Atomkraft aufgrund ihrer Vergangenheit? Erleben die Japaner diese Reaktor-Katastrophe anders als ein anderes Volk?

Herr Sotobayashi weist auf die Atomlobby hin. Natürlich wird gesagt, dass militärische Nutzung von Atomtechnologie etwas ganz anderes sei als die „sichere“ und „friedliche“ Nutzung von Atomkraft zur Stromerzeugung. Dies bezeichnet er aber als Propaganda. Wie die jüngsten Vorkommnisse zeigen, ist Atomkraft nicht absolut sicher. Auch die Friedfertigkeit einer Technologie, die nie zuvor dagewesene Elemente wie Plutonium neu erschafft, bezweifelt er. Dass Menschen überhaupt etwas erschaffen, das über 100 Millionen Jahre, weit über die ganze bewusste Zeitrechnung der Menschheit bisher hinaus, immer weiter strahlen wird, bezeichnet er als „Unsinn“. Friedliche Atomenergie ist ein Mythos.

Schließlich kommt Herr Sotobayashi auf den Umgang der Japaner mit den verstrahlten Menschen aus der Fukushima-Region zu sprechen. Er kennt diese Isolierung der Menschen die jetzt stattfindet, genauso wie sie damals nach Hiroshima und Nagasaki stattgefunden hat. Dazu erzählt er als Beispiel die Geschichte eines Kindes.

Eine Familie ist aus Hiroshima in eine neue Stadt umgezogen. Das Kind findet neue Freunde und erzählt diesen von seiner Geschichte, von dem Erlebnis des Atombombenabwurfs. Anfangs sind die anderen Kinder sehr neugierig und gemeinsam spielen sie die Geschehnisse auch nach. Irgendwann jedoch kommt das Kind weinend nach Hause und erzählt seiner Mutter, dass die anderen Kinder nicht mehr mit ihm spielen wollen. Die Eltern haben es verboten, da von diesem Kind Gefahr ausginge. Dieser Gedanke, dass eine Person, die einmal verstrahlt worden ist, in irgendeiner Weise weiterstrahlt und „infektiös“ sei, die ist vorhanden, obwohl sie jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Ähnlich ist es, erzählt Herr Sotobayashi, wenn Menschen aus der Region einen Ehepartner oder eine neue Arbeitsstelle finden wollen. Die Menschen haben eine irrationale Infektionsangst, was Opfer von atomarer Strahlung angeht.

Er betont jedoch, dass dies kein japanisches Phänomen sei. In Deutschland ist diese Angst beispielsweise genauso vorhanden. An der Gedenktafel zum Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki in Potsdam sind zwei Steine aus den Städten eingelassen. Die Inschrift besagt „Diese Steine wurden damals verstrahlt. Heute geht keine Gefahr mehr von ihnen aus“. Die Steine wurden in der Universität von Hiroshima vorher untersucht und auf Strahlung getestet. Von ihnen ging lediglich dieselbe niedrige Strahlung aus, die von Gesteinen üblicherweise ausgeht. Trotzdem erhielt Herr Sotobayashi Anrufe, dass Bürger sich Sorgen bezüglich der Steine machten und sie nicht da haben wollten. Irrationale Ängste bezüglich atomarer Strahlung sind also keineswegs ein besonderes Merkmal der Japaner.

Auch wenn die Opfer von Hiroshima, Nagasaki und Fukushima einen ähnlichen Umgang durch ihre Mitmenschen erfahren, so war die Unwissenheit damals jedoch schlimmer. Hiroshima wurde nicht evakuiert. Niemand wusste überhaupt, was genau passiert war. In der ersten Zeit zeigten die Menschen die typischen Anzeichen der Strahlenkrankheit: Haarausfall und Zahnfleischbluten. Viele von ihnen starben noch im August. Es war außerdem verboten, über die Verstrahlung zu schreiben und selbst die Verbindung zum Roten Kreuz wurde unterbunden. Die einzige Untersuchung, die Opfer der Atombombenwürfe erhielten, war eine regelmäßige Blutabnahme, über deren Ergebnisse sie nicht unterrichtet wurden. Genaueres über atomare Strahlung erfuhr man erst Jahre später, als die USA begannen, Atomtests im Bikini-Atoll abzuhalten.

Heute kann man sich zumindest Zugang zu wissenschaftlichen Informationen über die Strahlung beschaffen und es wird darüber berichtet. Außerdem können die Opfer von Fukushima behandelt werden. Herr Sotobayashi sieht dies als Glück an, zumindest wenn man es mit der Situation von damals vergleicht.

Auf die Frage hin, was man nun tun sollte, antwortet Herr Sotobayashi, dass es zu allererst einmal wichtig sei, Fukushima abzuschirmen und die Verbreitung der Teilchen wie Plutonium zu unterbinden. Hier macht er auch seinen Standpunkt klar, dass Japan internationale Hilfe akzeptieren sollte, da nukleare Belange die ganze Welt angingen, die ganze Welt dieselben Risiken trage.

Die einzelnen Menschen jedoch können nicht viel tun. Wenn man eine Wohnung und eine Arbeit in Tokyo hat, dann kann man nicht einfach weggehen. Stattdessen sollte man sich entscheiden, in Zukunft mehr erneuerbare Energien zu nutzen und so zu einer Wende beizutragen. Die Anti-Atombewegung in Deutschland findet Herr Sotobayashi gut. Sie könnte durchaus als Vorbild für die japanische Anti-Atombewegung dienen, die nun noch in den Kinderschuhen steckt.

Bei seinem Vortrag schließlich dreht sich alles weniger um Fukushima, sondern um das eigentlich angedachte Thema: die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Zu Anfang des Vortrages betont er: „Ich spreche über Hiroshima nicht als Japaner, sondern als einer von sechs Milliarden Menschen“. Eindrucksvoll erläutert Herr Sotobayashi den Studenten anhand seiner persönlichen Aufzeichnungen und einer Landkarte die Abläufe am Tag des Atombombenabwurfs. Seinen Weg von der zusammengestürzten Schule zurück nach Hause und die Suche nach seiner Mutter.

Er führt außerdem den Film „Hiroshima – Where did my Home go?“ von Masaaki Tanabe vor. In diesem Film wurde anhand von Aufzeichnungen, Erinnerungen und Fotos von damaligen Einwohnern Hiroshimas das Stadtzentrum rekonstruiert. Mithilfe von Computeranimation und Soundrekreation kann der Betrachter so die einzelnen Gassen entlang gehen und auch das Innere einiger Häuser wurde gezeigt.

Natürlich wurde in der anschließenden Diskussion die historische Kontextlosigkeit des Filmes kritisiert. Dieser Film verfolgt aber keine historisch dokumentarische Absicht in diesem Sinne, sondern ist als Lebenswerk der damaligen Einwohner zu sehen, die Menschen daran zu erinnern, wie Hiroshima damals aussah. Die meisten Bilder, die man von Hiroshima kennt zeigen eine zerstörte graue Fläche. Der Film zumindest vermittelt, dass Hiroshima auch eine lebendige Stadt war.

Herr Sotobayashis Message wird zum Ende noch einmal sehr deutlich. „Die Existenz der Nuklearwaffe hat einen negativen Einfluss auf die menschliche Seele und den menschlichen Geist“. Dies ist nicht nur auf Japan bezogen, da sich bei dem Atombombenabwurf nicht nur Japan, sondern die ganze Welt veränderte. Ähnlich trägt nun die ganze Welt die Verantwortung für die Benutzung von Atomenergie.

 

Bericht: Katharina Hülsmann

Fotos: David Pham

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